Hinduismus 2.0: Religion in Zeiten von Online-Pujas

Artikel veröffentlicht am 21. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 21. Mai 2012

Der Hinduismus mag zwar eine der ältesten Weltreligionen sein und mit seinen majestätischen Tempeln, orangeroten Blumengirlanden und nackten Wandermönchen auf eine magische Vorzeit verweisen. Die Brahmanen von Somnath bis Tirupati dagegen sind schon längst im Internetzeitalter angekommen. 

Wer vor dem berühmten Jyotirlingam von Somnath, einem von zwölf Orten in Indien, in denen Shiva in seiner Form als „glänzend Allmächtiger“ verehrt wird, niederfallen will, muss sich auf eine lange und holprige Reise einstellen. Je nachdem, ob man aus Jaipur oder Rameswaran anreist, kann die Zeit, die man in Bus und Bahn verbringt, zwischen 20 und 60 Stunden betragen. Denn der Somnath Mandir liegt im äußersten Südwesten Gujarats, wo die staubige Wüste Nordindiens auf das Arabische Meer trifft. Wie gut, dass es das Internet gibt! Wer lieber zu Hause auf der eigenen Veranda seine puja, die tägliche persönliche Tempelzeremonie, begehen will, kann das mittlerweile in nur wenigen Klicks tun. Die Homepage des Somnath Mandir bietet nämlich einen Online-Darshan-Service an, der dem Gläubigen einen flüchtigen Blick auf das berühmte jyotirlingam erlaubt. Das Bild mag zwar etwas unscharf sein und die begleitenden mantras scheppern, aber dafür muss man sich nicht so genau an die festgelegten Puja-Zeiten halten.

Puja, darshan und andere hinduistische Rituale jederzeit online im Tempel der eigenen Wahl vollziehen: Was auf Anhieb seltsam scheint, ist in Indien gang und gäbe. Denn die indischen Brahmanen, denen nicht von ungefähr eine große Geschäftstüchtigkeit nachgesagt wird, haben schon vor Jahren das Internet als neue Plattform der Religionsausübung entdeckt. Natürlich haben so gut wie alle größeren Tempel eine Website, auf der man nicht nur Pilgerunterkünfte buchen, sondern auch direkt mit seiner Kreditkarte für den Tempel oder eine bestimmte Zeremonie spenden kann. Daneben gibt es Websites wie Saranam in Indien oder Onlinepuja in Nepal, die verschiedene Online-Services bündeln und den Benutzern erlauben, zwischen unterschiedlichen Göttern, Puja-Formen und Tempeln zu wählen.

Wer seine Online-Puja bestellt und bezahlt hat, erhält nach einigen Tagen nicht nur eine Bestätigungs-E-Mail, dass die puja ausgeführt wurde, sondern auch sein prasad, ein symbolischer Anteil der dargebrachten Speiseopfer. Meist handelt es sich dabei um süße Reisbällchen oder Zuckerwerk, dass die Gläubigen zur Beendigung der Zeremonie essen dürfen. So verlieren auch die Brahmanen nicht ihr täglich Brot, da die pujas zwar online in Auftrag gegeben werden, aber vor Ort im Tempel von einem Priester durchgeführt werden müssen. Wer hingegen einen Online-Brahmanen sucht, wird auf Portalen wie Onlinepanditji fündig, die neben pujas auch astrologische Beratung, Göttergemälde und alternative Behandlungsmethoden anbieten.

Und auch in den sozialen Netzwerken mischen Shiva und Konsorten mit: Die Facebook-Seite des Somnath Mandir beispielsweise finden mehr als 6.000 User gut und der Tirupati Venkateswara Mandir, einer der größten Tempel Indiens, bringt es gar auf mehr als 19.000 Likes. Geschlagen muss er sich dabei nur dem Kashi Vishwanath Mandir in Varanasi geben, den mehr als 102.000 Facebook-User mögen. Dagegen sieht sogar der Petersdom mit 59.000 Likes alt aus. Und wer ein Smartphone hat, kann sich mit den Live Darshan-Apps die verschiedenen Tempelzeremonien direkt aufs Handy holen. Religionsmüdigkeit lässt sich in Indien also auch im Internetzeitalter nicht ausmachen. Das Web 2.0 mit seinen Netzwerken, Communities, Apps und Online-Services scheint sich vielmehr als eine weitere Goldgrube für die indischen Brahmanen zu entpuppen. Ob die Internetverbindungen allerdings bis zu Shiva reichen, der laut mythologischer Erzählungen auf dem Kailash in Westtibet thront, ist ungewiss. Wer auf Nummer sicher gehen will oder wem die Internetzeremonien zu elektronisch sind, muss also auch weiterhin von Tempel zu Tempel pilgern.