Gujarat: Die leuchtenden Augen Krishnas (Teil 2)

Artikel veröffentlicht am 19. April 2012
Artikel veröffentlicht am 19. April 2012

Süßes Curry, Salzwüsten und lebende Götter: Gujarat ist noch magischer als andere Teile Indiens. Unglaubliches mischt sich mit Zauberhaften, tiefes Rot mit hellem Pink und sogar Krishna lässt es sich nicht nehmen, mit Menschen und Pfauen zu tanzen. Was hat Gujarat, was der Rest Indiens nicht hat?

Wer Gujarat verstehen will, muss aber nicht nur Krishna besuchen, jaggery lutschen und stundenlang aufs Arabische Meer blicken, sondern sich auch in die Wüste aufmachen. Der Rann of Kutch (Salzmoor von Kutch), wie die große Salzlehmwüste im Westen Gujarats genannt wird, bedeckt mehr als 28.000 km² und ist beinahe ein Land für sich. Jedes Jahr überfluten der Monsun und das Meer die weiten Wüstenebenen und tränken den Boden mit Salzwasser. Zurück bleibt eine gespenstische Mondlandschaft, in der das Auge jede Orientierung verliert. Unter den Schuhen knirscht das Salz, an manchen Stellen bricht die Kruste auf und eine schwarze Masse tritt aus: Ölablagerungen, Meeresschlick und schlammiger Unterboden vermischen sich hier zu einer klebrigen Mixtur. Früher zogen nomadische Stämme auf Kamelen durch den Rann, doch seit der Trennung von Indien und Pakistan nach der Unabhängigkeit 1947 verläuft die Staatsgrenze beider Länder genau durch die Salzwüste. Jetzt sind in dem militärisch sensiblen Gebiet fast nur noch Jeeps der indischen Armee anzutreffen. Seltsam erscheint es da, dass sowohl Mahatma Gandhi als auch Muhammad Ali Jinnah, der Vater der pakistanischen Nation, beide ursprünglich aus Gujarat stammen.

In den Gassen der Wüstenstadt Bhuj, die in dem Gebiet von Kutch liegt, lässt sich das nomadische Leben der letzten Jahrhunderte noch etwas erahnen. Durch die Straßen, die von kleinen Textilgeschäften und Souvenirläden gesäumt werden, ziehen Frauen der Meghwal und anderer Stämme. Ihre Kleidung ist märchenhaft: Feine Stickereien, Spiegel und Goldfäden zieren die traditionellen Westen, die zwar Arme und Schultern bedecken, aber den Rücken vollkommen frei lassen. Dazu tragen die Frauen schwere bestickte Röcke, schwarze Schleier und goldene Ohr- und Nasenringe. Die Gegend um Bhuj ist für viele Textildesigner ein magisches Land, in dem sie alte Näh- und Drucktechniken wiederentdecken und Inspiration suchen. „Die Textilkultur in Kutch ist einmalig und umfasst alle Bevölkerungsschichten und religiösen Gruppen. Hinduistische und muslimische Frauen sticken alle, aber die verwendeten Farben, Muster und Techniken unterscheiden sich grundlegend.“ Leider gehe diese Kunst im 21. Jh. verloren, beklagt Vikram, dessen Familie in Bhuj ein privates Museum für Textilkunst eingerichtet hat.

Obwohl die Kunst des Stickens, Druckens und Quiltens in den Dörfern von Kutch immer noch gepflegt wird, hat die Moderne mit ihren Kunstfasern, knalligen Farben und Billigtextilien doch eine große Schneise in traditionelle Gewerbe geschlagen. „Viele ziehen lieber T-Shirts oder Saris von der Stange an und auch der Farbgeschmack ändert sich. Die neuen Stickereien sind meist pink oder lila und die Qualität der verwendeten Materialien ist schlechter,“ meint Vikram. Deswegen sammelt seine Familie Röcke, Westen, Taschen, rallis (Quilts) und Mitgiftbeutel, um sie in ihrem Museum auszustellen und so wenigstens einen Teil der Kunstwerke in der Region zu bewahren. Und auch NGOs haben sich der Stickereikunst angenommen: Einige Frauen der Meghwal, die an diesem Spätnachmittag lachend und plaudernd durch die Straßen von Bhuj ziehen, arbeiten für kleine Kooperativen, die qualitativ hochwertige Textilien herstellen und zu fairen Preisen verkaufen.

