Iberischer Kreuzzug: Atheisten-Busse touren durch Spanien

Artikel veröffentlicht am 3. März 2009
Artikel veröffentlicht am 3. März 2009
Mit einer Bustour durch Europa macht eine Vereinigung von Atheisten mobil gegen die zunehmende Werbung der christlichen Kirchen. Ausgangspunkt London, nächste Station: Barcelona - und ein traditionsverbundenes Spanien, in dem Religion tatsächlich eine Rolle spielt.

Spanische Kruzifixe rauschen plakativ auf Bussen an den Passanten in Barcelona vorbei. „Gott existiert wahrscheinlich nicht“, verkünden Werbeplakate in Barbie-Rosa. „Hör auf Dich zu sorgen und genieße Dein Leben“, heißt es in riesigen roten und gelben Lettern. Wo vor kurzem noch Weihnachtskrippen die Rathäuser, Banken und Kaufhäuser schmückten, lässt sich die am 12. Januar gestartete Kampagne kaum übersehen. Während die Einkaufszentren mit ihrer religiösen Deko vor allem Kunden anziehen wollten, will die „Union der katalanischen Atheisten und Freidenker“ eine öffentliche Debatte lostreten. Ihr Slogan ist einfach, ihre Wirkung ungefähr so heftig wie die Farben auf den Plakaten. Hat Satan in Barcelona Einzug gehalten?

Die Initiative wurde jenseits des Ärmelkanals geboren und nimmt inzwischen ihren Weg durch Europa. Am Anfang stand ein Artikel, den Ariane Sherien am 20. Juni 2008 im Guardian veröffentlichte. Die Journalistin fühlte sich durch die Werbekampagne einer katholischen Vereinigung in der Londoner U-Bahn so genervt, dass sie eine Gegenkampagne ausrief. Die Idee schlug Wellen. El Pais berichtete, dass bereits Birmingham, Manchester, Edinburgh und auch Washington heimgesucht worden sind. Als nächstes seien Sevilla, Zaragoza und Bilbao an der Reihe. Die Predigt der „Union der katalanischen Atheisten und Freidenker“ war in allen Zeitungen Spaniens zu lesen. Ihren Erfolg verdankt die Union einer Spendenaktion im Internet, die immerhin 13.000 Euro eingebracht hat und der Unterstützung Richard Dawkins, dem Aushängeschild des angelsächsischen Atheismus (sein Interview auf cafebabel.com lesen). 

©Jon Worth/British Humanist Association - cbit/flickr

Christus geht es gut in Spanien

Der Atheisten-Bus hat sich auf unwegsames Gelände begeben. Etwa acht von zehn Spaniern bezeichnen sich selbst als katholisch. Die Gotteshäuser bekommen zwar immer weniger Besuch, aber an öffentlichen Orten sind Christusfiguren eindrucksvoll präsent. Die Minister schwören bei Gott ihren Eid auf die Verfassung, Staatsbegräbnisse folgen einer langen Liturgie. Der Katholizismus hat in Spanien ein ganz eigenes Gewicht, man spürt ihn vor allem in Festzeiten. Manch ein Ungläubiger hat genug von den unzähligen Prozessionen, von Trommelwirbeln und Fanfaren. Der Artikel 16 der 1978 verabschiedeten spanischen Verfassung hält fest: „Keine Konfession wird wie eine Staatsreligion behandelt.“ Aber ein weiterer Absatz lässt genug Raum für Mehrdeutigkeit: „Der Staat achtet den Glauben der spanischen Gesellschaft und kooperiert aus diesem Grund mit der katholischen Kirche und anderen Glaubensgemeinschaften.“

Homo-Hochzeit unterm Kruzifix?

Spanien ist laut Verfassung konfessionslos und die öffentliche Schule muss es daher auch sein.

Im November 2008 heizte ein Gerichtsurteil in Valladoid die Debatte weiter an. Nach der Anzeige eines Vaters entschieden die Richter, dass die Kruzifixe in einer öffentlichen Gesamtschule entfernt werden müssten. Ein innovatives Urteil. „Spanien ist laut Verfassung konfessionslos und die öffentliche Schule muss es daher auch sein“, erklärte die Erziehungsministerin Mercedes Cabrera und war bemüht, die Debatte nicht weiter zu politisieren. Die derzeitige Regierungspartie der Sozialisten (PSOE) hatte erklärt, ab Juli 2008 religiöse Symbole aus öffentlichen Räumen und von offiziellen Dokumenten zu entfernen. Information von El Pais zufolge gehen aber weiterhin jedes Jahr vier Milliarden Euro zumindest indirekt an die katholische Kirche. Die Vertreter von Spaniens wichtigster Religionsgruppe beziehen häufig Position zu gesellschaftlichen Fragen und treten oft in den Medien auf.

Selbst José Zapatero, Spaniens sozialistischer Ministerpräsident seit 2004, kann eine jahrhundertealte Geschichte nicht einfach wegwischen. Spanien ist durch Gegensätze gekennzeichnet, hier stoßen Religiosität und Freidenkertum ständig aufeinander. Doch die Religiosität vieler Spanier spricht nicht grundsätzliche gegen Innovation. Davon zeugen die Anerkennung der Heirat homosexueller Paare vor drei Jahren und die Erlaubnis für schwule und lesbische Paare, Kinder zu adoptieren. - Egal ob zu Hause ein Kruzifix hängt oder nicht.