Heimat in der Hosentasche

Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2016

„Heimat“ ist ein Begriff, der derzeit wieder häufiger zu hören ist und vor allem von rechten, populistischen Parteien instrumentalisiert wird. Aber woher kommt der schwer zu übersetzende und in der deutschen Sprache einzigartige Begriff „Heimat“ eigentlich?

In Europa und Deutschland wird aktuell viel über Flucht, Vertreibung und Heimat diskutiert. Auch Benjamin Labbens Film Heimat. Paris geht der Bedeutung von „Heimat“ in neun Kurzfilmen aus einer deutsch-französischen Perspektive nach: Er porträtiert Deutsche, die in Paris leben. Ausgangspunkt des Filmes ist das Wissen, dass das Ende des 2. Weltkrieges erst 71 Jahre her ist und es bei weitem nicht selbstverständlich ist, dass Deutsche und Franzosen heute so friedlich miteinander leben. Die Deutsch-Französische Freundschaft ist erst in den letzten Jahrzehnten gewachsen.

„Heimat“ ist ein Begriff, der derzeit wieder häufiger zu hören ist und vor allem von rechten, populistischen Parteien instrumentalisiert wird. Aber woher kommt der schwer zu übersetzende und in der deutschen Sprache einzigartige Begriff „Heimat“ eigentlich? Und wie verändern auch Globalisierung, Digitalisierung und Vernetzung unser Verständnis von „Heimat“?

Gefühl oder Ort?

Wenn „Heimat“ als Gegensatz zu „Fremde“ und „Fremdheit“ verstanden wird, sind es dann Sprache, Gepflogenheiten und Gesetze, die „Heimat“ ausmachen und die Deutschen identitätsstiftend miteinander verbinden? Schon im Film wird deutlich: Es ist zu einfach, „Heimat“ auf einen Begriff zu reduzieren, der einen Ort oder eine Nationalität bezeichnet. Das Gegenteil beweist nämlich ausgerechnet die Liebe vieler Deutscher zu Lokalkolorit, Dialekten und dem lokalen Fußballverein. Oft verbinden die Menschen, die ich frage, ihre Heimat mit dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind. Für viele ist es ein „Ort“, der von Projektionen und melancholischen Gefühlen geprägt ist. Also ist „Heimat“ auch ein Gefühl, wie schon Herbert Grönemeyer sang -  und kann er sogar ein Sehnsuchtsort sein?

Heimat - ein deutscher Begriff

Das deutsche Wort „Heimat“ ist schwer zu übersetzen: Zwar gibt es das englische „home“ und das französische „maison“, die allerdings eher dem deutschen Begriff „zuhause“ gerecht werden. Auch die Staatsangehörigkeit ist mit „Heimat“ nicht gemeint: hier würde man eher Übersetzungen wie „patrie“, „pays natal“ oder „home country“ verwenden. Die historische Spurensuche führt uns ins 19. Jahrhundert, wo das „Heimatrecht“ in juristischen Kontexten gebraucht wurde und die Niederlassung und Verwaltung von Menschen in Städten und Gemeinden regelte. Später ging Auswanderung und Industrialisierung oft mit Entfremdung und dem Gefühl von „Heimatverlust“ einher, was sich in der Literatur durch die Gattung der „Heimatdichtung“ niederschlug, aber auch in einer immer stärker werdenden nationalistischen Auslegung des Begriffes.

Während des Nationalsozialismus war ein patriotischer und ausgrenzender Heimatbegriff vorherrschend. Das Wort „Heimat“ ist spätestens seither negativ belastet. Die deutsche Mauer hatte einen divergierenden Heimatbegriff vieler Deutsche zur Folge. Heimatverlust und deutsch-deutsche Identitätsfragen prägten das Lebensgefühl: Fragt man Kinder, um 1970 geboren, aus Ost- und Westdeutschland, so haben viele unterschiedliche Erinnerungen an Kindersendungen, Lebensmittel und Spielzeugartikel.

Mein I-Phone - mein Zuhause

Wenn „Heimat“ ein Gefühl ist, dann geht dieses wohl oft mit dem Gefühl der „Geborgenheit“ einher. Ob das im Hier und Jetzt ist, Herkunfts- oder Sehnsuchtsort, dort, wo Familie und Freunde leben, scheint individuell verschieden zu sein. Heimat scheint viel mit Identität zu tun zu haben, die allerdings nicht zwingend an Nationalitäten, Orte und Sprachen gekoppelt ist. Aber ist „Heimat“ auch ein moderner Begriff? Unsere Welt ist globalisiert, wir hören amerikanischen Hip-Hop, essen japanisches Essen, sehen argentinische Filme und erleben Migrationsbewegungen. Andererseits ist es heute durch den digitalen Lifestyle auch viel einfacher mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben - die Heimat in der Hosentasche mitzunehmen. „Heimat“ - das wird wohl auch in Zukunft ein kontroverser, sich wandelnder Begriff bleiben.