Heldenhaft in schwarz-weiß: Güeros ist bestes Spielfilmdebüt 2014

Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2014

Drei junge Men­schen auf der Suche nach ihrem Idol als me­xi­ka­ni­sche Ant­wort auf die fran­zö­si­sche Nou­vel­le Vague? Der Preis für den bes­ten Erst­lings­film der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin geht an das me­xi­ka­ni­sche Road­mo­vie Güe­ros von Alon­so Ruiz­pa­la­ci­os. Eine Film­kri­tik.

„Wenn du deine Hel­den triffst, ist es nie so wie du es dir vor­ge­stellt hast“, sagt Alon­so Ruiz­pa­la­ci­os. Und er hat Er­fah­rung. Einst reis­te der me­xi­ka­ni­sche Re­gis­seur sei­nem Hel­den hin­ter­her. Stun­den­lang war­te­te er im Regen. Als Al­fon­so Ruiz­pa­la­ci­os ihm schließ­lich be­geg­ne­te, ver­gass  er voll­kom­men sei­nen zuvor sorg­fäl­tig ein­stu­dier­ten Text und sagte ein­fach nur danke. Auch in sei­nem neuen Film Güe­ros geht es um Hel­den. Der Film fei­er­te auf der Ber­li­na­le in der Sek­ti­on Pan­ora­ma seine Welt­pre­mie­re und wurde prompt als bes­tes Spiel­film­de­büt aus­ge­zeich­net.

Nach­dem der Teen­ager Tomás (Se­bas­tián Aguir­re) eine große Was­ser­bom­be von einem mehr­stö­cki­gen Haus auf einen Kin­der­wa­gen ge­wor­fen hat, weiß sich seine Mut­ter nicht mehr zu hel­fen und schickt ihn zu sei­nem gro­ßen Bru­der. Fede (Te­noch Hu­er­ta), von sei­nen Freun­den auch Som­bra ge­nannt, stu­diert in Me­xi­ko­stadt. Zu­sam­men mit San­tos (Leo­nar­do Oritz­gris) lebt er dort in einer her­un­ter­ge­kom­me­nen Woh­nung. Strom zap­fen sie bei den Nach­barn ab. Und ge­ra­de strei­ken die bei­den Freun­de gegen den Streik, der in der Uni­ver­si­dad Na­cio­nal Autónoma de México von ihren Kom­mi­li­to­nen (u. a. Ilse Salas) or­ga­ni­siert wird. Tomás bringt eine Kas­set­te. Es ist eine Hin­ter­las­sen­schaft des Va­ters, mit Musik von Tomás‘ Hel­den Epig­me­nio Cruz (Alon­so Char­pe­ner). Der soll sogar Bob Dylan zum Wei­nen ge­bracht haben. Als die drei er­fah­ren, dass der ehe­ma­li­ge Rock­star ver­ein­samt in einem Kran­ken­haus liegt, ma­chen sie sich in ihrer ver­ros­te­ten Karre auf, um dem ehe­ma­li­gen Star die letz­te Ehre zu er­wei­sen.

Güe­ros ist Road­mo­vie und Co­m­ing-of-Age-Ko­mö­die zu­gleich. Drei Freun­de fah­ren quer durch Me­xi­ko­stadt. Ori­en­tie­rungs­los trei­ben sie umher, ohne zu wis­sen, was das Leben noch zu bie­ten hat. Ein­zi­ger An­halts­punkt ihr idea­li­sier­ter Held Epig­me­nio Cruz. Be­glei­tet wer­den sie von sei­ner Musik. Musik, die so be­deut­sam ist, dass der Film den Ton un­ter­bricht, wenn sich die Prot­ago­nis­ten der Musik aus dem Walk­man hin­ge­ben. Und so be­schreibt der Film das Le­bens­ge­fühl einer jun­gen Ge­ne­ra­ti­on: ein Leben im Hier und Jetzt.

Humor ist jetzt schwarz-weiß

Ge­dreht aus­schließ­lich in Schwarz-weiß und kon­se­quent im For­mat 4:3, ist der Film eine Hom­mage an die Nou­vel­le Vague. „Als ich das Skript schrieb, dach­te ich die ganze Zeit in schwarz-weiß. Aber die Pro­du­zen­ten muss­te ich erst davon über­zeu­gen und gute Grün­de nen­nen“, er­zählt Alon­so Ruiz­pa­la­ci­os auf der Ber­li­na­le. Die Suche nach einem Hel­den und das Er­wach­sen­wer­den seien zeit­los und das Weg­las­sen von Farbe un­ter­stüt­ze dies. Gleich­zei­tig habe der Stu­den­ten­streik so einen his­to­risch-do­ku­men­ta­ri­schen Cha­rak­ter. Und er­in­ne­re damit an einen Streik an der Uni­ver­si­dad Na­cio­nal Autónoma de México in den 1999ern.  

Selbst­iro­nisch treibt der Re­gis­seur die schwarz-weiß The­ma­tik auf die Spit­ze. Immer wie­der kom­men­tie­ren Fi­gu­ren die Haut­far­be der Brü­der. So ist Tomás hell­häu­tig und Fede eben nicht. Er wird sogar Som­bra, Schat­ten, ge­nannt. Und auch der Titel Güe­ros, ein me­xi­ka­ni­scher Aus­druck für hell­häu­ti­ge, eu­ro­pä­isch aus­se­hen­de Men­schen, nimmt den Film aufs Korn. Spöt­tisch be­trach­tet er auch den ge­sam­ten Stil des Films. Immer wie­der un­ter­bre­chen Ein­schü­be die Hand­lung: So wer­den Ka­me­ras und Crew des Films sicht­bar. Sie dis­ku­tie­ren den Dia­log der Prot­ago­nis­ten und kri­ti­sie­ren Filme „ in denen me­xi­ka­ni­sche Re­gis­seu­re immer nur die schlech­ten Zu­stän­de be­kla­gen.” 

Güe­ros ist ein groß­ar­ti­ger, ein­fühl­sa­mer und vor allem sehr iro­ni­scher Film. Alon­so Ruiz­pa­la­ci­os ge­lingt mit sei­nem Debüt ein wun­der­ba­rer Film über das Er­wach­sen­wer­den und Hel­den, die einen dabei be­glei­ten.

Cafébabel Berlin bei der 64. Berlinale

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