Herman van Rompuy, keine europäische Rampensau

Artikel veröffentlicht am 27. September 2010
Artikel veröffentlicht am 27. September 2010
Gespannte Unruhe, viele junge Menschen, jeder will möglichst weit vorne sein. Rockkonzert? Weit gefehlt. Der Mann, der unter tosendem Applaus und mit scheuem Lächeln Richtung Bühne schreitet, ist „Das Gesicht Europas in der Welt“ - so zumindest die Arbeitsanweisung für den Präsidenten des Europäischen Rates, Herman van Rompuy.
Der erste seiner Art (das Amt gibt es erst seit November 2009) nimmt sich die Zeit, in den heiligen Hallen von Sciences Po Paris das Wort an eine Schar aufgeregter Studenten und Journalisten zu richten.

Herman wer? Die normale Reaktion von Personen, die sich mit den europäischen Institutionen eher nicht auseinandersetzen. Tatsächlich ist der Europäische Rat, als deren Präsident van Rompuy seit dem 1. Januar 2010 für eine Dauer von zweieinhalb Jahren fungiert, eine „merkwürdige Institution“. Das spricht van Rompuy ins Mikrofon - man hat ihn auf der Bühne in einen schwarzen Sessel gesetzt - und man sieht seine Erleichterung, als es im Saal kollektives Gelächter gibt. So viel Anerkennung seiner Person ist er sonst nicht gewohnt. Vom englischen Rechtspopulisten Nigel Farage wurde dem Belgier während seines ersten Auftritts im Europäischen Parlament das „Charisma eines feuchten Lappens“ und das „Auftreten eines kleinen Bankangestellten“ attestiert. In Großbritannien nennt die Klatschpresse van Rompuy gerne wenig schmeichelhaft Rumpy Pumpy.

Stellenausschreibung Ratspräsident: Charismatiker vs. hilflose Marionette

Gemeine Spitznamen sind kein Grund, sich hängen zu lassenDas Problem ist, dass im Voraus nicht so wirklich klar war, was man von dem Amtsinhaber der neu geschaffenen Funktion des Europäischen Ratspräsidenten denn eigentlich erwartet. Die Ratspräsidentschaft, die die EU-Mitgliedstaaten nach dem Rotationsprinzip jeweils ein halbes Jahr ausüben, war und ist für die Regierung des jeweiligen Landes eine gern genutzte Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Was soll man da mit einem ständigen Ratspräsidenten, der einen Teil der Show stiehlt? Aber repräsentiert ein charismatischer Kandidat nicht viel besser Europa? Der Begriff „charismatisch“ - im Zusammenhang mit Herman van Rompuy eher unpassend. Aber letzterer ist auch keine hilflose Marionette der großen europäischen Staaten.

Das zeigt van Rompuy in Paris. Eine Rampensau wie der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors (sitzt in der ersten Reihe und wird mit distinguiertem Händedruck begrüßt) ist er nicht - keine einnehmende Art, keine begeisterten Zwischenrufe aus dem Publikum. Zunächst hält er einen halbstündigen Vortrag. Das Thema lautet „Die großen Herausforderungen der Europäischen Union“ und klugerweise beschränkt van Rompuy sich auf zwei Aspekte, nämlich die Notwendigkeit einer europäischen Wirtschaftsregierung und der Platz der EU in der Welt. Sein Publikum begrüßt er mit „Chers Européens“ („Liebe Europäer“) und das wirkt gar nicht aufgesetzt. Genauso wenig wie die kleinen, vorsichtig plazierten Witze in seiner Rede. Man lacht, der Ratspräsident freut sich.

Die EU, ein Dasein im Sinne Heideggers

Danach der Einstieg in die Debatte. Zunächst ein paar Fragen von Tommaso Padoa Schioppa, seines Zeichens Präsident der Vereinigung Notre Europe (Unser Europa), die van Rompuy Ende September nach Paris eingeladen hat. Die Antworten: Nicht wirklich in die Tiefe gehend, aber das waren die Fragen auch nicht. Nun werden im Saal Mikros an mehr oder weniger nervöse Studenten weitergereicht, auch die Presse darf sich zu Wort melden. Die Antworten van Rompuys sind nicht Welt- (oder besser: Europa-) bewegend. Und trotzdem zeigt sich: Der Mann hat eine persönliche Vision von Europa und diese verteidigt er. Wenn er frei spricht, ist er sehr viel sicherer und eloquenter. Und er beweist, dass er auf sein Publikum eingehen kann: „Es gibt heute eine neue Generation von Europäern. Diese hat die Entstehung der EU nicht mitbekommen, aber sie lebt sie. Für sie ist die EU ein Dasein im Sinne Heideggers - sie ist eine Tatsache, man kann sich ihr nicht entziehen.“ Eine passende Beschreibung der Erasmus-Generation und für einen kurzen Augenblick merkt man van Rompuy sein Philosophiestudium an.

Dafür kann er seine diplomatischen Kräfte einsetzen, wenn Europas Riesen-Egos aufeinandertreffenDie Stärke des Belgiers, sie besteht darin, komplizierte Sachverhalte zusammenzufassen: „Europa ist etwas Alltägliches, aber man lebt es nicht einfach in den Tag hinein“, sagt er und man kann sich plötzlich vorstellen, wie er bei europäischen Gipfeltreffen die Ausbrüche von wahlweise Sarkozy, Berlusconi oder europaskeptischen Briten ruhig über sich ergehen lässt - um dann auf seine etwas steife Art zu erklären: „Aber meine Herren, sie müssen einsehen, Europa fällt nicht vom Himmel. Lassen sie uns an dem Projekt arbeiten und einen Kompromiss finden.“ 

Europas "Bankangestellter", ein Mann im Hintergrund

Okay, Rumpy Pumpy wird nie die europäische Flagge an der Spitze einer jubelnden Menge durch die Straßen tragen. Aber er hat ein kleines Exemplar sicher gut sichtbar auf seinem Schreibtisch platziert. Er ist kein großer Visionär, doch diese Aufgabe soll ja sowieso der Europäische Rat erledigen. Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, einen im Hintergrund agierenden „Bankangestellten“ zu haben, der Europas Staats- und Regierungsoberhäupter während ihrer Ego-Trips im Zaum hält. Der zwischendurch einen kleinen Witz macht. Und sich ehrlich freut, wenn jemand lacht.

Fotos: Artikellogo (cc)somebaudy/flickr; Banker (cc)thehutch/flickr; Superheld (cc)gwenflickr