Holland: Mein Königreich für eine Party

Artikel veröffentlicht am 1. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 1. Mai 2013
„Dress like a princess, feel like a queen“: Eine Spanierin und zwei Deutsche auf der Suche nach den Ursachen einer speziell niederländischen Leidenschaft: In einem der liberalsten Länder der Welt ist der Geburtstag des Monarchen die größte Party des Jahres.

Die Begeisterung der Niederländer für ihren Koninginnedag ist seltsam. In Deutschland wurde die Monarchie vor beinahe einem Jahrhundert abgeschafft. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist Patriotimus ein No-Go. Doch hier in Holland ist man schon Tage vor dem 30. April, dem Geburtstag der früheren Königin Juliana, der in Holland Nationalfeiertag ist, völlig aus dem Häuschen. Oranje ist überall: Königinnentags-Produkte, Flaggen, Bilder der Königsfamilie. In diesem Jahr steigt sogar eine doppelte Party. Denn nach 33 hat Königin Beatrix 2013 ihr Amt niedergelegt und das Zepter an ihren Sohn Willem-Alexander übergeben.

In Spanien ist die Königsfamilie einer Umfrage des Centro de Investigaciones Sociológicas (CIS) zufolge neben Arbeitslosigkeit und Betrug zu einer der größten Sorgen der Bevölkerung geworden. Der Korruptionsskandal um Prinzessin Cristina und ihren Mann sowie der Unfall von König Juan Carlos während einer Elefantenjagd in Botswana haben das Image des Königshauses erheblich beschädigt. Großbritannien ist wiederum in größter Erwartungshaltung. Der Generationenwechsel im Hause Windsor hat den Royals auf der Insel ordentlich Aufwind und positive Publicity beschert. 

So orange, so sexy

Im Schaufenster eines Utrechter Spieleladens entdecken wir ein Königinnentag-Puzzle, limitierte Sonderedition. Der Mann im Laden erklärt uns, warum die meisten Niederländer ihre Königsfamilie so gerne haben: „Sie sind ein Symbol der Niederlande. Wie eine Marke, die es möglich macht, international erfolgreich zu sein.“ Auch wenn nicht alle Niederländer Monarchisten seien: Der 30. April sei trotzdem eine bei allen willkommene Gelegenheit, Party zu machen und die eigene Nationalität zu feiern. Tatsächlich handelt es sich aber auch um ein Datum, an dem es regelmäßig zu Alkoholexzessen kommt. Deshalb darf an diesem Tag vor 11.30 Uhr kein Alkohol über die Ladentheke gehen.

Das neue Königspaar, Willem Alexander und Máxima, ist in jedem Shop vertreten. Drogerien verkaufen Königinnentag-Shampoo, das nach Orange und Zeder duftet. Bäckereien bieten orangenes Gebäck an. Auch wer jung und hip ist, findet die passende Kleidung für den Königinnentag: „Dress like a princess, feel like a queen“, heißt es im Schaufenster eines angesagten Ladens. Viele Shops bieten ein Glas Orangensaft an, anderswo winkt den Einkäufern eine Miniatur-Beatrix zu. Manche Schaufenster sind ganz in Orange gehalten oder mit Bildern der Königsfamilie geschmückt. Wer eine Royalistin zur Partnerin hat, die gleichzeitig eine leidenschaftliche Liebhaberin ist, findet sogar Königinnentag-Dessous. So orange, so sexy.

In Deutschland bleiben patriotische Gefühle im Wesentlichen auf Fußball beschränkt. Alles andere würde noch immer ungute Erinnerungen an die Nazizeit wecken. Als die deutsche Band Mia. 2003 den Song 'Was es ist' über das Deutschsein und dessen Symbolik brachte, prasselte von allen Seiten ein Shitstorm und der Vorwurf des ‚Lifestyle-Nationalismus‘ auf sie ein. Schwarz-rot-goldene Produkte werden allenfalls zur Weltmeisterschaft verkauft – und was die Erfindung dieser Produkte angeht, besitzen die Deutschen längst nicht so viel Kreativität wie ihre niederländischen Nachbarn.

Steife Nationalfeiertage in Spanien und Deutschland

Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober ähnelt dem, was andere Länder Nationalfeiertag nennen, noch am meisten. Doch gefeiert wird er nur von einer Handvoll Politiker: Mit einer formellen, steifen Zeremonie. Der Rest des Landes ignoriert das Event und freut sich allenfalls über den freien Tag. In Spanien lässt das Bild der Militärparade im Madrid an jedem 12. Oktober so manchen erzittern. Am 12. Oktober 1492 entdeckte Kolumbus Amerika. Der Tag erinnert deshalb nicht wenige Spanier an den Beginn der Verfolgung der Indios in Lateinamerika. Und die marschierenden Soldaten rufen Erinnerungen an den Diktator Francisco Franco wach, der mit Hilfe des Militärs an die Macht kam. Sport, Kunst und Küche: Das sind einige der wenigen Symbole, die alle Spanier etwas Nationalstolz empfinden lassen. 

In Utrecht kommen wir an einer teuer wirkenden Boutique vorbei, die „Königinnentag-Kleider“ anbietet. Ein guter Ort, um nach der perfekten Kleidung für den großen Tag zu fragen. Doch die Verkäuferin schüttelt nur verwundert den Kopf. „Irgendwas, was auch Máxima tragen würde? Nicht nur ein orangenes T-Shirt?“, fragt sie. Wenn sie über die feiernden Massen auf den Straßen spricht, klingt sie fast angeekelt.

Auch im Optikerladen macht das Schaufenster auf die bevorstehenden royalen Ereignisse aufmerksam: Große Bilder zeigen Beatrix und Willem Alexander. Der alten Königin wird gedankt, ihrem Sohn für seine Regentschaft alles Gute gewünscht. Die Besitzer haben es mit ihrem Laden sogar auf das Titelblatt der Lokalzeitung AD Utrecht geschafft – natürlich nur wegen der auffälligen Dekoration. Stolz zeigen sie uns das Foto. Auch im nächsten Jahr wollen sie alles dafür tun, um wieder unter den bestdekorierten Läden der Stadt zu sein. Nicht mehr am Königinnentag, sondern fortan am Königstag, dem 27. April. 

Dieser Artikel ist Teil einer FEJS-Spezialserie (Forum europäischer Journalisten) und ist im Rahmen eines cafebabel.com 'on the ground' Workshops in Utrecht entstanden.

Illustrationen: ©Dominik Speck