ILB: Jeans müssen abgewetzt sein - das ist Perestroika! Lesung aus "Odessa Transfer" mit Nicoleta Esinencu

Artikel veröffentlicht am 23. September 2010
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Artikel veröffentlicht am 23. September 2010
Zum Glück hatte ich noch einmal mein Make-up aufgefrischt, denn als ich mich in der Stiftung Brandenburger Tor zur Lesung von „Odessa Transfer“ niederlasse, stelle ich entzückt fest, dass neben mir August Diehl - Deutschlands vielversprechendstes Schauspieltalent und obendrein extrem sexy – sitzt und immer wieder auf die Bühne blickt.
Der Grund hierfür sorgte zwar nicht für Freudenjauchzer von meiner Seite, erweist sich aber als recht logisch: die Gattin des Mimen liest an jenem Abend die deutsche Fassung von Nicoleta Esinencus rumänischem Text für „Odessa Transfer“.

Nach dieser kurzen, aber heftigen Ablenkung sorgt Katharina Raabe, Moderatorin und Herausgeberin des Werks mit Informationen über das unbekannte, kleine Land mit seiner komplizierten Geschichte dafür, dass das Augenmerk wieder auf den eigentlich Zweck des Abends gelegt wird: die Literatur und damit ein Sammelband mit Reportagen und Erzählungen über die Schwarzmeerregion.

Die junge Frau, die als Nicoleta Esinencu vorgestellt wird, wirkt etwas verloren und geradezu schüchtern neben der erfahrenen Lektorin, dem kräftigen Übersetzer und der routinierten Schauspielerin und Sprecherin Julia Malik. Sie wird heute aus dem Text, den sie zum Buch beigesteuert hat, lesen. „I hate people“, ist auf ihr T-Shirt gedruckt, und als sie beginnt vorzulesen, ist man zunächst über ihre abrupte Sprechweise und die raue Stimme erstaunt, mit der sie ihre Worte geradezu in Maschinengewehrgeschwindigkeit herauszufeuern scheint. Doch Nicoleta Esinencu, „Frau des Theaters und Internationalistin“, wie sie von Katharina Raabe beschrieben wird, hat schnell die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite. Ständig blitzt ihr der Schalk aus den Augen und ihr fast unbeholfenes Lachen steckt sofort an.

Die Autorin erzählt von ihren Kindheitserinnerungen, in denen sie ihre Sommer am schwarzen Meer verbrachte. Im Grunde genommen geht es darum und dasselbe Problem, das auch heute noch immer so viele Jugendliche haben: den Style. Doch wenn heute eher Luxusprobleme an der Tagesordnung sind – ist Marke X noch cool? – war im „Ostblock“ die Frage viel grundlegender: Woher bekomme ich bloß eine echte Jeans? Der große Bruder weiß, was Sache ist und weist die kleine Schwester ein in die Geheimnisse des richtigen Looks ein: „Echte Jeans müssen abgewetzt sein – und das ist Perestroika!“

Nicoleta Esinencus Erinnerungen sind sehr persönlich und beschreiben den Alltag eines jungen Mädchens in Zeiten des politischen Umbruchs. Aus ihrem damaligen Geschichtsunterricht weiß sie allerdings nicht mehr viel: „Die Lehrer sagten am ersten Tag dies, am nächsten Tag das, am dritten Tag ganz was anderes und am vierten Tag wieder das, was sie am ersten Tag gesagt haben.“ Die Schriftstellerin lebt mittlerweile nur noch zeitweise zu Hause in Chisinau, denn „das Leben dort ist mit Kopfschmerzen verbunden.“ Sie pendelt zwischen ihrer Heimatstadt und Paris, momentan hält sie sich einige Zeit mit einem Literaturstipendium in Österreich auf. Sieht sie sich als Moldauerin, Europäerin, Rumänin? Das weiß sie selbst nicht so genau. „Meine Mutter ist Ukrainerin, mehr interessiert mich nicht. Es interessiert mich sehr, in welchem Land ich lebe, aber nicht, welche Nationalität ich habe. Solange diese Diskussion in Moldau nur Hass verursacht, möchte ich mich nicht daran beteiligen.“

Wütend mache sie vieles manchmal: der Radiergummi, mit dem die Geschichte ihres Landes willkürlich verändert wird, die Tatsache, dass plötzlich alle Landsleute „reine Rumänen“ sein wollen, Nationalismus, gegenseitiges Misstrauen und Engstirnigkeit. „Ich schreibe, weil ich wütend bin,“ so die Autorin. Bleibt zu hoffen, dass diese kreative Wut noch eine ganze Weile bestehen bleibt und sich weiterhin in so wichtigen Texte niederschlägt.

Odessa Transfer. Nachrichten vom schwarzen Meer. Hrsg.: Katharina Raabe und Monika Sznajderman Suhrkamp, 2010.