Hass auf Russland, Sex und Speed

Artikel veröffentlicht am 14. Mai 2005
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Artikel veröffentlicht am 14. Mai 2005

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Dorota Maslowska, Wunderkind der polnischen Literatur, beschreibt die Tristesse einer Generation zwischen Kommunismus und EU-Beitritt.

„Die Literatur ist ein Fenster, durch die ein Volk dem anderen in die Augen schauen kann.“, sagt Karl Dedecius, Übersetzer polnischer Literatur und Leiter des

Deutschen Polen Instituts. Dorota Maslowska öffnet ein solches Fenster: Der Shootingstar aus Polen beschreibt in ihrem Erstlingsroman

Schneeweiß – Russenrot das Leben von Andrzej, der von seiner Freundin verlassen wurde, der durch die Tristesse der graue Wohnblocks einer polnischen Kleinstadt läuft, Speed und schnellen Sex sucht, und wüst fluchend seine Sicht des Nichts-mehr-zu-erwarten lebt.

Andrzej steht für viele Jugendliche in Polen. Er verkörpert eine Generation, die sich im Aufbruch befindet, die zwischen zwei Welten – nach dem Ende des Kommunismus und vor dem EU-Beitritt - auf der Suche nach der eigenen, einer polnischen Identität ist. Man freut sich auf den „Westen“, seine Möglichkeiten, hat aber gleichzeitig Angst vor dem „Ausverkauf“, davor vom „Westen“ überrollt zu werden. Man schimpft auf die Russen, den Kommunismus, man möchte sich vom Mief des Kommunismus befreien und gleichzeitig wünscht man das billige Leben zurück. Der Originaltitel des Buches lautet übersetzt „Der polnisch-russische Krieg unter weiß-roter Fahne“ und obwohl Dorota Maslowska betont, dass ihr Buch unpolitisch ist und lediglich die Realität beschreibt, so verweißt der Titel doch auf eine politische Wirklichkeit Polens: Hass auf die Russen und Verachtung, bedingt durch die jahrelange Bevormundung aus Moskau, und die Suche nach einer eigenen polnischen Identität, die man krankhaft versucht zu erforschen und zu leben.

Verloren, aber sensibel

Dorota Maslowska zeichnet mit ihrer Geschichte von Andrzej, „dem Starken“ ein bedrückendes Bild ihrer Generation. Alle Werte scheinen sich im Postkommunismus aufzulösen. Die wirre, groteske Skizze einer Subkultur in einer identitätslosen und austauschbaren polnischen Kleinstadt mit rauem Klima prangert den Verlust eines Wertesystems an, in dem Familie wichtig war.

Das Buch wurde in Polen ein Bestseller, vielleicht auch wegen der ordinären Sprache. Dorota Maslowska, gerade mal 18 Jahre alt, als das Buch erschien, schreibt in ihrem eigenen Jargon: vulgär, krass und turbogeil. Eben der Sprache, die die Jugendlichen anspricht. Das Buch liest sich von allein – ob man es mag oder nicht. Dabei wird das triste Leben hart und schonungslos offenbart. Der Regisseur Wiktor Grodecki, der zurzeit an einem Drehbuch arbeitet, sagt, dass der Roman den Seelenzustand junger Menschen im Polen von heute vermittelt: verloren, aber sensibel. Das Buch spricht vor allem junge Leute an: Gymnasiasten und Studenten, eine Subkultur die in Plattenbauten großgeworden ist und nun in einer Umbruchphase die eigene Identität entdecken muss. Und obwohl die Kritiker die Finessen des Werkes hochjubeln, lesen viele polnische Jugendliche das Buch nur unter dem Aspekt der Popularität. Es gefällt ihnen, dass darin so viel geflucht wird. Schimpftiraden, die man im wirklichen Leben nie offen aussprechen würde.

Hoffnung Europa

Das Buch zeigt den Alltag polnischer Jugendlicher. Und doch hat jede Medaille immer zwei Seiten: Für die Älteren ist „Schneeweiß und Russenrot“ keine Kunst. Man ist entsetzt über die Niveaulosigkeit der Sprache. Die Intellektuellen unter den Jungen wenden sich lieber Europa und seinen Chancen zu. Der Russenmuff ist abgestreift, ein neues Selbstbewusstsein der eigenen, polnischen Herkunft entwickelt sich. Trotz der stimmigen Portraitzeichnung der Tristesse polnischer Jugendlicher in der Plattenbausiedlung einer Kleinstadt, darf man nicht vergessen, dass es auch eine andere Seite eines Polen gibt, das sich auf den Weg in die Zukunft macht. Mit Träumen und Hoffnungen und mehr Chancen als die Elterngeneration. Im trostlos scheinenden Alltag eines Landes, das nach dem Ende des Kommunismus die Türen nach Europa öffnet, gibt es auch die Hoffnung vieler, vor allem junger Leute, auf eine Zukunft in einem europäischen Polen.