Herkunft mit Crackern: Wie ich europäisch wurde

Artikel veröffentlicht am 11. September 2014
Artikel veröffentlicht am 11. September 2014

Französisch oder Deutsch? Pariserin oder Berlinerin? Man muss nicht unbedingt einen Migrationshintergrund haben, um keine einfache Antwort auf diese Frage zu haben. Muss das aber negativ sein und Verwirrung stiften? Wie eine persönliche Suche nach Identität zu Stolz und Erstaunen führen kann.

Mitten im frühen Abendtrubel tauschen junge Leute Grüße, Visitenkarten oder la bise aus, quatschen freimütig bei Wein und Crackern, während sie gemütlich auf dem Bordsteinrand sitzen. In solchen Situationen kommt meist recht schnell die Frage auf, die ich gleichzeitig liebe und hasse: "Wo kommst du her?" Meistens ergibt sich daraus ein absurdes Frage-Antwort-Spiel, bei dem ich entweder den Stempel der "Französin, das nicht wirklich französisch ist" aufgedrückt bekomme, als "weltoffene Europäerin, die viel über Indien spricht" durchgehe oder zur "Deutschen, die alle damit verwirrt, dass sie so französisch wirkt" werde. Dieses Herumraten mag ja oft ganz interessant, manchmal sogar unglaublich witzig sein. Aber eigentlich ist dieses Quiz bei Wein und Crackern viel mehr als nur ein Spiel. 

Wie viel Zuhause braucht die Identität? 

Wo auch immer man geboren ist, wird man auf jeden Fall mit einer Muttersprache, halbgaren Erinnerungen an lustige Fernsehsendungen, spezielle Essensvorlieben, einer bestimmten Schulbildung und seinen ganz eigenen Marotten ausgestattet. Es geht dabei ebenso sehr um Die Sendung mit der Maus wie um Bordeaux und den Sinn für Humor - oder das gänzliche Fehlen desselben. Aber was passiert, wenn man sein Zuhause verlässt, um im Ausland zu leben, an verschiedenen Universitäten zu studieren, seinen Sprachschatz zu erweitern oder sich in jemanden aus einem komplett anderen Land verliebt? "Naja, das ist schon ein bisschen schwierig." Tim Mac an Airchinnigh, der in Dublin geboren ist und jetzt an einer Pariser Universität promoviert, rührt in seinem Espresso, als ich ihn nach der Möglichkeit einer europäischen Identität frage. 

Nach längeren Aufenthalten in London, der Schweiz und Australien ist Tim hin und hergerissen zwischen Frankreich und Irland: "Ich glaube, viele Auswanderer können das Gefühl nachvollziehen, dass man als Fremder in seine Heimat zurückkehrt. Man vergisst, wie die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren, welche lokalen Berühmtheiten es gibt oder wie viel Getränke und Lebensmittel kosten." Tim kehrt zwar häufig nach Dublin zurück, aber im Moment ist er sehr glücklich in Paris als seiner neuen Wahlheimat. Man bedenke die einzigartige Cafékultur, das herausragende Essen, den Rotwein oder das angenehme blasierte Gefühl eines Sonntagnachmittags! Tims Identität wurde sicherlich größtenteils in Irland geprägt, da er erst mit Anfang Zwanzig nach Frankreich zog, doch mittlerweile verströmt Paris mit seinen unzähligen Cafés und Brasserien ein Gefühl von Zuhause.    

Von "neuen Europäern" bis zur Eurogeneration

Als wir am Canal Saint Martin entlangschlendern und uns einen Weg durch das samstagabendliche Kunstpublikum bahnen, muss Sladjana Perkovic unweigerlich lachen, als ich die Herkunftsfrage stelle. "Wenn ich Französisch spreche, fragen mich Leute oft, wo ich herkomme. Früher habe ich mich dann immer ausführlich erklärt, aber dazu habe ich jetzt keine Lust mehr. Also sage ich einfach, dass ich Französin bin, aber das Französisch nicht meine Muttersprache ist." Sladjana wurde in Banja Luka geboren, eine Stadt im nordöstlichen Teil von Bosnien. Mit Anfang Zwanzig kam sie nach Paris, um Politik- und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Nach sieben Jahren in der Hauptstadt ist sie nicht nur eine wunderbare Reinkarnation des typischen Paris chic, sondern seit rund einem Jahr auch französische Staatsbürgerin. Während wir uns eine Kunstinstallation ansehen - eine gefrorene Eiskugel, die sich langsam im glitzernden Wasser des Kanals auflöst - erklärt mir Sladjana, dass sich Frankreich für sie nicht mehr wie ein fremdes Land anfühlt. "Ich habe Heimatorte: Paris und Banja Luka. Ich fühle ebenso französisch wie bosnisch. Aber wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich europäisch." 

