Hörbücher erobern Europa

Artikel veröffentlicht am 17. April 2007
Artikel veröffentlicht am 17. April 2007

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Vom 16. bis zum 18. April findet die Londoner Buchmesse statt. Hörbücher werden auf dem europäischen Buchmarkt immer wichtiger.

Immer häufiger kommt es vor, dass sich europäische Berufspendler den neusten Harry Potter statt im üblichen Taschenbuchformat per Kopfhörer zu Gemüte führen. Hörbücher haben eine weite Strecke zurückgelegt: Früher waren sie vor allem ein Hilfsmittel für Sehbehinderte, heute sind sie eine beliebte Alternative zum Schmökern eines guten Buches. Ob Liebesroman oder Science-Fiction-Thriller: die dem europäischen Publikum verfügbare Auswahl an Hörbüchern ist in den letzten Jahren rapide angestiegen. Inzwischen werden sie auch zum Erlernen einer Sprache oder zur Entspannung eingesetzt.

Kaum verwunderlich also, dass der europäische Hörbuchmarkt laut Penelope Liechti von BBC Audio Books jedes Jahr um 20 Prozent wächst. Noch gibt es für Europa keine offiziellen Hörbuch-Bestsellerlisten. Für Nicolas Soames vom Verlag Naxos AudioBooks ist der Markt „zu unberechenbar“, was nicht zuletzt an den verschiedenen Sprachen, Kulturen und Geschmäckern innerhalb Europas liegt. Außerdem gibt es noch keine gemeinsame Datenerfassung. Marktforschungsinstitute wie AC Nielsen arbeiten derzeit daran, dies zu ändern.

Ein wachsender Markt

Großbritannien und Deutschland sind zurzeit Europas größte Hörbuchmärkte. Allein im Vereinigten Königreich verzeichnet die Audiobook Publishing Association (APA) Verkaufszahlen von 71,4 Millionen Pfund für das Jahr 2006. In Deutschland betrug der Umsatz für 2005 laut Marc Sieper vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels 100 Millionen Euro.

Während Europas führende Hörbuchmärkte weiter wachsen, suchen britische und deutsche Hörbuchverlage bereits nach neuen Kunden im europäischen Ausland. Momentan verbuchen sie in Osteuropa hohe Wachstumsraten, vor allem in den Ländern, die selber keinen eigenen Hörbuchmarkt besitzen. Schwieriger ist es jedoch, sich im südeuropäischen Hörbuchmarkt zu etablieren, wo „das Medium Hörbuch noch immer primär als Hilfsmittel für Sehbehinderte angesehen wird“, so Barry Clark von der APA.

Hörbücher erfreuen sich vor allem bei computererfahrenen Erwachsenen steigender Beliebtheit. Dem Diät-, Selbsthilfe- oder Business-Ratgeber per Kopfhörer zu lauschen, erspart indiskrete Blicke in der U-Bahn. Selbst Sprachlerner haben es so einfacher. Begleitend geben die Verlage Werke auch als Fließtexte heraus, die man beim Hören auf dem Bildschirm seines PCs oder Smartphones mitlesen kann.

Neue Technologien

Moderne Technologien haben dem Hörbuch in Europa zum Durchbruch verholfen. Das Internet hat für Verbraucher wie für Verlage sicher dazu beigetragen. Denn durch das Netz können Audioverlage wie Naxos direkt mit dem Endkunden handeln, ohne selber etwa eine teure Kette eigener Buchhandlungen oder riesige Warenlager betreiben zu müssen.

Denn der Sortimentsbuchhandel kann die gesamte Fülle an Hörbüchern, die heutzutage als Versand im Internet oder als MP3-Download verfügbar sind, einfach nicht mehr aufnehmen. Doch in Deutschland schlagen die Buchhändler zurück. Sieper kündigt an, dass deutsche Hörbuchverlage ein Netzwerk an Download-Stationen in Buchläden, an Tankstellen und in Supermärkten etablieren werden. Dort wird man sich das Hörbuch bald direkt auf den USB-Stick laden können.

Doch trotz der zunehmenden Beliebtheit der MP3-Spieler dominieren CDs weiterhin den Markt. Mittlerweile sind jedoch MP3-formatierte CDs erhältlich, die zum Beispiel die ungekürzte Fassung von Tolstois Krieg und Frieden auf einer statt auf der zuvor üblichen zwölf CDs speichern können.

Für diejenigen, die ihre Hörbücher aus dem Internet laden möchten, ist die Auswahl je nach Typ des MP3-Spielers begrenzt. Mit einem iPod von Apple stehen einem zum Beispiel nur die auf iTunes käuflichen Hörbücher zur Verfügung. Doch dort werden größtenteils amerikanische statt europäischer Geschmäcker bedient.

Problemfall Raubkopien

Unerlaubte Vervielfältigung und Marktrecht sind für viele Verlage ein großes Problem. Der unbegrenzte Internetzugang von allen Seiten Europas trägt noch erschwerend dazu bei. Händler wie iTunes verwenden Digitale Rechteverwaltung (DRM), um diesem Problem aus dem Weg zu gehen. Für den europäischen Verbraucher entstehen dadurch neue Schwierigkeiten. Denn die Verwendung von DRM-Systemen bedeutet, dass Verlage selber bestimmen können, welche Version ihres Hörbuchs heruntergeladen werden soll, und wie hoch je nach Land der Preis angesetzt wird. So kann ein Internetnutzer in Deutschland zum Beispiel daran gehindert werden, dasselbe Hörbuch zu einem billigeren Preis in Belgien zu erstehen. Diese Preisdiskriminierung hat die Europäische Kommission dazu bewegt, gegen solche Praktiken zu ermitteln.

Viele Akademiker sind besorgt, dass die zunehmende Beliebtheit von Hörbüchern zum Analphabetismus beitragen könnte. Doch Liechti argumentiert, dass der Hörbuchhandel ein „wachsender Markt” sei. „Wir erreichen neue Kunden, ohne den herkömmlichen Buchhandel auszuschlachten.”

Der vielleicht größte Vorwurf an Hörbuch-Fans könnte sein, dass sie mit ihrem MP3-Spieler zu laut hören! Für Vivienne Micheal von Deafness Research UK wurden die Menschen „vor einer Generation erst ab sechzig oder siebzig schwerhörig. Heutzutage werden viele schon in ihren Vierzigern taub. Das ist ein großes Problem.“ Doch bis auf weiteres prophezeit Soames ein Wachstum „ungekürzter Downloads in allen Kategorien“.

Naxos’ europäische Hörbuch-Bestsellerliste

1. King Arthur and the Knights of the Round Table, Benedict Flynn

2. Just So Stories: The Voice of the Buddha, Rudyard Kipling

3. Kafka on the Shore, Haruki Murakami (ungekürzte Fassung)

4. Pride and Prejudice, Jane Austen

5. Tales from the Greek Legends, Edward Ferrie

6. Waiting for Godot (ungekürzte Fassung), Samuel Beckett