Im Herzen der orangefarbenen Revolution – Teil 2: Die Söhne der Ukraine

Artikel veröffentlicht am 4. Februar 2005
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Artikel veröffentlicht am 4. Februar 2005

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Zweiter Teil unserer Reihe aus drei Reportagen über die ukrainische Jugend während den Präsidentschaftswahlen. Bedeutet diese Revolution ein Wiederaufleben des ukrainischen Nationalismus?

Alexis schnorrt sich eine Zigarette. Mit seinen zwanzig Jahren schütz er den „Bezirk 0“, das Herz des Zeltlagers, und hält abwechselnd mit anderen Jugendlichen Tag und Nacht Wache. Er gehört zu einer der vier oder fünf Milizen, die am 21. November gegründet wurden. Seine Miliz heißt „Die Söhne der Ukraine“. Mit einem kakifarbenen Tarnanzug bekleidet steht Alexis in einer der Kantinen des Camps, wo kleine Militäranhänger und Holzöfen, die von Milizsoldaten im Akkord mit Holz versorgt werden, dazu dienen, Suppe und Teewasser zu erhitzen. Alexis erklärt die Gründe für diese beinahe militärische Disziplin: „Wir befürchten, dass die Polizei unerwartet auftauchen und uns vertreiben könnte.“

Die Revolution ging nicht ohne Schrecken vonstatten, besonders nicht in der ersten Woche. Brice Bader, ein Franzose, der mit seiner ukrainischen Freundin seit einem Monat im Zeltlager lebt, erzählt: „Eines Abends forderte man uns dazu auf, uns zu versammeln. Man sagte uns: ‚Wer gehen will, kann gehen; wer aber bleiben will, ist uns willkommen.’ Es kursierte das Gerücht, dass die Armee einschreiten würde um uns zu vertreiben, und dass russische Soldaten in ukrainischen Uniformen gekommen seien.“ Diese Information war überdies von der BBC gemeldet worden, die an jenem Abend des 28. November Truppenbewegungen festgestellt hatte. Auch wenn die Meldung über russische Soldaten in ukrainischen Uniformen nicht bestätigt werden konnte, so ist die Präsenz von Mitgliedern des FSB, des ehemaligen KGB, innerhalb der Regierungsorgane sehr wahrscheinlich. „Wir hatten unsere Busse als erste Barriere aufgestellt; dahinter kamen die Männer und in den Zelten waren die Frauen“, fährt Brice fort. „In unseren Hosentaschen sollten wir einen Zettel mit unserer Blutgruppe tragen, für alle Fälle ... An besagtem Abend ist jedoch nichts passiert und ich glaube, dass dies der Tag war, an dem die Revolution gesiegt hat.“ Tatsächlich hat die Armee seitdem keine Anstalten mehr gemacht, einzugreifen. Die Soldaten kümmern sich in Wirklichkeit während einiger Kontrollgänge lediglich darum sicherzustellen, dass die Anhänger Janukowitschs nicht versuchen, Unruhe in der Umgebung der Camps zu stiften.

