Im Glauben vereint: Kirche und Black Metal

Artikel veröffentlicht am 4. April 2013
Artikel veröffentlicht am 4. April 2013
The Order of the Black Sheep, The Intrepid Fox, Asylum, The Glorious Undead… Nein, hierbei handelt es sich keineswegs um neue Songs einer Black Metal Gruppe, die in satanischen Texten mit dem Universum abrechnet. Ihre Namen klingen nach Weltuntergang – dahinter verbergen sich aber Kirchengemeinden, die im Laufe der letzten Monate in Großbritannien entstanden sind.

Gegründet wurden sie von praktizierenden Katholiken die sich – erkennbar unter anderem durch ihre schwarzen Lederstiefel mit klobigen Plateausohlen – gleichzeitig als überzeugte Metal Fans outen. Ihre Glaubensgemeinschaft hat wegen ihrer angeblichen Unvereinbarkeit mit christlichen Traditionen mit dem Finger auf sie gezeigt und sie ausgeschlossen. Deswegen haben die gläubigen Metaler kurzerhand die Initiative ergriffen und ihre eigenen Kirchengemeinden gegründet. Dank dieses Phänomens das Großbritannien seit einigen Monaten beschäftigt, können die Metalliebhaber nun ihren Glauben endlich frei ausleben, ohne sich den traditionalistischen Lasten der christlichen Kirchen beugen zu müssen. Blasphemie? Die Polemik um die alternativen Metal Glaubensgemeinschaften ist groß. Die Messe der Gemeinde The order of the black sheep – die Zeremonie dauert nur einige Minuten und wird von Videoclips und elektronischer Musik begleitet – wird wohl nicht allen Christen gefallen.

Eine unmögliche Verbindung?

„Es ist unglaublich wichtig, dass das, was die Jugend bewegt, in Verbindung mit ihrem Glauben an Gott steht.“

Auf den ersten Blick scheinen die Liebe zum Black Metal und der christliche Glaube unvereinbar. Um zu diesem Schluss zu kommen, ist kein Messbuch nötig – Nächstenliebe scheint mit Themen wie Anarchie, Zerstörung, dem Bösen oder Satan nicht wirklich zusammenzupassen. ‚Stimmt ja gar nicht!‘, meint Pater Culat. Ihm zufolge kann man jedenfalls Metal machen oder mögen, ohne ein Gottloser zu sein. Er ist das lebende Beispiel dafür: Der Pfarrer der Diözese von Avignon ist in seiner Freizeit hingebungsvoller Metalfan. 2007 hat er sein Buch L’âge du metal veröffentlicht. Darin lernt man, dass unter den jungen Anhängern der Szene, die der Pfarrer befragt hat (der Altersdurchschnitt lag bei 24 Jahren, A.d.R.) sich 15,22% als religiös bezeichnen und sich 12,32% mit dem Christentum identifizieren. Aber nur 10,69% erklären, ihren Glauben zu praktizieren. Woran liegt das?

„In den Kirchen sowie in der Sphäre der Metalmusik und –kultur gibt es eine bestimmte Zahl von Menschen, für die beides absolut unvereinbar ist. Entweder Christ oder Metaler – du musst dich entscheiden!“ Für Pater Culat alias „Padre Bob“, wie er sich in verschiedenen Internetforen nennt, ist das "Sektierertum" der christlichen Kirchen wenig nachvollziehbar und entspricht nicht den grundsätzlichen Werten dieses Glaubens. Ganz im Gegenteil – der Padre erinnert uns daran, dass es dem Heiligen Paulus zufolge „kein Ansehen der Person vor Gott“ gibt, beziehungsweise, dass „vor Gott alle Menschen gleich“ sind (Römerbrief 2, 11).

Schäfchen im Satanslook?

Dass die Metalfans in verschiedenen religiösen Institutionen nicht gern gesehen werden, liegt auch und vor allem an ihrem Kleidungsstil: ihr „Höllenlook“ führt konservative Christen nicht wirklich in Versuchung. Schlimmer noch, er stört und wird oftmals mit einem abweichenden und exzentrischen Verhalten außerhalb der Normen in Verbindung gebracht: „Dabei vergessen diese Christen eine ganz wichtige Lehre aus der Bibel: ‚[…] Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.‘ (Erstes Buch Samuel/Kapitel 16, Vers 7). Es ist sehr bedauerlich, dass es Christen gibt, die andere aufgrund eines zu ausgefallenen Kleidungsstils aus ihrer Gemeinschaft ausschließen.“, bedauert „Padre Bob“.

„Die Herausforderung der Kirchen ist es, die spirituelle Erfahrung in den Vordergrund zu rücken.“

Für den rebellischen Pfarrer sind die Herausforderungen, die die Kirche überwinden muss, groß: „Es ist unglaublich wichtig, dass das, was die Jugend bewegt und in ihrem Leben antreibt, in Verbindung mit ihrem Glauben an Gott steht. Die christlichen Gemeinden müssen Respekt vor verschiedenen kulturellen Ausdrücken entwickeln - und vor allem auch den Willen haben, sie zu verstehen.“

Misstrauen gegenüber der Dogmen und Sehnsucht nach Spiritualität

Le lieu de prêche de The Glorious Undead.Misstrauen gegenüber der Dogmen und Sehnsucht nach Spiritualität. So lässt sich, glaubt man Pater Culat, die religiöse Einstellung von vielen Metalfans zusammenfassen: „Die wirkliche Herausforderung der Kirchen ist es, die spirituelle Erfahrung in den Vordergrund zu rücken. Wenn die Dogmen völlig losgelöst von einem authentischen spirituellen Leben und wahrhaftiger Großzügigkeit sind, reduziert das das Christentum. Dann ist es im Grunde nicht mehr als eine bloße Ideologie, wie viele andere auf dem Markt der philosophischen, politischen oder religiösen Ideen.“Die Initiative von Black Metal-Fans, ihre eigenen Kirchengemeinden zu gründen, ist mehr als nur eine lustige Anekdote. Ihr Versuch, gegen die extreme Starre der christlichen Kirchen anzukämpfen, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Herausforderungen, mit denen sie in der Zukunft konfrontiert werden.

Illustrationen: Teaser: mit freundlicher Genehmigung von ©Facebookseite heavymetal2011census; Video und Foto Beichte: mit freundlicher Genehmigung von © offizielle Internetseite von Black Order of the Black Sheep; Foto Kirche: mit freundlicher Genehmigung von©offizielle Internetseite von The Glorious Undead