Hip Hop: B-Boys mischen Brüsseler Kunstszene auf

Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2011
Am Freitag, den 21. Februar, an dem das Street-Dance-Festival „Festival Lezarts Danses urbaines 2011“ eröffnet wird, gibt sich der Palast der Schönen Künste „Bozar“ (Musée des Beaux Arts) in Brüssel lockerer als gewöhnlich. Der Brüsseler Hip Hop, der immer noch zu oft mit „Gangstersport“ gleichgesetzt wird, hat seine Wurzeln im Einkaufszentrum Galerie Ravenstein auf der anderen Seite der Straße.
An diesem Abend jedoch gibt der Hip Hop in den Marmorsälen des Museums den Ton an.

Abseits vom Trubel am Eingang gibt mir Mohammed Belarbi, alias Momo, der Choreograph der Nachwuchstalente, einen Crashkurs in Sachen Hip Hop. Währenddessen wirbeln seine Schüler mit erstaunlicher Leichtigkeit über den Boden des Übungsraums. Seit zehn Jahren stellt der Gründer der Vagabonds Crew den Jüngsten seine Zeit und sein Können zur Verfügung. Das zehnte Festival Lezarts Danses Urbaines, das diesmal ganz im Zeichen Europas steht, endet mit einem europäischen Hip Hop-Dance-Workshop. Für diesen Anlass wurde eine belgische Gruppe ausgewählt, deren choreographische Leitung Momo übernommen hat. Seinem geschulten Auge entgeht nichts. Er selbst stammt aus der „zweiten Generation“ des Hip Hop in den 1980er Jahren und erklärt mir, dass die Szene zu dieser Zeit hauptsächlich abends aktiv war. Was die körperliche Belastung angeht, ist Breakdance zwar eindeutig ein Leistungssport, aber für Momo steht fest: „Moves ohne Musik sind für einen Breaker unmöglich“.

Hip Hop ist zweifelsohne eng mit Rhythmus und Tanz verbunden und entwickelt sich daher zu einer eigenständigen Kunstbewegung. Wenn man allerdings eine durchschnittliche Mittfünfzigerin auf Hip Hop anspricht, wird sie mit Vorurteilen nur so um sich werfen: Kleinkriminelle, Ghettokinder und Kiffer… Umso paradoxer erscheint es, dass das zehnjährige Jubiläum dieses Festivals ausgerechnet im Palast der Schönen Künste, dem Allerheiligsten der Brüsseler Kunstszene, stattfindet. Hier wird dem Hip Hop die Ehre erwiesen, die ihm konservative Kunstliebhaber gerne verweigern. In diesem Sinne ist die Entwicklung des Hip Hop ein Siegeszug: eigentlich nur ein Katzensprung über die Straße, aber dennoch ein harter Weg.

Eine gemeinsame Identität - ein Voneinander-Lernen

Was macht Hip Hop aus? Das Gemeinschaftsgefühl, wie in einer Familie, „eine multikulturelle Welt, bei der Nationalität, Hautfarbe und Herkunft keine Rolle spielen“. Weiße, Schwarze, darunter ein paar Mädchen... Die einzige Regel: „Tanzen.“ Aber trotzdem muss man authentisch bleiben, auf seinen Körper achtgeben und die anderen respektieren, erklärt Momo. Denn wenn ein Breaker es drauf hat, reicht es ihm beim Tanzen zuzusehen, um einschätzen zu können, ob er das nötige Durchhaltevermögen hat.

„Wir tanzen nicht für Geld, wir verdienen Geld, um zu tanzen.“

Johnny, 22 Jahre, und zwei weitere Jungs vom Team Schmetta warnen mich schon einmal vor, Meister im dreckige Witze erzählen zu sein. Sie bringen mich richtig zum Lachen. Vor allem aber bin ich von ihrer Energie, ihrer guten Laune und von der Reife, die sie ausstrahlen, beeindruckt - drei verschiedene Facetten ihres „Crew Spirit“. Außerdem erinnert Johnny daran, dass Hip Hop entstanden ist, um zu zeigen, wo man herkommt und um die soziale Lage der jeweiligen Viertel zu verbessern: „Dafür brauchst du eine Gruppe.“ Teilweise erklärt das, warum man hier eher auf Jungs trifft.

