Gut gedacht, schlecht gemacht: Frauenpornos in der Kritik

Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2012
Die Frauen haben den Porno für sich entdeckt – sei es als Zuschauerin oder Regiseurin. Die Qualität der Filme lässt allerdings oft zu wünschen übrig, meint die  Kulturwissenschaftlerin Sabine Lüdtke-Pilger. In ihrem Buch "Porno statt PorNO – die neuen Pornografinnen kommen" hat sie zwei Frauenpornos analysiert. Ihre Kritik ist hart. Der Frauenporno ist für sie ein künstlisches Genre.

Ihre Hauptkritik an der feministischen Pornografie lautet: „Nicht alles, was vorgibt, geschlechterspezifisch neutral zu sein, ist auch qualitativ überzeugend.“ Was ist an Frauenpornos mangelhaft?

Man muss zunächst einmal sagen: Auch in der Mainstream-Pornografie gibt es überwiegend mangelhafte oder minderwertige Qualität. Pornografie dient der Selbstbefriedigung und dabei geht es nicht um das filmische Meisterwerk. Bei Frauenpornografie ist es aber so, dass ich, ehe ich einen solchen Film gesehen habe, ganz viel darüber gelesen habe. Da gab es super Konzepte, zum Beispiel die Ambition Pornografie mit anspruchsvollem Kino zu verbinden oder Geschlechterklischees aufzubrechen. Und dann dachte man sich: wow! Wenn man sich aber mal die Filme angeschaut hat, dann war ich als Medienwissenschaftlerin sehr schockiert. Denn ich habe die Kriterien so bewertet, wie ich das bei einer normalen Filmanalyse gemacht hätte.

Sabine Lüdtke-Pilger meint, dass viele feministische Pornos den Mainstream-Porno als Negativvorlage benutzen und ihn umkehren.

Und was ist dabei rausgekommen?

Viele Produkte waren qualitativ nicht hochwertig. Die Kamera war schlecht, die Ausleuchtung war schlecht, etc. Und es hat sich sehr viel am Mainstreamporno orientiert: Entweder hat man festgestellt: So funktioniert es nicht, Sex zu haben, deswegen braucht man für den Frauenporno eine Liebesgeschichte.

Oder man hat Mainstreampornos genommen und einfach verändert: ein bisschen rosa, ein bisschen Weichzeichner und nicht das weibliche Geschlecht in Großaufnahme gezeigt. Ich war sehr enttäuscht darüber. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass da keine eigenständige Idee gewesen ist, sondern existierende Pornografie einfach als Negativvorlage benutzt wurde. Das hört sich jetzt ein bisschen böse an, aber es ist als wenn einfach eine Frau einen Porno geschaut und bestenfalls auch ein bisschen an einer Filmhochschule studiert hat und sich dann dachte: Ist ja ganz schrecklich, ich mache jetzt den besseren Porno. Es gibt aber durchaus auch gelungene Filme. Gerade in den letzten Jahren hat sich sehr viel getan.

Das ist dann nicht das Gelbe vom Ei.

Ja, das ist als wenn Studenten einen Film machen. Ich habe auch in meiner Studentenzeit Kurzfilme gemacht – zwar keine pornografischen, aber man merkt, dass das nicht so einfach ist. Man kann ja theoretisch alles drauf haben. Aber für einen guten Film braucht’s halt mehr.Sabine Lüdtke-Pilger hat zwei Frauenpornos analysiert. Einerseits "All about Anna" von Jessica Nilsson und "Female Fantasies" von etra Joy.

Legen Sie da nicht andere Maßstäbe an den feministischen als an den Mainstreamporno an?

Der Mainstreamporno hat nie den Anspruch gehabt, Kunst oder der bessere Porno zu sein. Aber wenn ich all das als Pornografin für meine Filme behaupte, dann muss ich damit leben, dass man das in einer Filmanalyse genauer untersucht. Ich möchte jetzt auch nicht zu viel aus dem Nähkästchen plaudern. Aber eine Regisseurin hat sich persönlich bei mir gemeldet, weil sie sich angegriffen gefühlt hat. Mir ging es aber nie darum irgendwen anzugreifen, ich habe einfach nach bestem Gewissen versucht das Phänomen der Frauenpornografie wissenschaftlich zu untersuchen.

Was hätten sie denn der Frau geraten, ihren Film besser zu machen?

Es liegt mir fern, irgendwem irgendetwas zu raten. Aber wenn man vorgibt, etwas vollkommen Neues zu machen und dann Champagnerkelche, Glitzermasken und Weichzeichner vorkommen, dann ist das das totale Klischee. Aber an sich finde ich es toll, wenn man sagt: Ich bin Feministin, ich möchte neue Pornos, die Geschlechterpolitisch korrekt sind.

"Frauen sehen in der Regel ihr eigenes Geschlechtsorgan nicht und fühlen sich von solchen Bildern sehr abgeschreckt"

Kann es denn überhaupt geschlechterneutral Pornos geben oder müssen sie nicht immer einer bestimmten Zielgruppe dienen?

Das ist die Frage. Es gibt natürlich eine männliche Sichtweise wie auch eine weibliche. Natürlich reagiere ich als Mann auch anders darauf, wenn ich ein weibliches Geschlechtsorgan in Großaufnahme sehe als Frauen – sonst würde ja auch die Fortpflanzung nicht funktionieren. Frauen sehen in der Regel ihr eigenes Geschlechtsorgan nicht und fühlen sich von solchen Bildern sehr abgeschreckt und auch irgendwie bloßgestellt – ein Gefühl das nicht unbedingt positiv belegt ist. Ich denke aber schon, dass sich ein gewisser Gewöhnungseffekt einstellen kann. Es gibt aber auch Frauen die sagen: Ich glaube gar nicht, dass es eine weibliche Pornografie geben muss. Jene, die das Visuelle mögen, werden auch in der Mainstream-Pornografie fündig und können das für sich umwerten – zum Beispiel bei den Couple-Pornos.

Kann man unterm Strich sagen, dass es in der Frauenpornografie genauso wie bei den Mainstreampornos gute und schlechte Beispiele gibt?

Ja, man kann nicht alle Filme über einen Kamm scheren. Es stehen einzelne Frauen hinter diesen Produktionen, die teilweise Drehbuch und Regie machen oder teilweise auch Schnitt und Musikauswahl. Das ist ein bisschen wie man es aus dem Autorenkino kennt. Deswegen sind die Ansätze total verschieden. Die Filme von Erika Lust aus Barcelona sind zum Beispiel technisch gut gemacht und eröffnen besondere Perspektiven. Da kann man eine eigenständige Ästhetik herauslesen, die den frauenpornografischen Film nach vorne bringt. Aber auch wenn noch nicht der Super-Frauenporno entstanden ist und es noch sehr viele Versuche braucht, gibt es doch eben solche Hoffnungsträgerinnen, von denen sich die Mainstream-Pornografie eine Scheibe abschneiden kann. Schließlich wurde auch eine Formel für den perfekten Spielfilm entwickelt. Trotzdem gibt es erfolgreiche und nicht so erfolgreiche Spielfilme.

Mehr über neue Pornografie erfährst du in unserem Dossier: "Der Porno ist tot, es lebe der Porno!"

Fotos (in der Reihenfolge des Textes):  (cc)Malik Ml Williams/flickr, (cc)Icanteachyouhowtodoit/flickr, © Frîa Hagen