In den letzten Jahren ist die Zahl der jungen Menschen, die wie Sladjana "europäisch" als ihre zweite Staatszugehörigkeit angeben, stetig gestiegen. Internationale Studien, wie beispielsweise das Youth and European Identity Project (2001-2004), das von mehreren Forschergruppen an europäischen Universitäten ins Leben gerufen wurde, oder die Eurobarometer-Studie zu New Europeans (2011) zeigen, dass sich ein Großteil der Unter-25-Jährigen gleichzeitig als deutsch, tschechisch, französisch und europäisch bezeichnen. Die Liste der Geburtshelfer dieser Eurogeneration ist lang: Erasmus, Schengen und Easyjet werden am häufigsten zitiert. Dennoch meint die europäische Indentität nicht weniger Bürokratie, mehr Studienstipendien oder billige Flugtickets, sondern auch Neugier, Anpassungsfähigkeit und Leidenschaft für andere Kulturen. So kitschig das auch klingt. 

Multiple Persönlichkeiten für das europäische Ich 

Während dies in der Öffentlichkeit auf immer mehr Akzeptanz stößt, nährt unsere Generation gleichzeitig, bewusst oder unbewusst, das Bild von den "jungen Europäern". Bis wir uns schließlich kaum noch nur als Ire, Bosnier oder Deutscher bezeichnen können. Nicht selten geht dies mit einer Veränderung des Sozialverhaltens einher. Die französische bise ist nur ein Beispiel unter vielen, ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sprache. Denn je besser wir eine Fremdsprache beherrschen, je öfter wir in ihr denken und träumen, desto lebendiger werden unsere neuen Charaktereigenschaften. Drei Espressos sitzen wir immer noch in demselben Café, als ich Tim frage, ob eine multiple Persönlichkeitsstörung vielleicht nicht auch von Fremdsprachen hervorgerufen werden könnte.      

Mit einem zustimmenden Schmunzeln meint Tim: "Ja, das gibt es wirklich und das ist sehr komisch. Ich glaube, dass man diese Persönlichkeitsänderung nur spüren kann, wenn man ein bestimmtes Level in einer Fremdsprache erreicht hat. Aber egal, wie gut du eine neue Sprache sprichst, wirst du nie zum Muttersprachler werden. Und das macht deine fremde Persönlichkeit plumper, kühner und verleiht ihr einen ganz anderen Sinn für Humor." Tim, der Englisch, Gälisch und Französisch spricht, weiß gar nicht mehr so genau, wann sein französisches Ich sich zum ersten Mal bemerkbar machte. Die Möglichkeit, hin und her zu springen, sieht er aber eher als Chance und nicht als Gefahr. Sladjana meint auch, dass sieben Jahre in Frankreich sie stark verändert haben. Wir schlendern immer noch am Canal entlang in Richtung der Place de la République, wo die Installation der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya die Passanten in einen sanften Nebel hüllt. Sladjana denkt darüber nach, ob sie nicht vielleicht wegziehen soll. Um uns herum können wir nur die Silouetten der Pariser erkennen, die mit uns durch den Nebel irren, kichernd und lachend, wenn ein Schwall Wasser auf sie herabregnet.

Weniger Politik, mehr Leidenschaft

Es kann sein, dass wir einfach sehr viel Glück haben und durch unseren sozialen Hintergrund, unsere Bildung und Zukunftsperspektiven viele Vorteile haben. Sich selbst als Europäer zu bezeichnen ist aber längst nicht mehr elitär. Es ist vielmehr eine Lebensentscheidung in geografischer Hinsicht als eine politische Überzeugung. Natürlich wissen wir, dass wir unsere neue Freiheit der EU verdanken, aber wir verbinden damit vor allem persönliche Dinge. Es ist absolut kein Geheimnis, dass dies genau das ist, was die EU braucht: weniger Politik, mehr Gefühl. Weniger Papierkram, mehr Cracker. Denn meistens sind unsere Vorstellungen von Europa verknüpft mit einem Pariser Café, mit einem Austauschjahr in Dublin oder einer Party in Banja Luka.  

An einem anderen Abend, diesmal bei Crackern und Bier auf einem anderen Bürgersteig, merke ich langsam, wie ich weniger angespannt auf die unausweichliche Frage warte. "Woher kommst du?" Ohne Vereinfachungen oder Ausflüchte in mysteriöse Verallgemeinerungen, stelle ich mich der Diskussion darüber, was mein kultureller Hintergrund ist, wo ich gelebt habe und wo ich jetzt lebe. Dabei kann ich ganz locker mit meiner europäischen Identität jonglieren - und mit der vieler anderer gleich mit. Ja, ich bin deutsch. Und ja, ich fühle mich französisch. Ich lebe oft in Paris, aber auch in London, Berlin, Delhi oder sogar Melbourne. Ich bin ein Stadtmensch, liebe Asien, bin süchtig nach fremden Kulturen. Und in jedem Fall Europäerin. 

Dieses Artikel wurde ursprünglich in der Sonderausgabe 2014 des europäischen Online-Magazin Eu­rope&Me veröffentlicht. Alle Rechte liegen bei der Autorin und bei Eu­rope&Me.