Man kann gut verstehen, dass diese relaxten Typen von Stereotypen die Schnauze voll haben. Sie werden ständig (zu Unrecht) mit amerikanischen Gangster-Rappern und mit den Goldketten von Rihanna und Co. (die sie übrigens gar nicht leiden können) in Verbindung gebracht. Zwar werden diese Klischees fortbestehen, aber das Tanzen wird dennoch auch weiterhin viele Breaker von städtischer Gewalt fernhalten. Mich beeindruckt ihre perfekte Organisation, dass sie ihre eigenen Choreographien ausarbeiten, ihre Musik selbst mischen und ihre Trainingsstunden und Wettbewerbe im Ausland finanzieren und dann das verdiente Geld wieder in ihre Leidenschaft stecken, um weiterhin tanzen zu können.

Währenddessen bekommen die Zuschauer richtig was zu sehen. Beim Anblick der technisch präzisen Choreographien kann man die eiserne Disziplin der Profis erahnen. Das Zusammenspiel der Tänzer, mal zu Percussionrhythmen, mal mit Video-Background und DJ, lässt keinen Zweifel an der Arbeit, die in die künstlerischen Darbietungen gesteckt wurde, um so weit zu kommen. Der sonst steinernen Atmosphäre des Bozar tut dieser neue Wind gut. Ein künstlerischer Wandel ist im Gange. Jetzt ist es an den traditionellen kulturellen Einrichtungen und an der breiten Öffentlichkeit, auf den Zug mit aufzuspringen.

Hinter den Kulissen des Street-Dance-Festivals „Lezart Urbains“ in Brüssel findet außerdem ein europäischer Hip-Hop-Dance-Workshop statt. Sophie, die sich für das internationale Netzwerk Banlieues d’Europe engagiert und dazu Koordinatorin des Projekts ist, erklärt: „Der Einzug des Hip Hop in den Bozar zeigt eine veränderte Sichtweise seitens der Institutionen. Zuschauer hat es schon immer gegeben, aber die Möglichkeiten für die Tänzer müssen erweitert werden. Wir wollen mehr Freestyles in den Museumshallen sehen.“ Europaweit gesehen erfreut sich der Hip Hop in Frankreich und den Niederlanden immer größerer Beliebtheit, während sich die Begeisterung in Großbritannien und vor allem in Deutschland in Grenzen hält.

Ein B-Boy aus Brüssel gesteht: Hip Hop ist auch „ein Weg, von der Straße wegzukommen.“

Chady, der schon seit zwölf Jahren Hip Hop tanzt, trainiert mit Momo. Beim Herumhängen mit seinen Kumpels traf er zufällig auf einen Breaker, so wurde er entdeckt. Seither tanzt er „jeden Tag ein bisschen“ in Brüssel, hauptsächlich in der Galerie Ravenstein. Heute lebt er vom Tanzen. Das ist eine große Ausnahme für eine Disziplin, der noch immer so wenig Anerkennung entgegen gebracht wird. Hip Hop ist zu einer richtigen Kultur geworden, die Breakdance oder auch B-Boying, Graffitis, DJing und Rap vereint. „Das funktioniert von Generation zu Generation. Du trainierst mit denen, die zur gleichen Zeit wie du mit dem Hip Hop angefangen haben, und danach gründest du deine eigene 'Crew'“. Die Crew von Momo hatte 2002 ihren ersten offiziellen Auftritt auf dem Festival. Hip Hop ist „auch ein Weg, von der Straße wegzukommen“. Hängt die Anerkennung des Hip Hop also auch mit einer gleichzeitig verlaufenden, erfolgreichen Städtepolitik zusammen?

Fotos: Titel und Text: ©Natacha Cingotti