ILB: Harald Martenstein und der moderne Beziehungskosmos

Artikel veröffentlicht am 20. September 2010
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Artikel veröffentlicht am 20. September 2010
Rühl scheint so um die Ende Dreißig, Anfang Vierzig zu sein, ist ledig, bezeichnet sich selbst als „keinen guten Lehrer“, trägt stets Anzug im Schuldienst und versucht sich nebenher als Schriftsteller. Eigentlich ist es sein großes Anliegen, einen Liebesroman zu schreiben, doch dafür fehlt es ihm an innerer Ruhe.
Auf einer Klasssenfahrt mit der Unterprima die er unterrichtet, kommt es dann zur Katastrophe, als er sich mit einer Schülerin einlässt, die schon lange für ihn geschwärmt hat. Diese Schülerin wird als „N.“ vorgestellt und als sehr intelligent und gut aussehend beschrieben. Eigentlich eine fatale Situation, doch der Ausgang der ganzen Geschichte wird eher nüchtern geschildert. Während der Direktor das „Missgeschick“ am liebsten herunterspielen möchte und als erste Maßnahme Beruhigungstabletten vorschlägt, muss Rühl schließlich die Schule wechseln und rettet sich irgendwann in den Vorruhestand.

Das klingt wie eine typische Lolita-Geschichte, doch was hier geschildert wird, ist lediglich das erste Kapitel zu Harald Martensteins neuem Roman „Gefühlte Nähe“. Der Autor ist den meisten wohl eher als Journalist bekannt. In der ZEIT veröffentlichte er seine bissige, ironische Kolumnen unter dem Titel „Lebenszeichen“, für die er 2008 mit dem Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor ausgezeichnet wurde.

„Dies ist kein komischer Roman“, so der Autor angesichts eines Vorwurfs aus dem Publikum, er würde sich über die tragische Liaison eines Lehrers mit einer Schülerin lustig machen. Als reiner Beobachter sieht er sich und möchte auch keine Interpretationen seiner Geschichten geben. Mit „Gefühlte Nähe“ hat Martenstein eine Art moderne Liebesbiografie geschaffen, die von Menschen erzählt, die ihr Leben lang auf der Suche – nach der wahren Liebe vielleicht – sind.

Der Clou an diesem Roman ist, dass jedes Kapitel in einer in sich abgeschlossenen Novellenform dargereicht wird – und doch am Ende alle Geschichten aufeinander aufbauen und zusammengehören. Rühl ist demnach nur einer von vielen Nebendarstellern, denn eigentlich geht es hier um die zunächst mysteriöse „N.“. „Gefühlte Nähe“ ist die Beschreibung ihres Liebeslebens: in 23 Kapiteln sind 23 Liebesgeschichten mit 23 verschiedenen Männern gefasst. Eine Bilanz der Lebensform „serielle Monogamie“ also, die den Leser mal deprimiert, mal erheitert. „Starke Gefühle und Revolutionen haben beide die gleichen Konsequenzen: Terror und Unglück“. Das sagt zumindest Rühl. Der erkältete Autor ließ im Gespräch nicht durchblicken, mit welchen Aussagen er sympathisiert und mit welchen nicht – aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache.

Harald Martenstein Gefühlte Nähe. Ein Roman in 23 Paarungen. C. Bertelsmann Verlag