Hürden zwischen Mekka und Jerusalem

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2006

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In Großbritannien gibt es zahlreiche interreligiöse Foren, die Dialog zwischen Muslimen und Juden fördern wollen. Doch die internationale Politik hält einigen Konfliktstoff bereit.

„Es ist ein ganz natürliches Phänomen, dass unsere Gesellschaften immer vielschichtiger werden“, meint Dr. Harriet Crabtree, stellvertretende Direktorin beim Interreligiösen Netzwerk Interfaith in Großbritannien. Das ist einer der Gründe, warum in den letzten Jahren eine Fülle von interreligiösen Organisationen entstanden sind. Laut Dr. Crabtree sei dies allerdings Terroranschläge von New York und London sowie auf die Tatsache, dass es für solche Projekte inzwischen mehr Geld aus staatlichen Töpfen gebe. Die Glaubensführer und ihre Gemeinschaften stehen im Rampenlicht. Guten Willen und Zusammenarbeit zu zeigen, ist mehr denn je gefordert. Heute existieren in Großbritannien etwa 235 interreligiöse Organisationen, 1980 waren es nur zwölf. Anscheinend also ein Schritt in die richtige Richtung.

Moulana M Shalid Raza, oberster Imam an der Zentralmoschee in Leicester, kritisiert die interreligiösen Foren. Er wirft ihnen vor, zu oberflächlich zu sein: „Wir treffen uns, lächeln uns an und umarmen uns, schütteln die Hände und sprechen dann über eine Beschreibung unserer Probleme. Viel wichtiger wäre es, brauchbare Lösungen für diese Probleme anzubieten.“ Wie sinnvoll sind also interreligiöse Foren, wenn es darum geht, den Dialog zwischen den Glaubensrichtungen zu vertiefen und das gegenseitige Verständnis zu fördern?

„Islamophopie erinnert an Antisemitismus“

„Verstehen Sie Arabisch?“, fragt Rabbi David Hulbert als wir in die Musalla, die Gebetshalle, hinunterblicken „Es ist genau wie Hebräisch“, erklärt er. Die drei abrahamitischen Religionen seien einander viel ähnlicher, als man denke. Der Rabbi ist Mitglied des Drei-Religionen-Forums, einer Organisation, die den Dialog zwischen Moslems, Christen und Juden fördert. Mit federndem Schritt führt er uns durch das Frauen-Mezzanin. Der Rabbi, ein groß gewachsener Mann, kennt sich in der Moschee erstaunlich gut aus.

Unten beten die muslimischen Männer des Ilford District in Ost-London. Der pakistanische Imam dreht uns den Rücken zu und singt sein Gebet in Richtung Mekka. Die meisten Gläubigen sind aus Pakistan und tragen, je nach Herkunft, unterschiedliche Hüte. Sie feiern das Ende des Fastenmonats Ramadan. Der Raum ist warm und lichterfüllt. Nur der obere Bereich, der für Frauen reserviert ist, bleibt leer.

Nach dem Gebet treffen wir Jhazanfer Ali, den Vorsitzenden des islamischen Zentrums in Ilford. Die beiden Männer begrüßen sich herzlich. In einer Stadt, in der dreizehn Prozent der Bevölkerung Muslime und sechs Prozent jüdischen Glaubens sind, ist ihr Einfluss beträchtlich. Nach einigen protokollarischen Danksagungen und herzlichen Begrüßungsworten erklärt Jhazanfer Ali die derzeitigen Schwierigkeiten: „Muslime sehen sich heutzutage einer immer größer werdenden Angst vor dem Islam ausgesetzt.“

Allerdings gibt der Vorsitzende zu, dass es auch unter den Muslimen Extremisten gebe. Rabbi Hulbert weist darauf hin, dass die Juden den Muslimen, die in den letzten Jahrzehnten angekommen sind, großes Verständnis entgegen bringen. „Islamophobie erinnert an Antisemitismus“. Die Juden hier sind eine ältere Gemeinschaft und haben zu Beginn des letzen Jahrhunderts das gleiche erlebt, was die Muslime jetzt erleben“, erklärt er.