500 Jahre Unterdrückung

Einige sind es jedoch müde geworden, auf einen Feind zu warten, der nicht mehr kommt, und eine Revolution zu verteidigen, die ohnehin ein glückliches Ende zu nehmen scheint. Sie wollen mehr, sie wollen ihre Heimat verteidigen. Wie Oxana, die schon Mitglied der „schwarzen PORA“ war, ein Zweig der obskuren Studentenbewegung „PORA“, der unabhängig von der offiziellen gelben PORA sein möchte und bereit ist, seine Aktivität nach der Revolution fortzusetzen. Diesmal will Oxana der UNSO beitreten, den nationalen ukrainischen Selbstverteidigungskräften, einer anderen Miliz, die um die Zeltlager streicht, um, wie sie sagt, „die Revolution zu verteidigen“. Oxana lauscht also ihrem zukünftigen Chef, Wasil Lutyj, wie er seine Organisation vorstellt: „500 Jahre lang wurden wir von anderen Völkern unterdrückt und es gab zwangsläufig kein patriotisches Bewusstsein in der Ukraine. Daher entstand die Idee, eine paramilitärische Organisation zu unserer Verteidigung zu gründen. Das war zur Zeit der Unabhängigkeit. Es blieb uns keine andere Möglichkeit, da Moskau unsere Unabhängigkeitsbestrebungen nicht unterstützte. Wir mussten unsere Grenzen auch sichern, um ethnisch ukrainische Gebiete zu bewahren, vor allem vor dem Zuzug russischer Einwanderer.“ Ein General betritt den Raum. Alle stehen stramm. Sein Name: Ruslan Zaitschenko. „Wir sind dazu da, das Volk zu beschützen, selbst wenn wir dazu nicht unbedingt friedliche Mittel gebrauchen. Diese Revolution hätte ohne uns nicht stattgefunden, denn wir beweisen, dass die Ukrainer eine stolze Nation sind,“ verkündet er sogleich. Die UNSO beruft sich auf den französischen Nationalisten Jean-Marie Le Pen. Die extreme Rechte hat in zahlreichen osteuropäischen Ländern und in Russland eine neue Stärke erlangt. Dies gilt besonders für den Westen der Ukraine. Die UNSO gehört dazu und die orangefarbene Revolution bietet ihr einen fruchtbaren Boden: „Die Revolution hat gezeigt, dass sich Menschen mit verschiedenen Meinungen vereinen können, weil sie alle Ukrainer sind. Juschtschenko ist ein Patriot, der versteht, dass das ganze Land uns braucht. Aber auch wenn Juschtschenko gewählt wird, werden wir unsere Hände nicht in den Schoß legen“, fügt der General hinzu. Denn der Motor der Revolution ist tatsächlich der ukrainische Nationalismus, der in allen Schichten der ukrainischen Gesellschaft heimisch ist, ob er nun einfach patriotischer oder gar extremistischer Natur ist.

UNSO vereint also die von der Revolution Ausgeschlossenen, die Jugendlichen, die noch nicht alt genug sind, um zu wählen, und die Extremisten, die sich mit einer pazifistischen Aktion nicht identifizieren können ... Nicht zu vergessen diejenigen, die Uniformen lieben und Skinhead-Symbole tragen ... Ein beunruhigendes Phänomen, welches das Bedürfnis eines Teils der ukrainischen Jugend nach Brüderlichkeit und Engagement befriedigt.

Für Russland eine Kolonie

Maxim Pewschen ist Chef des mittelständischen Unternehmens „Stab“: Wenn ihr im Camp ein Zelt braucht, einen Heizstrahler oder eine Militärküche, dann müsst ihr ihn fragen. Die Revolution hat dem Grafen die Augen geöffnet, der allerdings Nachkomme der russischen Aristokratie ist: „Vor der Revolution habe ich nie daran gedacht, aber jetzt bin ich sicher, Patriot zu sein. In meiner Familie, die Russisch sprach, war das allerdings nicht der Fall. In dieser Kultur bin ich aufgewachsen. Aber mittlerweile habe ich verstanden, dass ich Teil des ukrainischen Volkes bin.“ Für ihn wie für viele andere auch definiert sich diese Identität vor allem über den Gegensatz zu Russland: „Wir sind ein eigenständiger Staat, aber die Russen denken immer noch, wir seien eine Provinz. Sie haben uns nie wie ihresgleichen behandelt. Und das, obwohl Kiew älter ist als Moskau. Sie betrachten uns auch nicht als unabhängig. Putin ist zweimal nach Kiew gereist, um Janukowitsch zu unterstützen, und das hat die Ukrainer aufgebracht.“ Denn nach russischer Vorstellung ist die Ukraine mit Sebastopol gleichzusetzen, der großen Militärstadt des russischen Patriotismus, gegründet von Katharina der Zweiten. Aber auch mit dem Donbass, dem großen Gebiet des sowjetischen Arbeiterproletariats, wo Stakanow völlig unverdient die Heldentat vollbrachte, 102 Tonnen Kohle an einem einzigen Tag zu fördern. Ein Gebiet, das die Russen besiedelt und kolonisiert haben wie die Krim. Man könnte fast sagen, ein Teil ihrer selbst.

Am Wahlmorgen geht Juschtschenko in die Kirche um zu beten. Er gibt sich sehr fromm. Am Ausgang gibt er Autogramme auf ukrainische Pässe, ganz so, als ob es noch eines Beweises für die patriotische Dimension der Bewegung bedurft hätte. An was denkt er? Vielleicht daran, dass das Schwierigste noch bevorsteht ... Wie soll er es schaffen, all diese Söhne der Ukraine zufrieden zu stellen, die gerade dabei sind, ihm zur Macht zu verhelfen?