Helmut Schmidt: der schlecht-temperierte Kanzler

Artikel veröffentlicht am 11. November 2015
Artikel veröffentlicht am 11. November 2015

 Als „schlecht-temperierten Kanzler“ hatte ihn einst sein Freund Giscard d’Estaing bezeichnet: Eine feinsinnige Anspielung auf Schmidts Bereitschaft „deutlich“ zu werden und an seine Leidenschaft für den Komponisten Bach. Ein Nachruf auf den am 10. November in Hamburg verstorbenen Helmut 'Smoky' Schmidt.

Helmut Schmidt, Bundeskanzler von 1974 bis 1982, gehörte zum Urgestein des politischen Lebens in Deutschland. So wie in Polen eine ganze Generation unter dem „polnischen Papst“ Karol Wojtyla lebte, war auch Helmut Schmidt einfach „schon immer da“. Intellektuelle Schärfe und prägnante Rhetorik machten ihn zu einem Monolithen, an dem sich politische Gegner die Zähne ausbissen. Häufig fanden sich diese Gegner gerade in Schmidts eigener Partei, der SPD.

Auf dieser bizarren Form der Überparteilichkeit beruhte aber auch die Achtung, die Helmut Schmidt genoss: Im gründlichkeitsverliebten Deutschland blieb dem bekennenden Kettenraucher Schmidt nur im Parlament das Rauchen versagt. Dort verwendete er Schnupftabak und kommentierte so den Verlauf der Debatten – wortlos, aber ausdrucksstark. Als „schlecht-temperierten Kanzler“ hatte ihn einst sein Freund Giscard d’Estaing bezeichnet: Eine feinsinnige Anspielung auf Schmidts Bereitschaft „deutlich“ zu werden und an seine Leidenschaft für den Komponisten Bach.

„Dass Menschen so leben müssen!“

Geboren wurde Helmut Schmidt am 23. 12. 1918 in Hamburg, der Hafenstadt mit dem kosmopolitischen Flair. Der Kaufmannssohn besuchte eine koedukative Reformschule und lernte 1929 Hannelore „Loki“ Glaser kennen, mit der er ab 1942 verheiratet war. Aus dem Kopfschütteln über die Lebensumstände der Freundin (5 Personen auf 28 Quadratmetern) entstand der erste Impuls für sein politisches Engagement.

Gegenüber der rassistischen NS-Ideologie war Helmut Schmidt immun: Stets begleitete ihn das Wissen um den durch Urkundenfälschung verheimlichten „jüdischen“ Großvater. Mit dem Offiziersrang eines Oberleutnants kehrte Helmut Schmidt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück und trat 1945 der SPD bei. Herkunft, Bildung, Schnörkellosigkeit brachten ihm später oft den Vorwurf ein, er habe „den Sozialismus im Offizierscasino gelernt“.

„Ich bitte, nur intelligente Fragen zu stellen“

Anlässlich der Hamburger Sturmflut von 1962 wurde Helmut Schmidt deutschlandweit bekannt: Knurrig-kompetent koordinierte er die Rettungsmaßnahmen, überging ungeniert die Verwaltung und orderte unbefugt militärische Hilfe aus dem In- und Ausland. Seine typische Diktion verschaffte ihm den Spitznamen „Schmidt Schnauze“. Im Eilschritt durchlief er anschließend politische Ämter und war von 1969 - 1972 Verteidigungsminister und ab 1972 Finanzminister.

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„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“

Die Kanzlerwürde gewann und verlor Helmut Schmidt auf unorthodoxe Art: 1974 wurde sein Vorgänger Willy Brandt über den Spionagefall Guillaume gestürzt und Helmut Schmidt wurde Kanzler. 1982 verlor er das Amt an Helmut Kohl, als die liberale FDP die Koalition mit der SPD auflöste und sich mit der konservativen CDU/CSU verbündete.

Hatte Brandt vor allem die deutsche Ost-Politik gestaltet, stand nun der Westen im Fokus der Außenpolitik. Höchste Priorität hatte für Schmidt hierbei stets die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Ein wohlwollendes Gegenüber fand er in dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing, der sein persönlicher Freund wurde.

