Hector Muelas, politisch unkorrekt

Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2006

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Hector Muelas ist der Herausgeber der deutschen Ausgabe von Vice, eines der größten internationalen Jugend-Kulturmagazine – und mit Sicherheit eines der umstrittensten.

Hector Muelas will zum Brunch Sushi essen gehen. Wir gehen in eine kleine Sushi-Bar direkt neben seinem Büro. Dort gibt es zierliche kleine Asiatinnen, deren bunte Mini-T-Shirts sich mit dem Décor vermischen. Sie schwirren mit eckigen Tabletts voller Sushi vorbei. Der 25-jährige Spanier setzt sich. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli. Er weiß, was er will und ordert sofort das Macki-Spezialmenü mit Avocado anstelle der Gurken. Die asiatische Bedienung nickt gehorsam. „Ja“ tönt ihre weiche asiatische Stimme, dann eilt sie davon in Richtung Küche. Das Essen ist also auf dem Weg und Muelas schaut mich an, sein Gesicht wirkt müde, ernst und rau.

Schlechte Angewohnheit

Es ist keine leichte Aufgabe, der deutsche Herausgeber des größten Kulturmagazins für Jugendliche zu sein. Es gibt nicht wenige Geschichten zu schreiben, man muss Partys organisieren und diese auch besuchen. Das Magazin ist bekannt für seinen kontroversen Inhalt, für die Darstellung von Genitalien, Leichen und an der Nadel hängenden Prostituierten – und das neben Werbeanzeigen von Adidas, Nike oder Coca-Cola. Es ist ein dekadentes Magazin, voller schlechter Angewohnheiten. Andere Magazine übergehen es mit Ekel.

Vice ist gratis, es finanziert sich alleine aus Werbeeinahmen. Es wird in Geschäften, Galerien und Bars in vielen englischsprachigen Ländern verteilt, außerdem in Skandinavien, Japan und seit Juli letzten Jahres auch in Deutschland. Die, die sich das Magazin dann mitnehmen reagieren entweder tief geschockt oder mit hysterischem Gelächter. Hector Muelas ist verantwortlich für diese Reaktionen. Ein junger, schwarzhaariger Bursche mit tiefen schwarzen Augenringen, welche an die Alkoholexzesse der letzten Nacht erinnern,

Muelas scheint nicht wirklich der richtige Kandidat für diesen Job zu sein. Nachdem er in visueller Kommunikation an einer der führenden Universitäten Barcelonas seinen Abschluss gemacht hatte, verbrachte er zwei Jahre als Erasmus-Student in Deutschland und verfeinerte dort an einer Kunstakademie seine künstlerischen Fähigkeiten. Er war Geschäftsführer in Werbeabteilungen großer Unternehmen wie BMW, arbeitete an Installationen, hatte Ausstellungen in Deutschland und der Schweiz und assistierte dem gefeierten Visualkünstler John Armleder. Seine Ausbildung zielte auf eine Karriere in den audiovisuellen Medien. Nicht zu vergessen dass er bei der Arbeit Spanisch sprach, da er nur schlecht Deutsch sprach.

Von Außen betrachtet

Also, wie kommt dann ein 25-jähriger Kerl ohne adäquate Deutschkenntnisse und die passende Ausbildung dazu, Herausgeber einer Zeitschrift zu werden? „Es wäre nicht gut, einen deutschen Herausgeber für dieses Magazin zu haben“, sagt er, die Miso-Suppe schlürfend, die die Kellnerin auf den Tisch gestellt hat. „Als Ausländer siehst du die Dinge von außen“. Und das stimmt mit der Philosophie von Vice überein. Sie würden nämlich aus einer komplett anderen Perspektive als die Durchschnittsmedien schreiben, sagt Muelas. Ohne die selbstauferlegte Zensur der politischen Korrektheit, die er in den „halbherzigen, kuschenden“ Durchschnittsmedien sieht.

