HoGeSatzbau: Rotstift gegen Rechts

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2016

Hasskommentare bleiben im Netz meist unbeschadet stehen. "Wie damit umgehen?" - darüber entbrannte in Deutschland eine Diskussion. Die Initiative HoGeSatzbau versucht mit Humor auf das Problem aufmerksam zu machen. Dafür haben sie von Facebook einen Preis gewonnen, mit dem sie dem Unternehmen eines ausgewischt haben.

Rot. Meine Französischaufsätze waren voll davon: Ränder voller roter „G“s für falsche Grammatik, roter „R“s für falsche Rechtschreibung – und zeilenweise rote Wellenlinien, weil „der Ausdruck nicht stimmte“. Die Zeiten sind zum Glück vorbei – auch wenn mein Französisch nicht viel besser ist. Kleinliche Korrekturen können Menschen aber weiterhin treffen, auch wenn sie nicht mehr in der Schule sind: Dafür sorgt die HoGeSatzbau – die Hooligans gegen Satzbau.

Dahinter stehen drei Menschen, die sich Hasskommentare im Netz vornehmen und die Rechtschreibung der Postings verbessern. Ein Rotstift kommt dabei zwar nicht mehr ins Spiel, denn die HoGeSatzbau korrigieren Fehler mithilfe von eckigen Klammern und Punkten. Die Idee aber ist dieselbe: Es sind Rechtschreib- Grammatik- und Satzbaufehler, die korrigiert werden.

So geht es beispielsweise MC88, der folgendes getwittert hat: 

Aber auch Kommentare mit Tippfehlern werden auseinandergenommen - und dann mit Humor in einen breiteren Kontext gesetzt:

Hasskommentare sichtbar machen

Klingt erstmal sehr nach Klugscheißer: Anstatt die Inhalte zu kritisieren, befassen sie sich kleinlich mit Sprach- und Schreibfehlern. 

Aber selbst auf die Inhalte einzugehen ist gar nicht ihr Ziel, erklärt mir „Kiki Klugscheißerhool“: „Wir wollen, dass die Beiträge gesehen werden. Viele lesen über solche Kommentare inzwischen einfach nur drüber. Wir wollen sie wieder sichtbar machen und sagen mit der Korrektur: 'Schaut hin!  Reagiert!' “

Und die Community reagiert: Weit über 100 Kommentare posten Follower der HoGeSatzbau-Seite täglich auf der Seite. Die HoGeSatzbau macht die einzelnen Kommentare wieder sichtbar, indem sie die korrigierten Posts online stellt. Auf den Inhalt gehen ihre Follower ein. "Das Wissen, das man braucht, um auf diese Kommentare zu reagieren, ist ja schon da", findet Kiki. 

Bei der Arbeit sitzt sie oft über Kommentaren und muss herzlich lachen. Die Initiative nimmt eine Position ein, von der aus sie die Urheber von oben herab kritisieren. Aber Kiki betont: „Wir lachen nicht darüber, dass jemand nicht schreiben kann.“ Die HoGeSatzbau wollen zeigen, dass die Urheber der Kommentare „die totale Deutschness wollen“, aber selbst nicht einmal die deutsche Sprache beherrschen. Und wenn sie über Äußerungen von Frauke Petri oder Lutz Bachmann sitzt, „dann bin ich einfach nur sauer, weil ich die Rolle nicht ausblenden kann, die diese Personen spielen.“

Auszeichnung mit Folgen

Im September wurden die drei Mitglieder der Initiative für ihren Aktivismus mit dem Publikumspreis des „Smart Hero Award“ geehrt. Er wird von Facebook und der "Stiftung Digitale Chancen" vergeben, die unter der Schirmherrschaft des Bundeswirtschafts- und Bundesfamilienministeriums steht.

Aber die Hooligans gegen Satzbau wären nicht sie selbst, wenn sie nicht auch dort korrigiert und angestrichen hätten. So dankten sie dem Publikum zwar für die Unterstützung, aber stellten die Verleiher des Preises zugleich bloß: „Wir könnten überflüssig sein, wenn ihr handeln würdet“, sagten die drei maskierten Gewinner während der Preisverleihung und fügten hinzu: "Wir sind es leid, als Antwort auf Meldung von Hass und Hetze eine Nachricht zu bekommen, dass nicht gegen eure Gemeinschaftsstandards verstoßen wurde, während wir eure Nutzer täglich animieren, sich gegen Menschenfeindlichkeit einzusetzen."

Anfänge der HoGeSatzbau

Seit zwei Jahren gibt es die Initiative schon. Sie haben sich gegründet, nachdem in Köln die HoGeSa aufkam - ein rassistischer Schlägertrupp der sich "Hooligans gegen Salafisten" nannte. „Danach hatten viele Leute das Gefühl, dass sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung extrem ausweiten dürfen.“ Das beobachtet Kiki nicht nur in Deutschland, sondern auch auf italienischen und englischen Seiten „und in anderen Ländern gibt es das sicher auch, ich spreche nur die Sprache nicht“, vermutet sie.

In Deutschland fand eine breite mediale und gesellschaftliche Diskussion darüber statt, wie mit Hasskommentaren im Netz umgegangen werden sollte. Im Sommer diesen Jahres ging die Justiz erstmals darauf ein: Am 13. Juli führte die Polizei bei Urhebern solcher Kommentare Wohnungsrazzien in 14 Bundesländern durch. Damit setzte sie ein Zeichen, dass die Weite und Anonymität des Internets nicht endlos ist. Ein Anfang ist somit gemacht, aber die Politik „muss noch ordentlich durchstarten“ findet Kiki. Bis dahin werden die drei weiterhin selbst aktiv bleiben.