Guy Verhofstadt: „Ich wollte immer Schauspieler werden“

Artikel veröffentlicht am 4. April 2016
Artikel veröffentlicht am 4. April 2016

Bevor er Premierminister in Belgien wurde, träumte der junge Guy Verhofstadt davon, auf der Bühne zu stehen. Heute bewegt er sich auf einem ganz anderen Parkett: er ist MEP, Abgeodneter im Europaparlament. Wir haben den Politiker nach seinen Hoffnungen für Europa, seinem geliebten Fahrrad und seiner Botschaft an die Jugend gefragt.

cafébabel: Die heutige Welt ist ganz schön komplex. Wie würden Sie einem Kind beschreiben, was Sie tun?

Guy Verhofstadt: Stell dir eine Klasse mit 28 Schülern vor. Jeder von ihnen hat eigene Ideen, Vorteile und Schwierigkeiten. Die Idee ist, dass sie alle zusammen arbeiten und eine Einheit bilden, die ihre Mitglieder unterstützt und stärkt. Nur wenn sie zusammen arbeiten, können sie das Beste aus ihrer gemeinsamen Lernzeit herausholen. In dieser Klasse ist es meine Aufgabe, Maßnahmen und Systeme vorzuschlagen, um diese Einheit weiter zu verbessern und voranzubringen, dafür zu sorgen, dass sie sicher bleibt, eine Zukunft hat und dass sich jeder für kommende Herausforderungen rüsten kann.

cafébabel: Jeder kann ein Held sein - just for one day. Was ist die eine Sache, von der Sie schon immer heimlich geträumt haben?

Guy Verhofstadt: Ich wollte immer Schauspieler werden. Aber meine Eltern meinten, ich sollte erst Jura studieren. Also habe ich das gemacht und wurde Politiker.

cafébabel: Viele Menschen finden Europa ziemlich langweilig. Wie kann Europa auch sexy sein?

Guy Verhofstadt: Ich verstehe nicht, warum es nicht sexy ist, reisen zu können wohin man will, im Ausland zu studieren und zu arbeiten, ein Unternehmen in einem anderen Land aufzubauen und zu wissen, dass man von einem Rechtssystem geschützt wird, das dem von Zuhause ähnlich ist. Es ist ganz sicher nicht sexy, keine Redefreiheit, geschlossene Grenzen, Verletzungen unserer zivilen Freiheiten und Grundrechte zu haben.

cafébabel: Was regt Sie in unserer Welt am meisten auf?

Guy Verhofstadt: Die Art, wie Europa mit der Flüchtlingskrise umgeht. Es fehlt der politische Wille zu einer europäischen Lösung, und es gibt keine Menschlichkeit. Es ist erschreckend zu sehen, wie schnell einige Politiker vergessen, dass dieser Kontinent zwei furchtbare Kriege erlebt hat, die Europa verwüstet und viele Europäer zur Flucht gezwungen haben. Es ist noch nicht lange her, dass viele Europäer selbst Flüchtlinge waren.

Es ist an der Zeit, dass Europa Verantwortung für seine eigenen Probleme übernimmt, statt immer zu versuchen, die Krise an Drittländer outzusourcen. Das können wir nur verändern, indem wir konkrete Entscheidungen treffen - zum Beispiel mit der Etablierung einer europäischen Außengrenze und Küstenwache. Wir müssen die Lebensbedingungen in den Flüchtlingszentren in der Türkei und Europa verbessern, aber wir sollten auch über die Notsituation hinaus sehen und ihre Ursachen bekämpfen.

cafébabel: Die Welt will Perfektionismus, aber welchen Fehler können Sie trotzdem tolerieren?

Guy Verhofstadt: Ungeduld. In der Politik bewegt sich oft alles zu langsam. Ungeduldig zu sein hilft uns, voran zu kommen, deshalb könnten wir in unserem Beruf mehr Ungeduld gebrauchen.

cafébabel: Das Internet weiß nahezu alles. Was ist eine Sache, die Google nicht über Sie weiß?

Guy Verhofstadt: Google weiß wahrscheinlich, dass ich begeisterter Radfahrer bin. Es weiß wahrscheinlich nicht, dass ich auch im Winter mein Mountainbike fahre, egal wie das Wetter ist.

cafébabel: Herzlichen Glückwunsch! Sie wurden zum Hauptrepräsentanten der Jugend in der Welt gewählt. Was war Ihr Wahlslogan?

Guy Verhofstadt: „Mischt euch ein!“ Heutzutage sehe ich, dass junge Menschen überall mitreden möchten - das sollte der Weg nach vorne sein. Wir werden alle von vielen Dingen auf unterschiedlichen Ebenen beeinflusst. Das gilt besonders für junge Menschen, die diese Welt erben werden. Zu einem gewissen Grad hängt alles von ihnen ab. Sie sollten sich also einmischen.

cafébabel: Was ist Ihre erste Geste am Morgen?

Guy Verhofstadt: Die Welt schläft nie, deshalb checke ich morgens als erstes mein Smartphone, um zu sehen, was ich verpasst habe und was der Tag mir bringen wird.

cafébabel: Wenn Sie etwas erfinden könnten, was es noch nicht gibt, was wäre das?

Guy Verhofstadt: Teleportation. Oder ein fliegendes Fahrrad, um den Verkehr zu vermeiden.

cafébabel: Was ist Ihre Botschaft an die junge Generation nach den Anschlägen in Brüssel?

Guy Verhofstadt: Zuerst möchte ich sagen, wie entsetzt ich von der terroristischen Bedrohung bin, der wir gegenüberstehen und von den feigen Bombenangriffen in Brüssel vor wenigen Wochen. Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Terrorismus darf sich nie durchsetzen.

Meine Botschaft an die Jugend Europas: „Es ist Zeit, dass Europa sich vereint.“ Wir sollten nicht in Angst leben, sondern miteinander arbeiten und im Kampf gegen diesen Terror zusammenhalten. Es ist klar, dass wir eine europäische Herausforderung vor uns haben. Wenn wir die Terroristen besiegen wollen, brauchen wir mehr als Kundgebungen und Rufe nach Solidarität - wir brauchen gemeinsame europäische Maßnahmen, um unsere Sicherheit zu verbessern.

Ein Aspekt dieser europäischen Maßnahmen sollte der verbindliche Austausch von Geheimdiensterkenntnissen sein. Tatsächlich glaube ich, dass es einen europäischen Geheimdienst geben sollte, der Daten sammelt und Einsätze in allen 28 Mitgliedsstaaten durchführt. Unsere Jugend steht Europa positiv gegenüber - viel positiver als viele unserer Regierungschefs. Sie muss mir helfen, die EU-Politiker zu überzeugen, dass ihr Widerwillen gegen europäische Lösungen aufhören muss. Wir werden Terrorismus nur dann wirksam bekämpfen, wenn wir zusammen arbeiten.

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In Europas Teich schwimmen viele große Fische. Die neue cafébabel-Interviewserie Big Fish taucht tiefer in den Alltag der großen Namen des Kontinents ein.