Heute prekär – und morgen?

Artikel veröffentlicht am 5. September 2005
Artikel veröffentlicht am 5. September 2005

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Die Arbeitslosigkeit junger Europäer ist doppelt so hoch wie die der 25- bis 49jährigen. Immer mehr Junge betätigen sich als Praktikanten oder Zeitarbeiter. Ausdruck eines normalen Übergangsprozesses oder Falle mit langfristigen Folgen?

Für Hans Dietrich vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ist die Frage nach der Dauer der Prekarität die entscheidende. Studentenjobs oder kurzzeitige Beschäftigungen nach dem Studium seien per se kein Problem, sondern Teil der Übergangsphase von der Ausbildungs- in die Arbeitswelt.

Dieser Übergang gestaltet sich je nach Land und Bildungssystem verschieden und unterliegt konjunkturellen Schwankungen. Doch generell gilt: Je früher der Einstieg ins Arbeitsleben, desto reibungsloser auch der Übergang. Praktika und Kurzzeitjobs sind in diesem Zusammenhang als Probe und Wegbereiter zu einer festen Stelle zu verstehen. Zwei Drittel der französischen Jugendlichen steigen über einen Zeitvertrag ins Berufsleben ein. 45% erhalten im Anschluss eine unbefristete Anstellung beim selben Arbeitgeber (laut einer Studie des französischen Wirtschafts- und Sozialrats – pdf). Ist Prekarität also lediglich eine flexible Antwort auf die Rigidität fester Beschäftigungsverhältnisse?

Übergang als Falle

Problematisch wird die Prekarität, wenn gering ausgebildete Jugendliche in die Falle niedrig qualifizierter Arbeit ohne Weiterbildungsmöglichkeiten geraten. Dann steigt, so Dietrich, die Wahrscheinlichkeit späterer Arbeitslosigkeit rasch an. Besonders betroffen sind Leute ohne Berufsabschluss, junge Frauen und Immigrantenkinder. So lag die Arbeitslosigkeit junger Franzosen mit höchstens einem Hauptschulabschluss 2004 bei etwa 45% und somit viermal so hoch wie die Quote für Studienabsolventen (laut INSEE).

Immer mehr Beachtung bei Arbeitsmarktforschern erhalten auch Studenten, die Praktika nicht mehr zur Berufsfelderkundung und Erlangung zusätzlicher Qualifikationen, sondern nur zum Geldverdienen absolvieren. Das aber wirft die Frage des Selbstverständnisses und der Entwicklungschancen junger Menschen auf, die sich mit kurzen Arbeits- und Arbeitslosigkeitsphasen durchschlagen. Sie müssen sich immer neu beweisen, ohne wirkliche Verantwortung zu bekommen, während fest Angestellte für dieselbe Arbeit unvergleichlich mehr verdienen. Neben dem Markt der „Insider“ mit sicherem Arbeitsplatz und Privilegien, und dem der unterqualifizierten, älteren „Outsider“, eröffnet sich so ein „dritter Arbeitsmarkt“ für junge, flexible und lernbereite Leute, denen nur aufgrund Ihrer Einsteigerposition der Zugang zum ersten Markt lange verwehrt bleibt. Die Unternehmen dagegen zahlen für Praktikanten meist keine Sozial- und Rentenbeiträge. Kettenverträge verhindern in manchen EU-Staaten, dass sich das Einkommen des Arbeitnehmers mit dem Dienstalter erhöht. Schließlich neigen Unternehmen dazu, Überqualifizierte einzustellen, fachfremde Kandidaten hingegen für viele Jobs auszuschliessen und machen somit vielen Studienabsolventen aus wirtschaftsfernen Fächern den Umstieg schwer.

Konkrete Folgen

Jeder Praktikant, der keine Beiträge leistet und keine Rentenansprüche erwirbt, verstärkt das Ungleichgewicht zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern und destabilisiert die ohnehin zunehmend fragilen sozialen Sicherungssysteme. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und des längeren Studiums wird sich das Renteneintrittsalter in den kommenden Jahren erhöhen, wenn die bestehenden Rentensysteme überleben sollen. Wer noch mit 30 Jahren keinen festen Job hat oder nur dürftig Geld verdient, wird sich nicht 30 Jahre später mit vollen Ansprüchen in die Rente verabschieden können.

Könnten aber nicht vielleicht Jugendliche, die in unsicheren wirtschaftlichen Verhältnissen leben, schon heute weniger konsumieren und so an den Rand der Gesellschaft getrieben werden? Eine Studie unter Beteiligung des IAB in 10 europäischen Ländern zeigt, dass es keinen Marginalisierungseffekt arbeitsloser Jugendlicher gibt. Denn sie haben noch kein ausgeprägtes Konsumverhalten, dafür aber die Unterstützung ihrer Eltern. Ob dies weiterhin zutrifft, wenn sich die Jugendarbeitslosigkeit verlängert oder wenn die „Generation Prekarität“ Kinder haben wird, ist allerdings fraglich.

Und wie steht es um die Geburtenrate in der EU? Das Alter, in dem Frauen Kinder bekommen, hat sich in den letzten Jahrzehnten bereits nach hinten verschoben. Die Unsicherheit beim Übergang ins aktive Berufsleben kann diese Tendenz weiter verstärken. Angesichts des angeschlagenen Generationenvertrages ist diese Entwicklung in allen europäischen Ländern brisant.