Hat das alte Europa einen Durchhänger?

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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In Fortpflanzungsfragen scheint festzustehen: Amerika ist im Kommen, Europa schwächelt.

Je größer desto besser? In vielen Lebensbereichen wohl eher nicht. Doch im Falle der Geopolitik ist diese Frage schon immer mit einem klaren Ja beantwortet worden. Natürlich hängt der Einfluß eines Staates auch von anderen Bedingungen ab. Das Pro-Kopf-Einkommen ist beispielsweise ein weiterer wichtiger Faktor, militärische Macht und Allianzen ein anderer. Es wird immer Staaten wie Israel und -momentan zumindest noch- Indien geben, die stärker bzw. schwächer ins Gewicht fallen, als ihnen rein rechnerisch zustünde. Doch langfristig bleibt festzuhalten: die Zahlen zählen. Und somit ist auch Europas zukünftiger Einfluß als Supermacht eher ungewiß.

”Divide et impera”

Noch im Jahr 1950 verfügte Europa über eine Bevölkerung, die mit 304 Millionen zwei Mal so groß wie die der Vereinigten Staaten (152 Millionen) war. Obwohl die Europäer gemessen am Pro-Kopf-Einkommen nur halb so reich wie die Amerikaner waren, standen sie den USA an Wirtschaftsmacht um nichts nach. Daran änderte sich in den kommenden Jahrzehnten nicht viel: die Zahl der Amerikaner wuchs, Europa wurde reicher und das Brutto-Inlands-Produkt blieb auf beiden Seiten des Atlantiks in etwa das gleiche. Doch wenn die momentanen demographischen Trends anhalten, wird sich das Blatt in den nächsten 50 Jahren wandeln. Europas Bevölkerung würde sich demzufolge im Jahr 2050 auf 360 Millionen belaufen –Tendenz fallend- wohingegen Amerika zu diesem Zeitpunkt womöglich über 550 Millionen Einwohner zählen wird: Tendenz steigend. Doch was wären die Folgen dieser Entwicklung?

Mit einem Durchschnittseinkommen, das mehr als ein Drittel über dem der Europäischen Union läge und mit der doppelten Zahl an Einwohnern würde Amerika über das Dreifache des europäischen BIP verfügen und Europa einen ökonomischen Zwergenstatus verleihen. Somit stünde Europa –ganz gleich ob vereint oder nicht- aus der Sicht der Vereinigten Staaten auf einer Stufe mit Japan, einer eher mittelgewichtigen Wirtschaftsmacht mit geringem militärischen Einfluß. Neben dem jungen und kraftvollen Amerika erschiene Europa alt und impotent, zumal es die Last einer überalterten und nicht mehr kaum noch tragbaren Gesellschaft zu bewältigen hätte. Bill Frey, ein Demograph der Universität Michigan, schätzt, dass das amerikanische Durchschnittsalter in 2050 36,2, das europäische hingegen 52,7 Jahre betragen wird. Europa schrumpft also nicht nur, es wird auch noch zusätzlich mit einer unhaltbaren Renten-Rechnung konfrontiert werden, für die eine immer geringer werdende Zahl an Beitragszahlern aufkommen muß.

Dies könnten in der Tat Anzeichen für massive geopolitische Verschiebungen sein. Während der Atlantikraum zwischen New York, London und Paris im 20.Jahrhundert noch der Dreh- und Angelpunkt der Weltwirtschaft war, könnte diese Position im 21. Jahrhundert vom Pazifik und den Städten Shanghai, Tokyo und LA eingenommen werden. Die Tigerstaaten, Japan, Kalifornien, Australien und natürlich China sind klar auf dem Vormarsch. Demgegenüber erweckt Europa den Eindruck einer fernen und verblaßten Halbinsel auf der anderen Seite des Gloubus: ein Ort der Museen, Kathedralen und Schlösser. Rumsfelds Reden vom „alten Europa“ und Bushs Asienreise zeigen, dass dieser Eindruck auch von der momentanen US-Regierung geteilt wird.

Es handelt sich bei dieser Projektion jedoch natürlich nur um ein Gedankenspiel. Doch die momentanen demographischen und ökonomischen Trends könnten dies leicht Realität werden lassen. Nach dem sie jahrzehntelang geschrumpft ist, ist die amerikanische Geburtenrate im vergangenen Jahrzehnt auf 2,1 gestiegen, während Europa mit 1,4 einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Wenn man die massiven amerikanischen Einwanderungswellen (allein zwischen 11 und 20 Millionen neue Bürger in den 90er Jahren) den Tendenzen der „Festung Europa“ gegenüberstellt und die unterschiedlichen Raten des Wirtschaftswachstums mit einbezieht, dann erscheinen die Prognosen eine geradezu logische Konsequenz momentaner Entwicklungen zu sein.

