Hollands Zwarte Piet: Rassismus im Schafspelz

Artikel veröffentlicht am 5. November 2013
Artikel veröffentlicht am 5. November 2013

In Holland hat der Sankt Nikolaus afrikanische Knechte. Ist das Rassismus im Schafspelz? Ein Land diskutiert.

In Holland spaltet ein Weihnachtsbrauch alle Jahre wieder die öffentliche Meinung. Traditionsgemäß kommt Sinterklaas, der holländische Sankt Nikolaus, mit einem Schiff aus Spanien und zieht von Stadt zu Stadt, um holländische Kinder zu beglücken. Bis hierhin ein harmloser Spaß. Die Krux an der Sache sind Sinterklaas Knechte, die sogenannten 'Zwarte Pieten' (Schwarzen Peter). Die sind, wie der Name verrät, schwarz, bunt verkleidet und helfen Sinterklaas bei der Arbeit. 

Im Sinne dieser Tradition werden pro Jahr rund 600 Laienschauspieler schwarz geschminkt, um in die Rolle der Diener zu schlüpfen. Auf die Frage, warum die Helferlein in Holland afroamerikanisch sind, wenn Sinterklaas doch aus Spanien kommt, weiß keiner eine rechte Antwort. Ähnlich wie der deutsche Knecht Ruprecht haben sie Ruß im Gesicht. Unglücklicherweise wird der Kaminruß heute als Hautfarbe verkannt und hat eine Rassismus-Debatte entfacht, die seit einigen Wochen das In- und Ausland in Atem hält.

Zwei Lager

„Für viele Menschen ist Sinterklaas ein nettes Volksfest für Kinder. Jeder hat dazu positive Gedanken“, sagt Michiel (31). „Jetzt wird es auf einmal in den Dreck gezogen und ausschließlich negativ dargestellt. Das verärgert viele. Worum es eigentlich geht, ist doch offensichtlich. Die wachsende Zahl der Ausländer im Land. Wären die nicht hier, wäre es nie zu der ganzen Aufregung um Sinterklaas gekommen."

Die holländischen Zeitungen quillen über, weil jeder plötzlich eine Meinung zum Thema hat. Zwei Meinungen, um genau zu sein. Die einen wollen, dass der Feiertag so bleibt wie er ist. Die anderen verlangen, dass Sinterklaas seine schwarzen Lakaien in Zukunft lieber in Spanien lässt. In Augen der Widersacher erinnert der Schwarze Piet an Zeiten der Sklaverei. Auf Facebook wurde unlängst eine Aktion gestartet, die über Nacht Massen mobilisiert hat. Überall im Land fanden in den letzten Wochen Demonstrationen statt.

Dieses Jahr wurde zum ersten Mal Beschwerde gegen die rassistische Parade eingereicht. Initiator dieser Bewegung ist Künstler und Aktivist Quinsy Gario, der schon seit ein paar Jahren gegen den schwarzen Knecht agiert. Der Anführer  der Anti-Piet-Fraktion hat vor zwei Jahren erstmals den Vergleich zwischen antisemitischen Pogromen und den schwarzen Pieten öffentlich thematisiert und damit für viel Furore gesorgt. 

Auf der anderen Seite argumentiert die Pro-Piet-Fraktion, heimische Traditionen seien, wie in jedem anderen Land auch, für Außenstehende zuweilen schwer zu verstehen. Unsere eurozentrische Sichtweise würde afrikanische Initiationsriten, die den Übergang zum Erwachsenenalter zelebriert, ebenso als grausam oder unmenschlich abstempeln.

„Rassismus in Holland ist ein Phänomen. Ich bin im Alter von 4 Jahren von Afghanistan hierher gekommen. Wenn mich Holländer nach meinem exotischen Namen fragen, und ich erzähle, dass ich aus Afghanistan komme, sind sie erstaunt, wie gut mein Holländisch ist. Ähnlich wie mit dem Schwarzen Piet fehlt einfach eine Grundsensibilität gegenüber Ausländern. Holland und besonders Amsterdam tragen seit langer Zeit den Stempel 'liberal und tolerant'. Das hat dazu geführt, dass sich niemand mehr wirklich mit dem Thema auseinandersetzt, Probleme unterdrückt werden und gegenseitiges kulturelles Unverständnis entsteht“, erklärt Torkan (23).

Die UN mischt mit

Auch die Vereinten Nationen sind mittlerweile involviert. Das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte kritisiert in einem offiziellen Brief, die holländische Weihnachtstradition würde  zu rassenbezogener Stereotypisierung von Afrikanern und Menschen afrikanischer Herkunft und rassistischem Denken anregen. Nun hat die Tageszeitung NRC Handelsblad einen Brief der UN-Rapporteure veröffentlicht, die sich mit Menschenrechten, Minderheitsrechten und Rassismus beschäftigen. Der Brief richtet sich ausdrücklich an die holländische Regierung und wurde schon am 17. Januar dieses Jahres verfasst. Darin steht, Rapporteure hätten befunden, dass der „Dummkopf und Knecht Piet“ den Anschein erwecke, Afrikaner seien zweitrangige Bürger. Die Regierung sei dafür verantwortlich, dem rassistischen Schauspiel ein Ende zu bereiten. 

Worum geht es eigentlich?

Rassismus. Quincy Dario, die UN-Sonderberichterstatter und die heftigen Kritiker der Zwarte Piet-Tradition haben die Büchse der Pandora geöffnet und  bieten somit neuen Nährboden für Rassismus. Für Hollands berühmtesten Rechtspopulisten, den Vorsitzenden der  Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit) Geert Wilders, ist die Dämonisierung des Schwarzen Piet ein Gottesgeschenk. Es wird ein Klima geschaffen, in dem sich echte Rassisten als Verteidiger des Schwarzen Piet verkleiden können. So werden in Zukunft Gegner der UN, Gegner Europas und des offenen, kosmopolitischen Zusammenlebens den Schwarzen Piet auf ihren Bannern hochhalten und jegliche Diskriminierungsbeschwerde als Fortsetzung der Zwarte Piet-Diskussion abtun.

Für dieses Jahr ist die Debatte zwar längst nicht beendet, aber sie bleibt fruchtlos. Der Bürgermeister von Amsterdam, Eberhard van der Laan, verkündet das Ergebnis für diese Runde. Es ist beschlossen. Mitte November kommt Sinterklaas wieder nach Holland. Wie jedes Jahr wird er überall festlich empfangen werden. Und wie jedes Jahr ist er nicht allein. Er kommt in Begleitung seiner schwarzen Knechte. Zumindest Geert Wilders wird Quincy Dario für immer dankbar sein.