Háwar heißt Hilfe und sitzt meistens am kürzeren Hebel

Artikel veröffentlicht am 2. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 2. Februar 2016

In der kurdischen Sprache ist "Háwar" ein Hilferuf. Seit den Angriffen der Terrormiliz des selbsternannten Islamischen Staates (IS) auf jesidische Dörfer im Nordirak bezieht sich der Ausdruck auf den Kampf um die Rettung der Jesiden und der bedrohten Minderheiten. Vor allem aber ist er auf dem besten Weg, zu einer Aufforderung dazu zu werden, Menschen nicht auf Religion zu reduzieren.

Die kurdische Sprache hat es nie leicht gehabt. In der Türkei, zum Beispiel, war sie lange verboten und ist erst seit 2012/2013 als Fremdsprache erlaubt. Da es nie einen kurdischen Nationalstaat gegeben hat und die Kurden immer über vier Staaten (den Irak, den Iran, Syrien und die Türkei) verstreut gewesen sind, hat auch die Sprache keine Chance gehabt, sich einheitlich zu entwickeln, so dass die kurdische Sprache eigentlich aus drei verschiedenen Dialekten besteht: Kurmandschi, Sorani und Südkurdisch.

Dass "Háwar" pauschal auf kurdisch ein Hilferuf ist, kann man allerdings in allen drei Varianten der kurdischen Sprache verstehen.

Nachdem die Terrormiliz des selbsternannten Islamischen Staates  2014 die Dörfer der Kurden jesidischen Glaubens, wie zum Beispiel Shingal im Nordirak, angegriffen hat,  jesidische Männer hingerichtet und jesidische Frauen in die Sklaverei mitgenommen und verkauft hat, ist "Háwar" (dt. Hilfe) langsam aber sicher über den Kampf um die Rettung der Jesiden zum Symbol der Hilfeleistung an alle vom Genozid bedrohten Minderheiten in den von IS kontrollierten Gebieten geworden. Die Jesiden sind die Anhänger einer monotheistischen 2000 Jahre vor dem Christentum entstandenen Religion, die in Lalish im Nordirak ihr spirituelles Zentrum hat.

Im selben Jahr ist das Hilfewerk "Háwar" in Köln gegründet worden. "Uns ist sehr wichtig, dass unsere Initiative, die ja „Hawar – Hilfswerk für Flüchtlinge im Irak“ heißt, sich nicht nur an Jeziden richtet. Unabhängig von ihrer Ethnie und ihrer Religion wollten wir allen im Irak lebenden Menschen mit Flüchtlingsstatus helfen, also zum Beispiel auch Christen oder der Minderheit der Schabak [...]" sagte Shilan, Mitgründer des Hilfewerkes, im Interview mit Köln global im Mai 2015.

Allerdings bleibt das Augenmerk von Hilfsorganisationen besonders auf das tragische Schicksal junger jesidischer Frauen und auf die brutale Behandlung gerichtet, die sie in der Gewalt der Terrormiliz erwartet. Wie die britische Zeitung Daily Mail 2014 berichtete, arbeiten an der Grenze zum selbsternannten Islamischen Staat Untergrundorganisationen, um gezielt versklavte Jesidinnen, wie die 18jährige Amal, in die Freiheit zurückzuholen. Amal war die Sklavin eines IS-Kommandeurs namens Selman und seiner Leibwachen.

Ihr Hawar, ihr Hilferuf, hat einen besonders verzweifelten Unterton. "Er hat mich vergewaltigt. Er hat seinen Zeh in Honig getaucht und mir in den Mund gesteckt. Irgendwann kamen alle sechs Wachen rein. Sie haben mich die ganze Nacht, bis in die Morgenstunden, vergewaltigt. [...]" erzählt sie verschleiert, machtlos und traumatisiert mit traurigen Augen in einem im Juli 2015 vom ZDF ausgestrahlten Interview, das in der Doku  "Flucht aus der Sklaverei" gezeigt wurde.

Amals Geschichte von Sexsklaverei ist kein Einzelschicksal. 2015 dokumentierte Human Rights Watch den systematischen Einsatz von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen, sexueller Sklaverei und Zwangsverheiratung durch IS-Truppen. „Diejenigen, die fliehen konnten, müssen behandelt werden, um das unvorstellbare Trauma, das sie erlitten haben, zu bewältigen.“ meint Liesl Gerntholtz, Leiterin der Frauenrechtsabteilung von Human Rights Watch.

Die Übergriffe der IS-Terrormiliz auf Männer sind nicht weniger brutal. Laut Angaben der jesidischen Gemeinden wurden im August 2014 3000 jesidische Männer im Nordirak auf der Stelle ermordert. Nach Angaben eines UN-Berichts von März 2015 wurden jesidische Jungen im Alter zwischen 8 und 15 aus Shingal verschleppt und  zur Verleugnung ihrer Religion gezwungen.

Die Jesiden, die dem Massaker von Shingal entfliehen konnten, leben heute meistens in Flüchtlingslagern. Das Schicksal von den Überlebenden von Shingal hat die deutsch-jesidische Journalistin Düzen Tekkal in einem Film festgehalten. Ihre Dokumentation heißt Háwar genauso wie der  Verein, den sie für bedrohte Jesiden gegründet hat. Vor den Mikrofonen der Presse hat Tekkal bei der Erklärung des Titels ihrer Dokumentation den  kurdischen Hilferuf in Bezug auf ihre Arbeit neu definiert: "Háwar ist eine Warnung, wie man enden kann, wenn Menschen auf Religion reduziert werden."