Homophobie im Fußball: Raus aus dem Abseits!

Artikel veröffentlicht am 31. August 2016
Artikel veröffentlicht am 31. August 2016

Warum gibt es eigentlich keine offen schwulen Fußball-Bundesligaprofis? Darum: Weil der Sport halt immer noch ein Problem mit allem hat, was nicht heterosexuell ist. Verschiedene Initiativen, darunter auch meine eigene, wehren sich nun gegen diese Homophobie und zeigen, dass Schwulsein und Fußballer sehr wohl miteinander vereinbar sind. 

Die Autorin Nicole Selmer erklärte kürzlich im Magazin 11 Freunde: „Das Thema Homophobie ist in den letzten fünf bis sechs Jahren großflächig angegangen worden.“ Wer das liest, könnte meinen, es gebe im deutschen Fußball kaum etwas zu beklagen, wenn es um Fortschritte in der Anti-Homophobiearbeit geht. Tatsächlich ist viel passiert. Spätestens nach dem öffentlichen Coming-Out von Thomas Hitzelsperger im Januar 2014 schien die Tür weit geöffnet für andere, es ihm gleich zu tun. Der Ex-Nationalspieler erhielt viel Zuspruch: Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger schrieb sich den Kampf gegen Homophobie persönlich auf die Fahne und erhielt für sein Engagement unter anderem den Tolerantia-Preis, zusammen mit der Aktivistin Tanja Walter-Ahrens und Philipp Lahm.

Angst vor einem möglichen Coming-Out

Doch seitdem? Ist wenig passiert. Die Folgewirkungen sind ausgeblieben. Zwanziger ist mittlerweile Geschichte und der DFB mehr mit Korruption in den eigenen Reihen beschäftigt als mit dem Kampf gegen Homophobie. Hitzelsperger ist immer noch alleine auf weiter Flur. Bisher hat sich kein weiterer aktiver deutscher Fußballprofi als schwul oder bisexuell geoutet. Zur Einordnung: Die Rede ist hier von mehr als 1300 Spielern in der ersten bis dritten Bundesliga. Rein statistisch ist es nahezu unmöglich, dass darunter kein einziger Schwuler oder Bisexueller sein soll. Als Grund wird oft die „Angst vor der Reaktion der Kurve“ genannt, die Befürchtung, dass einem homosexuellen Spieler nach dem Schritt in die Öffentlichkeit ein Spießrutenlauf bevorstünde. Zweifelsohne kommt es immer noch zu offener Homophobie auf den Rängen, in Sprechchören und auf Transparenten. Doch auch hier hat sich die Welt weitergedreht. Inzwischen existieren zahlreiche schwul-lesbische Fanclubs, von denen sich 30 unter dem Dach der 'Queer Football Fanclubs' europaweit zusammengeschlossen haben.

Die Sorge vieler Spieler vor einem möglichen Coming-Out bezieht sich wohl mindestens ebenso auf die Führungsebene der Vereine sowie auf potentielle Werbepartner. Hier sitzen Entscheidungsträger, die zumeist männlich und überdurchschnittlich konservativ sind. Da es an belastbaren Präzedenzfällen fehlt, ist das alles natürlich Spekulation. Aber: Dadurch dominieren Ängste und niemand will das Risiko eingehen, der Erste zu sein. Das führt dazu, dass manche Profis sich öffentlich verleugnen müssen, spätestens seit fast jeder Fan ein Smartphone mit Kamera in der Tasche herumträgt. Dieser permanente Druck kann nicht nur zu Leistungseinbrüchen führen, sondern auch krank machen. Eindrücklich beschreibt das der Journalist Ronny Blaschke im Buch Versteckspieler, der Biografie über Marcus Urban, Ex-Juniorennationalspieler der DDR, der sich nach dem Ende seiner Karriere als homosexuell outete. Urban etwa begann zeitweise überhart in Zweikämpfen zu agieren, um bloß keinen Verdacht zu erregen, schwul zu sein - obwohl dieses Verhalten gar nicht seinem fußballerischen Stil entsprach.

Schwul und Fußballer? Unvereinbar.

Vor allem führt der ständige Druck, die Angst, das Versteckspiel dazu, dass es jungen Spielern im Amateurbereich, die selber vor der Frage stehen, ob sie sich outen sollen, an Idolen mangelt. Schwul und Fußballer, dieses Profil scheint vielen immer noch unvereinbar. Sie fühlen sich vor die Wahl gestellt: Verstecken oder Aufhören? Damit aber bleiben LGBT-Personen im Männerfußball in jedem Fall unsichtbar. Aus Mangel an Vorbildern braucht es also eine Bewegung 'von unten'. Die Bestrebungen sind durchaus da. Der LSVD Berlin-Brandenburg kooperiert seit ein paar Jahren mit dem Berliner Fußballverband, die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat 2011 das Projekt Fußball für Vielfalt ins Leben gerufen. Hinzu kommen viele regionale Initiativen. Eine davon ist die von mir mitgegründete Initiative FeinerFußball, die vergangenes Jahr unter dem Dach des Gerede e.V. in Dresden entstand: Ein Verein, der die Rechte von homo- und bisexuellen sowie transidenten Menschen vertritt. FeinerFußball organisiert Workshops in Amateurfußballvereinen in Ostsachsen, um eine breitere Akzeptanz und Sensibilität im Umgang miteinander an der Basis zu schaffen.

Doch es lohnt sich auch ein Blick über die Grenzen der Bundesrepublik, denn die bevorstehenden Großereignisse der Fußballwelt werfen ihre Schatten: 2018 steht die WM in Russland an. Staatspräsident Putin unterschrieb im Sommer 2013 das sogenannte „Gesetz gegen homosexuelle Propaganda“ - aber Russland ist nicht erst seit Inkrafttreten dieses Gesetzes ein schwieriges Pflaster für sexuelle Minderheiten. In der russischen Fußball-Liga kommt es immer wieder zu rassistisch motivierten, teils auch gewaltsamen Vorfällen. Schlechte Vorzeichen.

Die Sorge ist also berechtigt, dass es auch während der Weltmeisterschaft in zwei Jahren zu Diskriminierung kommen wird, womöglich noch gedeckt durch staatliche Institutionen. Von der FIFA gibt es dazu bisher keine klare Positionierung, ebenso wenig vom DFB - obwohl dieser als größter Einzelsportverband der Welt sicher Einfluss ausüben könnte. Genauso wie er die Pflicht hat, seinen Fans und Spielern einen offenen Umgang mit ihrer Identität zu ermöglichen. Damit sie endlich raus kommen aus dem Abseits.