Homeless World Cup: 1-0 gegen Obdachlosigkeit

Artikel veröffentlicht am 17. September 2013
Artikel veröffentlicht am 17. September 2013

"A ball can change the world" – unter diesem Motto fand in diesem Jahr der Homeless World Cup im polnischen Poznan statt. Im August reisten 700 Spieler aus 70 Ländern in die westpolnische Stadt, um Straßenfußball zu spielen, vor allem aber um ihr Leben in den Griff zu bekommen. 

Anpfiff. Auf den drei Fußballfeldern beginnen gerade die Spiele: Die Philippinen gegen Deutschland und Wales gegen Griechenland. Besonders leidenschaftlich wird das Duell des polnischen Gastgebers gegen Russland vom Publikum begleitet. “Polskaaa, Polskaaa!” singen die Fans auf der Tribüne. In der obersten Reihe sitzen wir mit Maciej Gudra, dem Vorsitzenden des Vereins "Polnische Obdachlosenmannschaft", der die diesjährige Weltmeisterschaft organisiert hat. Von hier oben hat man einen weiten Blick über die malerische Kulisse des Maltasees, eines beliebten Ausflugsziels der Poznaner. Bei lauter Musik und der aufgeregten Stimme des Moderators schauen wir den Spielen zu. In ihren Nationaltrikots sehen die Spieler gar nicht so aus, wie man sich Obdachlose vorstellt. Tatsächlich sind nicht alle obdachlos. "Homeless bedeutet nicht nur houseless", erklärt Gudra. "Homeless ist für uns ein Drogen-, Alkohol- oder Spielsüchtiger, selbst wenn er eine Wohnung hat."

Der HWC ist eine soziale Veranstaltung von ungewöhnlich großem Umfang. Rund 200 Freiwillige, ehrenamtliche Trainer, Sozialarbeiter und Schiedsrichter aus der ganzen Welt machen das möglich. Viele von ihnen arbeiten das ganze Jahr, um dabei sein zu können. “Für uns alle ist das ein zweiter Job”, meint Alessandro Dell'Orto, Manager der italienischen Mannschaft, der 2009 den HWC in Mailand organisierte.

Angst vor ausländischen Obdachlosen

Für die Organisation ist Geld natürlich ein wichtiges Thema: Für Austragungsort, Unterkunft und Verpflegung der Spieler hat der polnische Verein mit Hilfe verschiedener Sponsoren gesorgt, nach jedem Spiel prangt auf dem Rasen das Respect-Logo der UEFA. Auch Stadt und Staat wurden um Unterstützung gebeten. “Anfangs war die Stadtverwaltung sehr zurückhaltend, wohl aus Angst, dass Poznan von ausländischen Obdachlosen überflutet wird, die nicht mehr zurückwollen“, berichtet Gudra, „nur zögerlich hat sie uns geholfen.” 

Einige Monate vor dem geplanten Anstoß zog das Sportsministerium seine finanzielle Unterstützung zurück: “Letzten Endes haben wir nur ein Drittel der ursprünglich zugesagten Mittel erhalten.” Für Vorbereitung der Teams und Reisekosten mussten jeweils die nationalen Organisationen aufkommen – und fanden unterschiedliche Lösungen: Die griechische Mannschaft finanzierte sich über den Verkauf der Obdachlosenzeitung. In Hong Kong wurde ein Charityspiel für Unternehmen veranstaltet, das 30.000 Euro einbrachte. Das spanische und das lybische Team konnten das Geld nicht zusammenkriegen – sie fehlen dieses Jahr.

So gut wie 100 Besuche beim Psychologen

Den Spielern entgeht, glaubt man der Seite homelessworldcup.org, eine lebensveränderne Erfahrung, eine „once-in-a-lifetime opportunity“ – am HWC darf man nur ein einziges Mal im Leben teilnehmen.  Zahlreiche Erfolgsgeschichten wollen belegen, dass es 77 Prozent der Spieler gelingt, ihr Leben langfristig zu ändern. “Hier stehen sie im Mittelpunkt, nicht wie sonst im Schatten. Hier sind sie Stars”, erklärt Alessandro. "Das ist so gut wie 100 Besuche beim Psychologen."

"Ich habe das Gefühl voranzukommen", bestätigt die 29-Jährige Spielerin Ewa, die einen zweijährigen Alkoholentzug hinter sich hat. "Ich hatte mich schon aufgegeben, jetzt gehe ich auf den Platz und kämpfe”. Viele Spieler sind zum ersten Mal in ihrem Leben gereist, haben neue Leute aus anderen Ländern kennengelernt. Und sie haben das Trikot der Nationalmannschaft getragen. “Das kann nicht jeder von sich behaupten”, meint stolz der 21-Jährige Spieler Leonardo. Die Spieler haben nach der WM jedoch oft Schwierigkeiten in die Realität zurückzukehren, wo ihnen keine Fans zujubeln, sich keine Journalisten für sie interessieren, gibt Alessandro zu bedenken. Viele von ihnen brauchen dann spezielle psychologische Betreuung. 

Um auf dem HWC ein Land zu vertreten, muss man nicht dessen Staatsbürger sein. Es sei aber schwierig die Reisedokumente für Flüchtlinge und Asylbewerber zu bekommen, sogar innerhalb der EU, berichtet Sergios, Trainer des griechischen Teams. “Wir haben viele ausländische Spieler, ich konnte dieses Jahr keinen von ihnen mitnehmen.” Kriterium für die Auswahl der Spieler ist weniger ihre sportliche Leistung, meint er. “Wichtig ist, dass sie bereit sind, regelmäßig zum Training zu kommen, sich sozial zu verhalten, Regeln zu befolgen. Wir suchen Spieler aus, von denen wir denken, dass ihnen diese Erfahrung besonders weiterhilft”. Bei Uwe aus Belgien hat das funktioniert: "Ich dachte mir: Junge, du kannst was, rappel dich zusammen, komm wieder in die Welt zurück.” Sein Sohn, der die Spiele im Internet verfolgt, hat ihm gestern eine SMS geschickt: “Papa, ich bin stolz auf dich, du hast ein Tor gemacht bei der Weltmeisterschaft”. Für den 49-Jährigen ist das ein doppelter Erfolg. Nach der WM möchte er sich weiter für den Fußball engagieren.

Unabhängig von Toren und sportlichen Siegen haben viele Spieler persönliche Erfolge zu verzeichnen. "Anstatt aufzugeben, spielen sie weiter", sagt Gudra. Und als unten auf dem Rasen die Spiele enden, feiern nicht nur drei, sondern sechs Mannschaften. Dennoch verlassen die Polen, die gerade gegen Russland verloren haben, geknickt das Spielfeld. Gewinnen ist natürlich auch auf dem HWC am schönsten.