Ich bin ein Berliner - danke AfD für die Erkenntnis!

Artikel veröffentlicht am 19. September 2016
Artikel veröffentlicht am 19. September 2016

Gewinner der Berliner Wahlen am Sonntag war die AfD: Sie sackte Wählerstimmen der CDU und SPD ein. So schlecht diese Nachricht ist - seitdem fühle ich mich wie eine Berlinerin. [KOMMENTAR]

Auf meinem Weg zum Wahllokal am Sonntagmorgen kam ich in meiner Berliner Nachbarschaft an einem Mann und einer Frau vorbei, die - beide einen Hund an der Leine - ins Gespräch vertieft waren.

„Das ist gefährlich“, sagte die Frau und zeigte auf den grünen Ball, den der Hund des Mannes in der Schnauze trug.  Der Mann lachte: „Er ist farbenblind.“

„Das sage ich auch über meinen“, antwortete die Frau in breitem Berlinerisch.

Selbst die Farbe des Hundespielzeugs wurde an diesem sonnigen Herbsttag in Deutschlands Hauptstadt als politisch angesehen. Es scheint, als habe der Hund den richtigen Riecher: In der kommenden Legislaturperiode wird Berlin wohl von einer Koalition zwischen der SPD, den Grünen und der Linken regiert - rot-grün-rot. Die CDU hingegen blickt auf das schlechteste Wahlergebnis jemals in Berlin, und findet sich in der Opposition wieder.

Der große Wahlgewinner ist die AfD (Alternative für Deutschland): Bei ihrer ersten Wahl schaffte sie es aus dem Stand auf 14,2% aller Stimmen. Es ist so bedrückend wie es klingt. Im Gegenteil zu dem, was ihr Name vorgibt, bietet die AfD keinerlei politische Alternativen. Die populistischen Aussagen und die Forderungen, die Migration der Flüchtlinge in Deutschland zu stoppen. Immer wieder kamen Mitglieder der AfD mit rassistischen und extremistischen Kommentaren in die Schlagzeilen. 

Beatrix von Storch, beispielsweise, eine der AfD-Anführerinnen, die vorgeschlagen hatte, Flüchtlinge an der deutschen Grenze zu erschießen – natürlich behauptete sie später, es handle sich dabei um ein großes Missverständnis. Momentan versucht die Partei, das Wort „völkisch“ wieder zu beleben, das aus gutem Grund nicht mehr verwendet wird, weil es für ein Rassenkonzept der Nazis stand. Als ein AfD-Mitglied dann auch noch die Frechheit besaß, in einer Fernsehberichterstattung während des Wahlkampfs zu behaupten, die AfD distanziere sich so sehr von rechtsextremen Parteien wie keine andere, musste ich den Fernseher ausschalten.

Es gab eine erfreuliche Nachricht der Wahlen: Die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit 2001 nicht mehr. Etwa 100 000 Wähler, die 2011 nicht zu den Wahlurnen gegangen waren, gaben gestern ihre Stimme ab. Leider hat die AfD davon profitiert - aber dennoch, eine hohe Wahlbeteiligung ist sehr wichtig für jede Demokratie. Was wäre die Alternative? Den Menschen zu sagen, nicht zu wählen, um das gewollte Wahlergebnis zu erzielen? Was klingt wie ein Witz, wurde vor einigen Monaten noch von Politikkommunikationsexperten der SPD vorgeschlagen.

Das war meine erste Berliner Wahl, seit ich im Februar 2012 hierher gezogen bin - und seltsamerweise fühle ich mich seitdem mehr wie eine Berlinerin. Ich wollte nie in der Hauptstadt wohnen; ich kam für ein Praktikum und blieb wegen einer Arbeitsstelle. Berlinerin bin ich eher im Kopf als im Herzen. Trotzdem schämte ich mich für die Stadt, als ich gestern während der Fernsehberichterstattung all die schlecht gelaunten, verärgerten und unzufriedenen Berliner zu sehen bekam. Hörte man diesen Menschen zu (unterbrochen nur von den dramatischen Stimmen der Fernsehjournalisten), dann hätte man den Eindruck gewinnen können, Berlin sei der schlimmste Ort in Europa.

Es stimmt, dass einige Dinge in Berlin nicht funktionieren: unser glänzender neuer Flughafen, der Milliarden an Euros verschlang und von dem niemand glaubte, er würde je beendet werden. Es gibt endlose Baustellen, die Berliner Verwaltung ist ein totales Chaos – und das sind nur die Probleme, mit denen wir vor der AfD zu kämpfen hatten.

Ja, Berlin kann eine Nervensäge sein. Aber es ist unsere Nervensäge.