Jüdisch-muslimische Gemeinsamkeiten

Jhazanfer Ali und Rabbi Hulbert stehen der Regierungspolitik äußerst skeptisch gegenüber. Sie kritisieren Kabinettsmitglied Jack Straw dafür, dass er Frauen dazu aufrufe, die Niqab, den Gesichtsschleier, abzulegen. „Wir leben in einer Gesellschaft, die es den Leuten erlaubt quasi nackt durch die Gegend zu laufen. Wir sollten ihnen auch erlauben, die Niqab zu tragen“, sagt Ali. Nicht alle Muslime wollten ihren Kopf bedecken. „Einige tragen das Kopftuch Hijab, andere nicht“, fügt Rabbi Hulbert hinzu.

„Und sehen sie sich die Filme aus Bollywood an, da tragen die Schauspieler natürlich keine religiöse Kopfbedeckung. Als Jack Straw im Oktober 2006 die „Niqab kritisierte, sandten die Juden einen Unterstützungsbrief an die Moschee, in dem es hieß, dass Frauen das Recht haben, den Schleier zu tragen. Umgekehrt schickte die Moschee eine Delegation zur jüdischen Gemeinde, als drei asiatische Jugendliche eine Gruppe Juden in Ilford angegriffen hatten.

Es scheint, dass die Juden und Muslime hier eine gemeinsame gegen die Regierungsinitiativen bilden, die oft als schwerfällig angesehen werden. Auf die Frage, ob der israelisch-palästinensische Konflikt ihre Beziehungen belaste, antwortet der Rabbi: „Natürlich ist das der Fall, aber ich bin kein Israeli und mein Nachbar ist kein Palästinenser, also müssen wir auch miteinander auskommen.“

Schwelender Konflikt

Die Frage stellt sich jedoch, bis zu welchem Grad diese Einstellung auch von den Gläubigen geteilt wird. Inwieweit repräsentieren die religiösen Führer tatsächlich ihre Gemeinschaft? „Nicht alle Juden beteiligen sich am Drei-Religionen-Forum“ gibt Rabbi Hulbert zu. „Einige lehnen es aus religiösen Gründen ab, andere interessieren sich nicht dafür.“ Weniger liberale Juden wollen sich oft nicht an den Foren beteiligen.

In der Tat bekennen sich einige muslimische Mitglieder des Forums sogar ganz offen zum Anti-Zionismus. Die Meinungsunterschiede über den Status der Palästinenser und die Anerkennung Israels belasten die Beziehungen. Laut Mohammed Azam hat eines der jüdisch-orthodoxen Mitglieder das Forum verlassen, nachdem es „fälschlicherweise ein muslimisches Mitglied als antisemitisch bezeichnet hatte“. Auch die pro-palästinensischen Demonstrationen im Jahr 2001 hätten den Austausch zwischen den Religionen nicht einfacher gemacht.

Für Rabbi Hulbert ist Israel „ein Staat mit religiöser Toleranz“. Die Palästinenser lebten „außerhalb Israels“. Dr. Edward Kessler, der Direktor des Zentrums für jüdisch-christliche Beziehungen, weist darauf hin, dass der Dialog zwischen Juden und Muslimen davon überschattet ist, dass „beide Gemeinschaften es nicht schaffen, die Auswirkungen, die der Konflikt im Nahen Osten auf ihre Gemeinden hat, zur Sprache zu bringen“

Die Meinungsverschiedenheiten über Palästina und Israel machen die Grenzen der interreligiösen Zusammenarbeit im Distrikt Ilford deutlich. Es scheint widersprüchlich, aber hier ist die internationale Politik sowohl der Existenzgrund als auch die fundamentale Hürde für die interreligiösen Organisationen.

David Hulbert macht sich nun auf den Weg zu einer Beschneidung. Jhazanfer Ali beeilt sich, um ein drittes oder viertes Gebet zu verrichten. Mohammed erklärt nachdenklich, dass die ältere Generation nicht bereit sei, die Herausforderungen dieser Konflikte anzuerkennen. Die erste Generation muslimischer Einwanderer habe hart genug gearbeitet, jetzt liege die Verantwortung bei den jüngeren Muslimen und Juden.