Zu früh pensioniert?

Das größte Opfer dieses demographischen Wandels wird wohl das egalitäre Rentensystem Europas sein. Es könnte zwar mit höheren Steuersätzen auch weiterhin finanziert werden, doch im Zusammenhang mit der europäischen Integration und der Globalisierung im Allgemeinen wird es wohl auf Dauer kaum noch zu finanzieren sein. In Deutschland, wo die Rentenbeiträge sich auf fast 20% des Einkommens belaufen, ist ein starker Rückgang der Investititonen zu verzeichnen. 20-30% der deutschen Investitionen sind ins osteuropäische Ausland verlagert worden und der Kapitalabfluß gen Amerika hat sich in den 90er Jahren fast verdoppelt. Dies hat hohe Arbeitslosenzahlen und eine Wachstumsstagnation zur Folge. Es ist absehbar, dass sich diese Probleme mit der wachsenden Liberalisierung des Welthandels verschlimmern werden, zumal die Zahl der älteren Menschen in Westeuropa stetig zunimmt.

Aus diesem Grund darf ein Blick auf das amerikanische Haushaltsdefizit nicht mit Schadenfreude unsererseits beantwortet werden. Es wird manchmal suggeriert, dass die USA auf einen nicht zu bewältigenden Schuldenberg zusteuern, dem Europa durch den vorausschauenden Stabilitätspakt entgehen wird. Mittelfristig mag das womöglich auf einen Zeitraum von 5 bis 10 Jahren zutreffen. Aber langfristig wird die Finanzierung der Rentensysteme Europa zurück in die Schuldenfalle locken. 2050 wird sich die Staatsverschuldung auf 150% des Einkommens der gesamten EU und auf über 250% in Deutschland und Frankreich belaufen. Die Verschuldung der USA würde dann jedoch weniger als 100% des BIP betragen. Die Defizite wachsen also auf beiden Seiten des Atlantiks, doch die Last, die Europa zu tragen haben wird, ist weitaus schwerer.

Hält Europas Niedergang an?

Es mag nicht unbedingt ermutigen, dass die Realität langfristige Prognosen schon oftmals Lügen gestraft hat. Es ist zum Beispiel denkbar, dass die niedrigen Geburtenziffern in Europa lediglichen einen vorübergehenden soziologischen Tiefpunkt darstellen: das Produkt einer Generation von Frauen, die die Geburt ihrer Kinder auf die Zeit nach ihrem 30. Lebensjahr verschoben hat. Wenn dem so ist, dann könnten die Geburten im kommenden Jahrzehnt durchaus wieder zunehmen.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Europa sich für einen pragmatischeren Ansatz in der Einwanderungspolitik entscheidet. Schließlich haben die zahlreichen mexikanischen Immigranten das amerikanische Bevölkerungswachstum zu Zeiten des Kalten Krieges zu verantworten. Auch Europa könnte zu einem Auffangbecken für Russen, Türken und Araber werden.

Zudem werden langfristige Prognosen dadurch widerlegt, dass die Menschen aktiv werden. Nach der Interpretation der Welt macht man sich oftmals daran, sie zu verändern. Wir können uns bereits sehr gut ausmalen, welche Zukunft Europa in den kommenden 50 Jahren bevorsteht. Die wirkliche Frage ist daher, ob die europäischen Eliten die Zeichen der Zeit verstehen und Veränderungen einleiten und ob diese Veränderungen wiederum von den europäischen Gesellschaften mitgetragen werden. Die deutsche Agenda 2010 und Reformansätze in Frankreich und Italien zeigen, dass die Politiker bereits aktiv werden. Doch die andauernden geringen Wachstumszahlen und der relative, historisch gewachsene Wohlstand sorgen dafür, dass ein allgemeines Gefühl akuter Krise bislang ausbleibt. Und nur in einem Fall von akuter Krise läßt sich die Öffentlichkeit in der Regel auf einen Systemwandel ein. Es sieht also danach aus, als müßte das alte Europa noch älter werden, eh es eine Verjüngungskur einleitet.