Ideafix: Wie findet Krakau seinen Selbstwert zurück

Artikel veröffentlicht am 12. August 2014
Artikel veröffentlicht am 12. August 2014

Polens junge Generation leidet unter einem Mangel an Selbstvertrauen. In Polen werden die meisten Produkte und Designs aus dem Ausland importiert. Innovation wird außerhalb von Polen gesucht und selten vor der eigenen Haustür. IdeaFix in Krakau ist ein Beweis dafür, dass sich der Wind zu drehen beginnt. Ein aufregendes neues Konzept, das ausschließlich polnische Produkte unter die Leute bringt.

Krakau ist eine Stadt voller Kontraste. Manchmal grau und erwartbar, aber voll verstecktem Charme und Wärme. In der Stadt wurde in den letzten 100 Jahren versucht, mit den drastischen Veränderungen Schritt zu halten. Neben dem Rynek Glowny, Krakaus wunderschönem Markt, versprüht die Stadt nichts, was Gäste in die Stadt verliebt machen könnte. Liebe auf den ersten Blick sieht anders aus. Verdreckte Fassaden schreien nach ein bisschen Zuwendung. Hinter ihrem hässlichen Gesichtern verbergen sich oftmals wahre Schätze, die es mit wirklich allen berühmten Vierteln in Europa aufnehmen können. Wenn man sich einmal mit dem sterotypen polnischen Charakter auseinandersetzt, kann man durchaus Parallelen ziehen: misstrauisch, distanziert und auf den ersten Blick etwas abgehoben, aber auf den zweiten Blick warm und freundlich.  

Das alte jüdische Viertel Kazimierz ist ein typischer Ort, an dem junge Erwachsene hier ihre Zeit verbringen. Eine Fülle an Geschäften, Bars und Lokalen haben hier Fuß gefasst und verströmen eine Atmosphäre der Kreativität und Spontanität. Das Lebensgefühl ist so ungefähr das Gegenteil von dem, was das Viertel sonst so hergibt. In diesem Mikrokosmos befindet sich auch das Hauptgebäude von IdeaFix, genauer gesagt auf der Bochenska Straße 7. Es handelt sich dabei um einen Konzeptladen mit wirklich nur einem Konzept.

‘ONLY PO­LISH DE­SIG­NERS’

Mit schwarzer Farbe an die Wand gesprayed, findet man des Pudels Kern in drei Buchstaben an der Wand. 'Nur polnische Designer' wird hier verkündet. An diesem Ort wird man sofort mit einem Gefühl von Kreativität erfasst; alle Arten an Qualitätsprodukten sind hier ausgestellt, und schüchtern daneben auch Mode. Viele Klamotten. Außerdem Accessoires, Musik und DVDs: eine wahre Fundgrube. Auf dem Sofa am Eingang wartet Magda, sie muss irgendwo in ihren Zwanzigern sein und fragt nach meiner Hilfe. Als ich ihr erzähle, dass ich einen Artikel über das Projekt schreibe, vermittelt sie mich sofort an Anna, die das Geschäftliche von Ideafix erledigt.

Am nächsten Tag treffen sich Anna und ich für ein Plausch auf dem Sofa. Sie ist jung, cool und tadellos gekleidet. Sie hat einen klaren Blick und atmet ruhig. In diese Umgebung passt sie einfach perfekt. Sie sagt, dass alles 2009 mit der Idee angefangen hat, einen Raum einzurichten, in dem „kreative Leute in Krakau ihre Arbeiten ausstellen können.“ Eine Stadt mit so viel kreativem Potential schreit geradezu danach. „Hier gibt es so viele versteckte Künstler und wir wollten denen einfach die Möglichkeit geben, der Welt da draußen zu zeigen, was die können“, erklärt Anna. Sie haben Ausstellungen, künstlerische Workshops, Konferenzen und viele andere Aktivitäten auf lokaler Ebene veranstaltet, die Krakauer dazu ermutigen sollte, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Das Projekt ist schell bekannt geworden, sodass viele Designer des Landes daran teilhaben wollten. 

Welche Werke letztendlich bei Artfix landen, das kann uns Anna in einfachen Worten erklären. „Jeder der ein eigenes Portfolio hat, kann sich bei uns bewerben. Wonach wir suchen, ist vor allen Dingen Originalität. Es geht uns gar nicht um Verkaufszahlen, die uns den einzigartigen ökomischen Erfolg versprechen. Wir wollen nicht der Menge folgen“, versichert Anna.