Ausländer finden immer noch vergleichsweise selten den Weg nach Gujarat. Vielleicht weil der Wüstenstaat als zu beschwerlich zu bereisen gilt; vielleicht weil sich die Touristenströme leichter im angrenzenden Rajasthan bündeln und leiten lassen. Dabei sind Städte wie Pushkar, Udaipur und Jaisalmer mittlerweile so auf westliche Touristen eingestellt, dass man sich dort wie in einem indischen Disneyland vorkommt, indem die exotisch glitzernde Staffage nur aus Plastik und Pappe zusammen geleimt ist. Der Einbruch der modernen Produktions- und Verbraucherkultur macht natürlich auch vor Gujarat nicht halt, schließlich handelt es sich dabei um den normalen Gang der Zeit. Gerade deswegen ist es aber zauberhaft, das knallige Disneyland hinter sich zu lassen und ein kurioses Märchenland zu betreten, in dem das Zusammenwachsen von Tradition und Moderne, von Mythos und Alltag etwas behutsamer und harmonischer vor sich geht.

Wer die Einsamkeit fernab der touristischen Trampelpfade sucht, der muss Gujarat und Kutch einfach lieben. Viele der klapprigen Busse des staatlichen Nahverkehrs fahren bis in die Wüste hinein. Kurz vor der Grenze zu Pakistan, knapp vier Stunden hinter Bhuj, liegt zwischen Felsen und trockenem Gestrüpp das kleine Kloster Than, in dem ein Mönch und seine Bedienstete ein einsames Leben führen. Mit einem Passierschein für die Grenzgebiete darf man über Nacht bleiben und in einem der Räume im zweiten Stock, die mit wunderschönen Sandsteinarbeiten und Wandmalereien verziert sind, übernachten. Das Kloster im Ganzen ist in einem eher traurigen Zustand: Seit dem verheerenden Erdbeben, dass 2001 knapp 20.000 Tote und 167.000 Verletzte forderte und weite Teile der Siedlungen in Kutch zerstörte, wurde hier nicht viel instand gesetzt. Den Pfauen, die durch die Büsche ziehen, kann das aber nur gelegen kommen. Über die vielen herabhängenden Äste und Mauerstücke schreiten und springen sie – mal lautlos, mal kreischend – in den Vorhof des Klosters herab.

Während die Sonne langsam hinter den Hügeln untergeht, die Indien von Pakistan trennen, färbt sich der Himmel rot und aus dem niedrigen Gestrüpp steigen bläuliche Schatten auf. Im Halbdunkel sehen die herum stolzierenden Pfauen wie Fabelwesen aus. Vielleicht tanzt dort zwischen den Bäumen sogar Krishna selbst mit seinen gopis? Beim Betrachten der kargen Landschaft, geblendet vom Licht der Sonne und seinen vielen Farben, fällt es in Than – wie in ganz Gujarat – nicht immer leicht, zwischen Märchen und Wirklichkeit zu unterscheiden. Im Hintergrund erklingt ein blechernes Mantra. Dazu mischt sich das Getingel des Fernsehens, in dem sich der Mönch zur Abendstunde alte Serien ansieht, in denen die Geschichten von Shiva und Krishna mit viel Schminke, Glitzer und Spezialeffekten der 80er Jahre nacherzählt werden. Trunken von dieser Mischung aus Märchen und Kapitalismus, aus grellem Pink und Dunkelblau, mythischem Krishna-Kult und modernen Fernsehserien kann man einer Einsicht doch nicht entgehen: Gujarat ist zauberhaft.