Im Osten heißt die Zukunft Sozialwirtschaft

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Junge Globalisierungsgegner demonstrieren gegen die Ausbeutung der Großkonzerne. Und dabei scheinen sie nicht zu merken, dass es das, wonach sie suchen, bereits gibt…

Während der zweiten Europäischen Konferenz der Sozialwirtschaft letzten Oktober in Krakau, fand ich heraus, dass meine Lieblingskosmetika von einer Genossenschaft* hergestellt werden. Ich war angenehm überrascht zu sehen, dass ein Unternehmen, welches attraktive und wettbewerbsfähige Produkte produziert, auf dem einfachen Prinzip basieren kann: „Menschen gehen vor Profit“. Die während der Konferenz stattfindende Ausstellung von Artikeln, die von Genossenschaften hergestellt werden, sollte zeigen, dass Genossenschaften in Polen erfolgreich sind. Die Konferenz hat zwar einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Entwicklung von sozialökonomischen Unternehmen zu fördern, aber in Mittel- und Osteuropa steht dieser Form von Unternehmung noch ein langer Weg bevor, bis sie als erfolgreich gelten wird.

Das nächste große Ding?

Beim Gespräch mit Thierry Jeantet, Generaldirektor des nicht profitorientiertem Versicherungskonsortiums Euresa, scheint es, dass die Sozialwirtschaft der einzige logische Weg der Zukunft sein kann. Kapitalismus ist ein altes, ungerechtes System und es muss durch ein Neues ersetzt werden, welches auf Solidarität, ethischen und sozialen Prinzipien basiert. Aber es kommen bei der Betrachtung der heutigen Situation in Mittel- und Osteuropa Zweifel auf. Wird die Sozialökonomie wirklich das nächste große Ding werden? In den 90ern schossen Assoziationen, Nicht-Regierungsorganisationen und andere Formen von nicht kommerziellen Unternehmungen geradezu aus dem Boden. Doch meistens ließen sie sich in Großstädten nieder und ließen ländliche Regionen völlig außen vor. Darüber hinaus handelt es sich bei der Mehrzahl, die in diesem „dritten Sektor“ tätig sind, um Akademiker. Dies bedeutet, dass der Anteil von Durchschnittsbürgern in der Sozialwirtschaft sehr gering ist.

Von allen Formen der Sozialwirtschaft in Mittel- und Osteuropa ist die Genossenschaft wahrscheinlich diejenige, die am schlechtesten gefahren ist und die in den letzten Jahren rapide an Bedeutung verlor. Es gab zur Zeit des Kommunismus eine große Zahl von Genossenschaften. Diese operierten jedoch als quasi-staatliche Agenturen. Sie waren in der nationalen Wirtschaftspolitik verankert und ihre gesamten Aktivitäten unterlagen staatlichem Eingreifen. Schlüsselpositionen innerhalb der Genossenschaften hatten Mitarbeiter inne, die vom Staat und seiner Bürokratie ernannt wurden. Zusammen mit ihrer monopolistischen Position hatten sie schnell einen schlechten Ruf weg, der bis heute nachhallt. Sie gelten als ein Überbleibsel des alten Regimes und finden keine große Unterstützung in der jungen Generation. Andrzej Cichon von der polnischen Genossenschaft der Sattler, behauptet, dass das Geschäft gut läuft. Die Mehrzahl der Mitglieder ist jedoch mittlerweile über 50 Jahre alt und es fehlt der Genossenschaft an „jungem Blut“, was nichts Gutes bedeutet. Ein weiteres Problem für Genossenschaften stellt das Bildungssystem dar. Es erwähnt sie noch nicht einmal, was zur Folge hat, dass die junge Generation nicht weiß, wofür sie gut sind. Und falls sie es doch wissen, glauben sie nicht, dass diese Form von Unternehmung wettbewerbsfähig ist. „Sie tendieren dazu, zu glauben, dass alles gut ist, was nicht staatlich oder sozial ist“, gesteht Cichon ein. Er hofft jedoch, dass die EU-Mitgliedschaft die Situation von Genossenschaften ändern wird, da durch den einfacheren Zugang zu den Märkten und zusätzlichen Geldern mehr Befürworter gewonnen werden könnten.

Image-Probleme

Die negative öffentliche Wahrnehmung von Sozialwirtschaft, geprägt durch den Kommunismus und die seit seinem Untergang herrschende neo-liberale Ideologie, macht sozialen Unternehmen das Leben nicht einfach. Während kommerzielle Privatisierung angepriesen wird, hat die Sozialwirtschaft nicht genügend politische Anerkennung erlangt. Ihre Rolle und Wichtigkeit wurde nicht nur vernachlässigt, sondern sie wurde aufgrund ihrer Assoziation mit dem alten System diskriminiert, wie auf der Konferenz in Krakau hervorgehoben wurde. Das Ergebnis war, dass sich die Sozialwirtschaft während der Übergangszeit, als so viele Menschen ausgeschlossen waren und dringend irgendeine Art von Hilfe benötigten, um sich in der neuen, kapitalistischen Realität zurecht zu finden, in einer Krise befand. Sie war unfähig auf die Bedürfnisse dieser Menschen einzugehen.

Folglich hatte die Solidarität, Gemeinschaftsarbeit und Selbst-Hilfe, die einst eine so wichtige Rolle bei der Abschaffung der kommunistischen Regierungen in Mittel- und Osteuropa spielte, mit Erlangung der völligen Unabhängigkeit ausgeblüht. Philippe Saffray ist Repräsentant der MACIF in Polen, einer Versicherung auf Gegenseitigkeit. Er legt dar, dass die Herausforderung seines Unternehmens darin besteht, das Vertrauen und die Zuversicht der Polen wiederzugewinnen, die sich den kommerziellen Versicherungsgesellschaften zugewandt haben. Wenn er Leuten erzählt, dass sich Versicherungen auf Gegenseitigkeit nicht zum Ziel setzen, Produkte zu verkaufen sondern vor allem den Kundenbedürfnissen gerecht zu werden, wird er entweder für ein Mitglied einer Sekte oder für einen besonders gewieften Verkäufer gehalten. Diese und viele andere Probleme, denen die Sozialwirtschaft in Mittel- und Osteuropa begegnet, lassen mich zu dem Schluss kommen, dass es noch eine Menge zu tun gibt, wenn den Menschen die Chance gegeben werden soll sich der Marktwirtschaft in einer Weise anzupassen, dass die Werte von Zusammenarbeit und Solidarität nicht verloren gehen. Aber, wie ich auf der Konferenz herausfand: Es ist möglich.

*Eine Genossenschaft ist ein autonomer Zusammenschluss von Leuten, die sich freiwillig in einer solidarischen und demokratisch geführten Unternehmung zusammentun, um ihren gemeinsamen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen gerecht zu werden.