Ihre Produkte sind vielfältig und reichen von Blusen und T-Shirts, bis hin zu Tischen und Lampen. Aber auch Musik und Filme von jungen Cineasten werden hier verkauft. „Wir lieben es auch musikalischen Talent unter die Leute zu bringen. Vor allen Dingen die Leute, die nicht genug Geld haben, um ihre Musik zu promoten. Wir sind Talentjäger: Künstler und Kunstschaffende treten an uns heran, aber wir sondieren den Markt auch noch selbst, um das besondere Etwas zu finden“, fügt sie an. Die einzige Voraussetzung hierfür ist, das das Produkt von polnischen Künstlern erschaffen wurde. 

Gegen den Trend

Das Konzept soll sich nicht ausländische Künstler diskriminieren, sondern vielmehr ein besonderes Augenmerk auf das Lokale richten, das an seinem Geburtsort besondere Aufmerksamkeit verdient, wie die Macher hier finden. Der langanhaltende Trend gegen Produkte aus Polen soll hierdurch gestoppt werden und ein neuer Sinn dafür geschaffen werden, was Polnisch sein bedeutet. „In Polen gibt es wirklich eine Menge großartige und kreative Leute. Sie produzieren Dinge mit hoher Qualität, wie sie auch überall anders auf der Welt zu finden sein dürften. In einer Zeit, in der das Internet so wichtig geworden ist wie heute, können wir Produkte aus der ganzen Welt kaufen. Wir sind dazu verpflichtet, unsere eigenen Künstler zu positionieren, da sie so verdammt gut darin sind, was sie tun.“ Sie will damit der Kritik vorbeugen, dass IdeaFix ein zu enges Konzept sein könnte. Aus ihrer Sicht werden hier aber keine Produkte verkauft, sondern der Wert polnischer Kultur gezeigt. 

Dabei schadet es bestimmt nicht, dass polnische Mode gerade im Trend ist. „Es geht aber nicht darum zu denken, dass Polen besser als der Rest ist! Wir wollen die Produkte nur auf eine Ebene mit anderen Produkten heben“, darauf scheint Anna zu bestehen. „Als die kommunistische Ära endete, wurden plötzlich westliche Produkte beliebt. Jetzt kommen wir wieder“, fügt sie mit einem Lächeln hinzu. „Polnisch verkauft sich.“

Eine triumphale Modenschau

Das Warenlager quillt vor Gästen, die an ihren Cocktails nippen, fast über. Sie warten alle darauf, das die Show losgehen kann. Anna hat uns dazu eingeladen, uns die neusten Kreationen von Ideafix anzuschauen.

„Seit ihr auch Blogger?!“ Die Kanadierin Lauren Luxenberg, Autorin des Blogs Style Savage, kommt uns fröhlich entgegen. Sie besucht gerade mit einem Freund die Stadt und hat über einen Touristenguide IdeaFix gefunden. „Wir haben das Geschäft gefunden und Anna war so freundlich und hat uns zu der Modenschau eingeladen“, erzählt sie uns. Es scheint, dass das Konzept von IdeaFix inzwischen bis zur Perfektion ausgefeilt ist. Unzählige Touristenführer von Japan bis Skandinavien, berichten über das kleine Geschäft und ihren Stolz auf polnische Trends. Auf kreativer Ebene kann Polen auf jeden Fall im internationalen Geschäft mitspielen. 

DIE­SER AR­TI­KEL IST TEIL EINER SON­DER­EDI­TI­ON, DIE JUN­GEN JOUR­NA­LIS­TEN DIE MÖG­LICH­KEIT GE­GE­BEN HAT, IN KRA­KAU FÜR «EU-TO­PIA TIME TO VOTE»  EIN RE­POR­TA­GE­PRO­JEKT UM­ZU­SET­ZEN. DIE­SES PRO­JEKT WURDE VON DER STIF­TUNG HIP­PO­CRÈNE, DER EU­RO­PÄI­SCHEN KOM­MIS­SI­ON, DES FRAN­ZÖ­SI­SCHEN AU­SSEN­MI­NIS­TE­RI­UMS UND DER STIF­TUNG EVENS UN­TER­STÜTZT. BALD FIN­DET IHR ALLE AR­TI­KEL AUS KRA­KAU IN UN­SE­REM MA­GA­ZIN.