„Wir lieben und hassen jedermann gleichermaßen. Weiße, Schwarze, rote, grüne und blaue Menschen, Christen, Buddhisten, Juden und Moslems... Warum können wir nicht über Sex und Rassen sprechen, wie wir es auch unter Freunden tun?“ Dabei meint er wohl die Art von Freunden, die ihre Lieblingsband als „Pavianärsche“ bezeichnen, Bulimie „für eine Woche ausprobieren“, um hinterher einen „witzigen“ Artikel darüber zu schreiben. Die im Irak herumziehen, um die dort stationierten Soldaten fragen, wann sie denn das letzte mal Sex gehabt hätten. Es ist ein Herausgebergremium von Trotteln, die wie Trottel (oder, laut Muelas „wie die Jugend der Welt“) über Sex und Rassen schreiben.

Ich möchte mich mehr nach Vices Rolle als Provokateur erkundigen, aber das Maki-Spezialmenü unterbricht mich an dieser Stelle. Es wird auf zwei Tabletts serviert, mit jeweils neun Stücken Sushi. Wir fangen sofort an, Meeresalgen, Fisch und Reis zu kauen. Mit vollem Mund beginnt Muelas über die Rolle von Vice in der heutigen Medienlandschaft zu sprechen: „Vice provoziert Leser auf eine intelligente Weise. Es ist der Inhalt, der an sich schon provozierend ist. Vice hat den Journalismus auf den Kopf gestellt und hinterfragt Konzepte naiv und chaotisch. Wenn wir etwas über Prostitution schreiben wollen, dann kriegen wir auch eine echte Prostituierte, die darüber schreibt. Sie wird möglicherweise Probleme haben mit der Rechtschreibung oder Grammatik, aber das ist eben ein Teil ihrer Welt.“

Jede Motto-Ausgabe von Vice ist eine Plattform für No-names, richtige Freaks oder den Durchschnitts-Otto, die ihre ganz persönliche Geschichte erzählen wollen, so absurd sie auch klingt. Manchmal kommen sie als Dummköpfe rüber, manchmal klingen sie wie arrogante Scheißkerle, aber, so Muelas, unter der Schicht von schlechter Sprache und Sex liege ein großes Verständnis für die Welt verborgen. Doch es scheint fragwürdig, ob die Leser jemals bis zu dieser Tiefgründigkeit vordringen, oder ob sie einfach nur das Elend eines Drogenabhängigen bekichern und beglucksen, während sie Vice auf dem Klo lesen.

Verdorbenheit ist cool

Wir reden weiter über Vices Leserschaft – besonders über die Reaktionen, die das Magazin hervorruft. Laut Muelas bezeichnen Liberale und Linke Vice als rassistisch oder gar faschistisch. Konservative beschuldigen Vice dagegen eine anarchistische und allzuglatte Fanzeitschrift zu sein. Muelas verteidigt sich: „Die Linken kategorisieren uns als konservativ und die Nazi-Irren nennen uns anarchistisch. Denkst du, diese rechtsgerichteten Arschlöcher würden unsere Titten, Ärsche und unseren Drogen-Lifestyle befürworten? Nein, das tun sie nicht. Sie hassen uns“. Dabei unterscheidet er zwischen Reaktionen in Europa und Amerika. „Unsere Leser in Europa sind kritischer und haben einen kulturelleren Hintergrund als unsere Leser in den USA. In Europa denken die Leser, dass die Geschichten sich auf die globale Jugendkultur beziehen. In den USA meinen die Leute, die Stories stünden repräsentativ für ihr eigenes Land“. Vielleicht ist es dieses Verständnis für die internationale Jugend, das den Schlüssel für den Erfolg von Vice in Europa darstellt: Verdorbenheit ist cool! Vice bereitet inzwischen eine niederländische Ausgabe vor, auch Ausgaben in anderen Ländern sind geplant.

Die Bedienung kommt zurück für eine letzte Bestellung. Als Dessert will Muealas eine Packung Zigaretten. Sie bringt ihm eine Packung Marlboros und wir beginnen, Nikotin zu schlemmen. Bin ich Vice-gläubig? Es ist ja nur Nikotin, nicht Crack. Er zündet sich die nächste Zigarette an und fragt: „Noch was?“ Sein Boss läuft am Restaurant vorbei und zeigt auf seine Uhr. Ich antworte „Nein“. Umhüllt in eine Qualmwolke verschwindet er durch die Tür.