Die erste Ölkrise von 1973, das Scheitern des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse – die Antwort des studierten Volkswirtschaftlers Schmidt bestand in dem Streben nach enger wirtschaftlicher und politischer Verzahnung der großen Industrienationen. Mit dem Europäischen Rat war 1974 ein Beratungsgremium der europäischen Regierungschefs gegründet worden. 1975 lud der französische Präsident die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Großbritanniens, Italiens, Japans und der Vereinigten Staaten zu einem informellen Treffen auf Schloss Rambouillet, das zur Bildung des G6 führte. Im Laufe der Jahre wurde dieser Kreis zunächst mit Kanada zum G7 und dann mit Russland zum G8 erweitert. Inzwischen werden alle Bereiche der Politik erörtert und es besteht eine permanente Kooperation auf der Ebene hoher Regierungsbeamter. In enger Koordination ihrer Politik förderten Schmidt und Giscard d’Estaing die Einführung des Europäischen Währungssystems, aus dem der Euro hervorging.

„Mit diesem NATO-Doppelbeschluss stehe oder falle ich“

Ab 1976 stationierte die Sowjetunion SS20-Mittelstreckenraketen und Schmidt sah darin eine exklusive Bedrohung Mitteleuropas. Er setzte sich vehement für den NATO-Doppelbeschluss von 1979 ein, der nach dem Scheitern von Abrüstungsverhandlungen die Stationierung amerikanischer Marschflugkörper in Deutschland vorsah. Mit blanker Erpressung zwang Schmidt seine Partei auf Kurs und die traditionell pazifistische SPD folgte ihm zähneknirschend.

„Diese Leute bestreiten alles, nur nicht ihren Lebensunterhalt“

Um den Auswirkungen der Ölkrise von 1973 zu begegnen, wurde in der Ära Schmidt die zivile Nutzung der Atomenergie intensiviert. Hunderttausende demonstrierten dagegen wie auch gegen den NATO-Doppelbeschluss. Auch wenn Helmut Schmidt nur geringe Sympathien für die 68er hegte: Gerade seine Politik trug zum Erstarken der Ökopaxe bei, aus der später die „Grünen“ entstanden.

„Wie auch immer Sie entscheiden, kann es schlecht ausgehen"

Die Innenpolitik jener Jahre war geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Terror der „Roten Armee Fraktion“ (RAF). Ihre Banküberfälle, Attentate und Geiselnahmen bestimmten den Nachrichtenalltag wie heute die Ereignisse am Hindukusch. 1977 kulminierten diese Ereignisse im „Deutschen Herbst“: Zur Freipressung gefangener Genossen nahm die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer als Geisel. Um zusätzlichen Druck auszuüben, entführten palästinensische Terroristen die Lufthansamaschine „Landshut“. Terroristen auf der Suche nach der Auseinandersetzung mit der Vätergeneration trafen auf „altgediente“ Politiker mit Kriegserfahrung. Statt den Forderungen der Terroristen nachzugeben, stürmte die deutsche Spezialeinheit GSG 9 das nach Mogadischu entführte Flugzeug und befreite alle Entführten. In Deutschland töteten sich daraufhin drei inhaftierte Terroristen und Hanns-Martin Schleyer wurde von der RAF ermordet.

„Politik ist pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken“

Nach dem Amtsverlust blieb Helmut Schmidt bis 1987 Bundestagsabgeordneter der SPD und wurde 1983 Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit. Ferner war er Mitbegründer des „InterAction Councils“, eines Clubs ehemaliger Regierungschefs und einer der Erstunterzeichner der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“.

Kolumnentitel wie „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ demonstrieren seine Popularität: Der Kettenraucher Schmidt ist zur Marke avanciert, das Ehepaar Schmidt wird in dem Kabarettprogramm „Loki & Smoky“ gefeiert.

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Autorin: Anke Wagner-Wolff