Im Zoo der Lifestyle-Eitelkeiten

Artikel veröffentlicht am 26. August 2009
Artikel veröffentlicht am 26. August 2009
Umgangsprachliche Ausdrücke wie hipster, bobo und bananowe dziecko drücken der dekadenten, jugendlichen Mittelklasse von Amerika bis Polen seit den 1940er Jahren einen ironischen Stempel auf.

Man kann in New York kaum einen Schritt tun, ohne diesen bleichgesichtigen, in American Apparel gekleideten Karottenhosenträger mit Hornbrille über den Weg zu laufen. Sie behaupten, vegan zu leben, und übersehen dabei galant ihre angesagten Lederstiefel aus dem Second Hand-Laden. Der amerikanische hipster , dessen Name in den 1940er in Anlehnung an „hop“ (die umgangssprachliche Bezeichnung für Opium; A.d.R.) erfunden wurde, zeichnet sich dadurch aus, dass er ekelerregend stolz auf seinen alternativen Lebensstil ist. Sein französisches Pendant ist der bobo(Abkürzung für bourgeois-bohème, auf Deutsch "bürgerlich-bohemienhaft"; A.d.R.), der typischerweise in Paris lebt, biologische Lebensmittel bevorzugt und nur Kleidungsstücke aus Naturfaser trägt. Auf sein iPhone, das Schlachtschiff der industriellen Massenproduktion, mag er aber trotzdem lieber nicht verzichten.

Der moderne hipster weicht der Politik zwar aus, aber der französische bobo entstand im Umfeld der linken Kulturrevolution der 68er. Im Gegensatz dazu verdiente sich der polnische bananowe dziecko  (auf Deutsch „Bananenkinder“; A.d.R.) seinen Namen durch seine betont oppositionelle Haltung gegenüber der kommunistischen Linken. Aus den Kindern der linken Kader wurden Aktivisten, die gegen die alte Elite rebellierten und sich den Vorwurf einhandelten, das eigene Nest zu beschmutzen. Von den Kommunisten wurden sie „Bananenkinder“ genannt, da die Banane zu Zeiten des Kalten Krieges astronomisch teuer war und daher nur Mitglieder der gutbetuchten, kommunistenfreundlichen Kreise, aus denen die Revoluzzer stammten, sich diese leisten konnten.

Während der bobo heutzutage immer noch die Sozialisten oder die Grünen wählt, ist die nächste Generation der französischen Bohemiens schon zu den limousine liberals, die von Klimaschutz sprechen und Limousinen fahren, übergegangen. Der gauche-caviar(auf Deutsch „Kaviar-Linke“; A.d.R.), wie der Franzose linke Politiker mit teuren Shoppinggewohnheiten nennt, wird oft vorgeworfen, dass sie den Draht zum Volk verloren habe. Italiener kennen dieses Phänomen unter dem Namen radical chic(politisch linksstehende, volksferne Politiker mit Vorliebe für Luxusgüter; A.d.R.). Die Briten hingegen verlachen die dekadenten Politiker der Labour-Partei seit 1989 gerne als champagne socialists.

Ende der 1980er Jahre wurden Kaviar und Champagner aufgrund des Börsencrashs vorerst außer Gefecht gesetzt und beendeten damit die yuppie-Kultur (Abkürzung für young urban professional; A.d.R.) in den englischsprachigen Ländern und Deutschland. Wer weiß, welche Spezies sich auf dem Nährboden der gegenwärtigen Wirtschaftskrise entwickeln wird? Und welche Kleider werden sie tragen?

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