Horsegate: Erzähl mir nichts vom Pferd

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2013
Im Skandal um nicht deklariertes Pferdefleisch wollen die EU-Staaten am heutigen Freitag über die Einführung von europaweiten Gentests für Rindfleischprodukte entscheiden. In mehreren europäischen Ländern war in den vergangenen Tagen Pferdefleisch in Fertigprodukten aufgetaucht.
Kommentatoren sehen in dem Fall einen erneuten Vertrauensbruch durch die geldgierige Lebensmittelindustrie und fordern mehr Kontrollen und Transparenz.

Savon Sanomat: Geldgier ist verantwortlich für Lügen über die Herkunft des Fleisches; Finnland

Gerade bei Pferdefleisch ist die Gefahr groß, dass nicht zum Verzehr geeignetes Fleisch auf den Markt kommt, befürchtet die liberale Tageszeitung Savon Sanomat und fordert mehr Qualitätsuntersuchungen: "Man muss nicht lange nach einer Erklärung suchen, warum Pferdefleisch [in Lebensmitteln] verschleiert wird. Für die Briten ist es tabu, Pferdefleisch zu essen. Anderswo in Europa ist Geld der Grund. Pferdefleisch ist 25 bis 30 Prozent billiger als Rindfleisch. Die Geldgier ist also dafür verantwortlich, dass bei der Herkunft des Fleisches gelogen wird. [...] Im schlimmsten Fall führt die Gier dazu, dass nicht für den Verzehr geeignetes Fleisch auf den Markt kommt. Diese Gefahr besteht bei Pferdefleisch in besonderem Maße. Traber und Rennpferde etwa werden so sehr mit Antibiotika und Cortison vollgepumpt, dass ihr Fleisch nicht essbar ist. [...] Deshalb sind Qualitätsuntersuchungen wichtiger als die von der EU-Kommission vorgeschlagenen DNA-Tests [zur Erkennung, von welchem Tier das Fleisch stammt]." (15.02.2013)

Libération: Warten auf Reglementierung, damit der Konsument weiß, ob er Fisch oder Fleisch isst; Frankreich

Am Donnerstag hat die EU-Kommission zudem angekündigt, dass das mit dem BSE-Skandal untersagte Tiermehl zur Fütterung ab Sommer 2013 wieder eingesetzt werden darf. Perfektes Timing!Nach Erkenntnissen der französischen Regierung ist die Firma Spanghero für den Pferdefleisch-Skandal verantwortlich, weil sie bewusst Pferde- als Rindfleisch verkauft hat. Der Firma wurde mit sofortiger Wirkung die Zulassung zur Fleischverarbeitung entzogen, sagte Agrarminister Stéphane Le Foll am Donnerstag. Die linksliberale Tageszeitung Libération dringt auf mehr Transparenz für den Verbraucher: "Im Reich des Junkfoods ist jeder unverantwortlich. Die europäischen und nationalen Institutionen haben dieser Schlamperei tatenlos zugesehen und wir warten noch immer auf eine minimale Reglementierung, durch die der Konsument wenigstens wüsste, ob er Fisch oder Fleisch isst und woher die Zutaten seiner Mahlzeit stammen. Im 'horsegate'-Fall besteht kein Gesundheitsrisiko. Aber die Leichtigkeit, mit der man den Verbraucher getäuscht hat, beweist die geringe Effizienz aller staatlichen und europäischen Kontrollen und dass alle Akteure der Branche mitgewirkt haben. Sie müssen jetzt das Vertrauen der Verbraucher zurückgewinnen." (15.02.2013)

Blog EUROPP: Schnelle und entschlossene Maßnahmen; Großbritannien

Im Zusammenhang mit dem Pferdefleisch-Skandal hat die britische Polizei am Donnerstag drei Männer wegen Betrugsverdachts festgenommen. Auch wenn anscheinend keine Gefahr für den Verbraucher bestand, ist die Affäre ein erneuter Schlag für die Branche, analysiert der Lebensmittelexperte Wim Verbeke auf dem EUROPP-Blog der London School of Economics: "Der Skandal schafft eine besonders missliche Lage für die, die es mit unserer Lebensmittelversorgung ehrlich meinen, für die, die sich dafür einsetzen, dass Fleisch auf den Speiseplänen der Verbraucher bleibt, und für die, die den Verbraucher und ihr eigenes Geschäft ernst nehmen. Die Nachverfolgbarkeit der Lebensmittelverarbeitungkette, die vor etwa zehn Jahren nach dem Rindfleischskandal eingeführt wurde, muss auch jetzt wieder ihre Nützlichkeit beweisen. Am besten wäre es, wenn Behörden dies mit schnellen, effektiven und entschlossenen Maßnahmen durchsetzen, um die Sorgen der Verbraucher zu zerstreuen, denen Fleisch noch immer wichtig ist, und um diejenigen in der Lebensmittelproduktion zu beruhigen, die gute Absichten hegen." (14.02.2013)

Politiken - Dänemark

Der Pferdefleisch-Skandal hat in den Augen der linksliberalen Tageszeitung Politiken zu einer ungerechtfertigten Hysterie bei den Konsumenten geführt. Die Verbraucher sollten sollte sich lieber eines gesunden Menschenverstands bedienen: "Wir sehen Berichte, in denen Verbraucher meinen, ihnen würde schlecht oder das Fleisch würde ihnen im Halse stecken bleiben. [...] Wir Verbraucher sollten uns von der Hysterie um Pferdefleisch lösen. Denn es bleibt nicht automatisch im Hals stecken. Aber es sollte wie alle anderen Fleisch-, Fisch- und Geflügelsorten mit offenen Augen gekauft werden und mit einer korrekten Inhaltsangabe versehen sein. Das mag dann gerne auch zu zwei Erkenntnissen führen: Dass gutes Essen - gezüchtet und produziert unter den besten Voraussetzungen - auf lange Sicht nicht billig produziert werden kann. Und dass billige Kost auch Pferdefleisch enthalten kann." (15.02.2013

28 Länder - 300 Medien - 1 Presseschau. Die euro|topics-Presseschau zeigt, welche Themen Europa bewegen und spiegelt die Vielfalt an Meinungen, Ideen und Stimmungen wider.

Illustrationen: (cc)nurpax/flickr; Im Text ©Sami Fisek