Hocus Pocus – kein fauler Zauber

Artikel veröffentlicht am 23. März 2010
Artikel veröffentlicht am 23. März 2010
Von Till Neumann Wer sich in der französischen Szene auskennt dürfte sie kennen. Wer sie noch nicht kennt sollte sie kennen lernen: Hocus Pocus. Die Band um den Rapper 20Syl macht HipHop der begeistert – und zwar nicht nur die klassischen Kopfnicker. Eine Mischung aus Jazz, Soul, Funk und HipHop, präsentiert von einer glänzend eingespielten Liveband. Am 19.
März waren die Jungs aus Nantes mit ihrem neuen Album 16 Pièces (16 Stücke) in der Laiterie in Straßburg.

„Klar, wir mischen viele Stile, aber im Kern sind wir HipHop. Wir haben einen DJ und ich selbst bin Rapper, auch wenn ich in meine Texte viele Slam- und Gesangselemente einbaue. Das Besondere unserer Musik ist aber, dass wir das starre Genre aufbrechen und viele verschiedene Stile einfließen lassen“, erklärt 20Syl, dessen Name sich „vänsil“ spricht, ein umgedrehtes „Sylvain“. So heißt er wirklich.

Inwiefern Hocus Pocus dieser Stilbruch gelingt, stellen sie bereits vor dem eigentlichen Konzert klar - mit einer kleinen akustischen Einlage im Straßburger Einkaufszentrum FNAC. Begleitet von Gesang und Gitarre von David Le Deunff (ebenfalls Hocus Pocus) rappt 20Syl fünf Stücke als Vorgeschmack auf das Album und das große Konzert am Abend. Nicht nur dem Publikum, auch ihm selbst machen solche Einlagen viel Spaß: „So zu spielen ist ganz anders als auf einer großen Bühne. Mit nur Stimme und Gitarre kommen wir zur Essenz der Lieder. Es ist intimer, vielleicht sogar emotionaler.“

hocus pocus 2Und in der Tat sind die beiden Auftritte nicht zu vergleichen. Das wird zwei Stunden später klar, noch bevor die Band auf die Bühne kommt. Denn der ohrenbetäubende Lärm eines frenetischen Publikums lässt jegliche Intimität der Vorabkonzerts vergessen. Und dann der Startschuss. Licht, Nebel, Musik. Drei Bläser, ein Keyboard, Schlagzeug, Bass, Gitarre. Dazu Dj Greem und natürlich 20Syl. Ein beim Interview ruhiger und zurückhaltender Kerl, der auf der Bühne zum energiegeladenen Wortakrobaten mutiert. Mit teils poetischen, teils ironischen aber immer durchdachten Texten, die er leichtfüßig und emotionsgeladen vorträgt. Mal geht es um das Ableben von Michael Jackson, verbunden mit einer Kritik an der Medieninszenierung solcher Ereignisse, mal um nervige Popmelodien, verpackt in eine herrliche Selbstkritik, mal um die Frage ob er Papa werden möchte. Dabei auch eine Zeile für das deutsche Publikum: Qui sait ce qu'il (mon fils) pourrait devenir? Toxico? Criminel? Ou pire: Fan de Tokio Hotel! Übersetzt: Wer weiß, was er (mein Sohn) mal werden könnte? Drogenabhängig? Kriminell? Oder schlimmer: Fan von Tokio Hotel!

Die knapp zwei Stunden Konzert sind ein wahres Feuerwerk. Die Band tanzt synchron im Takt, das Publikum feiert mit, Höhepunkte im Minutentakt. Eine Beatboxeinlage von 20Syl, eine Querflöte (bei einem HipHop-Konzert!), der Gastauftritt des amerikanischen Rappers Mr. J. Medeiros, eine super Tonabmischung, Lichteffekte im Motiv des Albums und in fast jedem Lied Scratches vom DJ. Außerdem viel Interaktion mit dem Publikum und 20Syl voll im Element. Selten sieht man Rapper, die so positiv rüberkommen, und auch ohne Unterstützung ihre Strophen mühelos durchrappen. Selten sieht man eine so detailverliebte und perfekt ausgearbeitete Bühnenperformance. Die 22 € / 25 € Eintrittsgeld sind das zweifelsohne wert. Was Hocus Pocus präsentieren hat Klasse, vielleicht sogar etwas magisches – faulen Zauber sucht man jedenfalls vergebens.

Links

Teaser zum neuen Album 16 Pièces

Single vom neuen Album: A mi-chemin

Hocus Pocus - Le doigt (Akustik)

(Quelle: Youtube)

(Photos: Félix Réginent)