Ich, Daniel Blake: Ken Loachs gespaltene Gesellschaft

Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2016
Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2016

[Kommentar] Es gibt nichts besseres als einen Ken Loach-Film, damit die Leute über die Gesellschaft und Regierung nachsinnen. Ich, Daniel Blake, der letzte Streifen des britischen Regisseurs über Großbritanniens Sozialstaat, hat die Geister gespalten. Die Reaktionen zeigen, wie tief der Graben in der britischen Gesellschaft mittlerweile ist.

Der schon etwas betagte Tischler Daniel Blake hat einen Herzanfall. Auch wenn ein Arzt ihm ärztlich bescheinigt, dass er nicht arbeitsfähig ist, lässt die Regierung ihn durch alle möglichen Institutionen wandern, bevor er Invalidenrente bekommt. In diesem bürokratischen Albtraum verschlechtert sich Blakes Gesundheit zunehmend.

So in etwa lässt sich kurz die Handlung des Films Ich, Daniel Blake, dem letzten Streifen des sozial engagierten Regisseurs Ken Loach, zusammenfassen. Der Film hat beim diesjährigen Cannes-Festival die Goldene Palme erhalten und wurde von Publikum und Kritik sehr positiv aufgenommen. Einige hielten den Film allerdings auch für 'unrealistisch'. 

Der ehemalige Sozialminister Iain Duncan Smith sagte der BBC, dass er den Film nicht als ein Märchen des modernen Großbritanniens sehen würde. Seiner Meinung nach handele es sich um eine überzogene Darstellung der Realität.

Vielleicht ist an solchen Aussagen der Graben abzulesen, der die britische Gesellschaft aktuell zu spalten scheint. Die Iain Duncan Smiths und Daniel Blakes des Vereinigten Königreichs mögen wohl im gleichen Land leben, aber zu keinem Zeitpunkt überschneidet sich ihr Leben.

Ich kann nicht behaupten, dass ich jetzt geschockt bin zu hören, dass ein konservativer MP ein Problem im Sozialstaat sieht. Aber nur weil Duncan Smith seinen Kopf in den Sand steckt, heißt das noch lange nicht, dass Menschen nicht von Sozialkürzungen betroffen sind, wie es der Film so ausdrücklich zeigt.

Zwischen 2011 und 2014, als Duncan Smith Arbeitsminister war, starben 2380 Menschen, kurz nachdem man sie als 'arbeitsfähig' eingestuft hatte - ein schamloses und direktes Resultat der unmenschlichen sozialen Einsparungen der Regierung.

Dieses Jahr ist Duncan Smith aufgrund von Kürzungen im britischen Sozialwesen, die er als unfair empfand, schlussendlich zurückgetreten. Sein Erbe besteht aber weiterhin fort. DWP-Statistiken (Arbeitsministerium) zeigen: 88 000 Familien sind direkt von Kürzungen der Sozialleistungen betroffen. Das sind Familien im wahren Leben mit einer Viertel-Million Kinder, die bedroht sind, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren.

„Wenn Iain Duncan Smith denkt, der Film sei nicht realistisch, dann lebt er wohl im Schlaraffenland“‘, sagt Filmproduzentin Rebecca O’Brien. Ich, Daniel Blake zeigt, dass die britische Gesellschaft zunehmend in zwei Gruppen unterteilt ist - und zwar in Bezug auf die Größe des Portemonnaies. Und diese beiden Gruppen begegnen sich sogut wie nie.

„Ich bin kein Experte des Sozialwesens, aber einige Aspekte von Ich, Daniel Blake klingen einfach nicht wahrheitsgetreu“, schreibt der Journalist Toby Young in der Daily Mail. „Beide Protagonisten sind Meilen entfernt von den 'Schnorrern' der Serie Benefits Street auf Channel 4.“

Da ist dann alles glasklar. Der einzige Zugang ausgebildeter Journalisten zu Sozialhilfeempfängern ist eine stark kritisierte TV-Show. Und gerade weil ihnen diese Welt so fremd ist, ist es auch OK diese Menschen 'Schnorrer' zu nennen. Dann muss man sich auch nicht sorgen, was wirklich hinter ihrer Armut steckt.

Die Elite scheint es nicht nötig zu haben, sich mit Leuten zu beschäftigen, denen es schlechter geht als ihnen selbst - das ist symptomatisch für die Trennlinien, die das heutige Großbritannien zeichnen. Sie leben in ihrer eigenen Blase, wo Probleme wie gekürzte Sozialleistungen nicht existieren.

„Wenn öffentliche Wohlfart sich verschlechtert und die Reichen sich für bessere Behandlung aus dem System rauskaufen können, dann hören unsere Leben auf sich zu überschneiden“, sagt Anne Philips, Professorin an der London School of Economics, bei einer Debatte über Ungleichheit der British Academy. 

Das stimmt insbesondere für das britische Bildungssystem, das Ungleichheit fördert. Wohlhabende Familien können ihre Kinder auf bessere Schulen schicken und Arbeitgeber bevorzugen die Absolventen dieser Schulen. Und genau aus diesem Grund sind fast alle Top Jobs mit nur diesen wenigen Absolventen aus dem privaten Bildungswesen besetzt. Die andere Seite der Medaille dieser niedrigen sozialen Mobilität heißt, dass Kinder aus den ärmeren Gebieten ziemlich wahrscheinlich nicht aus der Armutsfalle rauskommen.

Bildung ist der Schlüssel gegen durch ungleiche Chancen verursachte Sozialunterschiede. Menschen mit verschiedenen Hintergründen sollten das Recht auf die gleiche Bildung haben. Das ist der einzige Weg für Schüler, nicht aufgrund der Gehälter sondern Fähigkeiten ausgesucht zu werden. Nur dann werden die führenden Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Medien damit anfangen, Großbritanniens vielfältige Bevölkerung besser abzubilden.

Leider scheint aber das Verringern der Ungleichheiten trotz Theresa Mays Aussage, sie wolle das Königreich wieder „zu einem Land machen, das für alle funktioniert“, keine Priorität der konservativen Regierung zu sein. Die Studiengebühren verdreifachten sich nahezu unter der Koalitionsregierung und sollen nun mit Mays Kabinett erneut steigen. Das wird wiederum dazu führen, dass diejenigen, die schlechter dastehen, von höherer Bildung ausgeschlossen werden.

Aber hey! Wir können weiterhin privat ausgebildete Journalisten lesen, die anderen Leuten erzählen, dass das, was sie gerade durchmachen, nicht reell klingt. Zumindest motiviert das Ken Loach, brillante Filme über das britische Sozialwesen zu machen.