Gujarat: Die leuchtenden Augen Krishnas (Teil 1)

Artikel veröffentlicht am 30. März 2012
Artikel veröffentlicht am 30. März 2012

Indien ist magisch. Gujarat ist magischer. In dem Wüstenstaat liegt nicht nur das mythische Königreich Krishnas, sondern auch die Heimat vieler Kasten und Stämme, die mit die schönsten und buntesten Stickereien der ganzen Welt anfertigen. Süßes Curry, Riesenschildkörten und goldene Wüsten: Gujarat ist ein Märchen.

Tiefdunkles Rot auf steinernen Treppenabsätzen, vibrierendes Weiß in kurtas und Sonnensegeln, durchzogen von hellvioletten Spuren ausgewaschener Färbemittel; dunkles Gold in Sand und Tempeln, Spuren von Pink und Zartrosa in Sandsteinfugen; knittriges Schwarz und Tintenblau auf den Röcken und Händen der Frauen, die an kühlen Frühlingsmorgen durch die Gassen einer kleinen Wüstenstadt spazieren. Betritt man den staubigen, mit Farben getränkten Boden Gujarats das erste Mal, kommt man nicht umhin, leise aufzuseufzen. Was ist hier anders an den lärmenden Straßen, den klebrigen Sitzbänken der Chai Shops, den umtriebigen dhaba wallahs, den überfüllten Markthallen, Tempeln, Apotheken und den Wanderasketen?

„Gujarat ist nicht wie andere Teile Indiens. Gujarat ist ein Zauberland.“ Anil, dem ein kleines dhaba im Stadtzentrum der heiligen Stadt Dwarka gehört, tischt seinen Gästen nicht nur chapatti (Brot) und sabji (Gemüse) auf, sondern auch unglaubliche, märchenhafte und surreale Geschichten, ganz wie sie zur Hauptstadt von Krishnas mythologischem Reich auf der Halbinsel Kathiawar passen. Manchmal erzählt Anil so von Riesenschildkröten im Arabischen Meer, von Krishna als göttlichem Liebhaber oder von den Geldproblemen seiner Familie. Mythos und Alltag liegen nicht nur in Dwarka, sondern in ganz Indien überraschend nah beieinander. Wobei der Zauber in Gujarat trotz trötender Mopeds, klingelnder Handys und Leuchtreklamen für Tütensuppen zu überwiegen scheint. In diesem stark hinduistisch geprägten 60 Millionen-Staat im Westen Nordindiens liegt nicht nur Ahmedabad, die Geburtsstadt Mahatma Gandhis, sondern eben auch Dwarka, eine der sieben heiligsten Städte Indiens. Wer hier lebt und stirbt, der kann die ersehnte moksha erlangen, die Befreiung vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburten.

Auch deswegen durchwandern besonders viele sadhus, in leuchtendes Orange oder Safrangelb gekleidete Wanderasketen, die Straßen der kleinen Stadt, deren ghats auf das Meer hinaus gehen. Allein oder in kleinen Gruppen pilgern sie zum Shri Dwarkadish Mandir, dem berühmten Krishna-Tempel, in dem Priester in glänzenden grünen und pinken Seidenröcken mehrmals täglich mit Blüten, Milch und ghee (geklärte Butter) dem Gott in der Form des Shrinathji huldigen. Aus den Steinfugen leuchtet es noch Rot und Pink und die Bodenfliesen sind matt rosa gefärbt. Holi, das indische Frühlingsfest, das mit viel Farbe begangen wird, ist kaum eine Woche her. Auf einer Mauer sitzen drei alte Mütterchen in dunkelblauen Saris, Haar und Gesicht unter ihren Schals verborgen, und warten auf die abendliche pooja-Zeremonie. Die feinen schwarzen Muster, die auf ihre Hände und Unterarme tätowiert sind, lassen sie schnell als Mitglieder einer Bevölkerungsgruppe erkennen, die Ausländern wahlweise als gypsies, tribals oder Kastenlose vorgestellt werden.

Was im Deutschen als „Zigeuner“ recht eindeutig und negativ besetzt daher kommt, spaltet sich in Westindien in so viele Untergruppen oder jati (Kasten) auf, dass man schnell den Überblick verliert. Durch ihre buntbestickte Kleidung besonders auffällig sind die Meghwal, deren Zahl in Gujarat knapp 285.000 beträgt. Im traditionellen Kastensystem sind die meisten dieser tribalen Gruppen dalits (Unberührbare), deren Lebensrealität im 21. Jh. durch gesetzliche positive discrimination für die sogenannten „gelisteten Kasten und Stämme“ zwar etwas verbessert wurde, aber immer noch klar von anderen Bevölkerungsgruppen abgegrenzt ist. Die drei Frauen im Shri Dwarkadish Mandir sind dem uneingeweihten Auge nur als Witwen erkenntlich; die Schönheit ihrer Züge und ihrer glänzenden schwarzen Augen ist trotz ihres hohen Alters ungebrochen. Als die pooja von zehn bunt geschminkten und wild herum hüpfenden Brahmanen mit Glockenklang und Mantras eingeleitet wird, verlieren sich die Frauen in der aufgeregten Menge. Während die Sonne über dem Arabischen Meer untergeht und den Himmel in Rosa- und Safrantöne taucht, bebt die singende und tanzende Menge bei jedem Gongschlag und jeder Anrufung Krishnas.

Letzterer ist sicherlich der menschlichste Gott im hinduistischen Pantheon. Seine Verehrer sind dem religiösen und ästhetischen Überschwang dementsprechend mehr zugetan als Anhänger anderer Kulte. Krishnas Haut, in mythologischen Texten als Schwarz oder Blau beschrieben, verweist auf die Schönheit des Himmels und Vishnus, dessen achtes avatar (Inkarnation) Krishna ist. Je nachdem, wo man sich in Indien befindet, wird Krishna als Süßigkeiten stehlender kleiner Junge, als schöner Flötist, dem jede Frau verfällt, oder als weiser Krieger verehrt. Seine Affinität zu Genuss, Schönheit und körperlicher Liebe schlägt sich auch in den überschwänglichen Riten der ihm gewidmeten Kulte nieder. Als die letzte Kerze entzündet und das letzte Mantra verklungen sind, strömen die Gläubigen hinaus auf die ghats, steinerne Stufen, die hinab zum Arabischen Meer führen, wo rituellen Waschungen vollzogen werden. In der warmen, fast plastischen Dunkelheit der westindischen Nacht ist es allerdings zu spät hierfür und die meisten Pilger kaufen stattdessen Süßigkeiten an den kleinen Snackbuden. Laut raschelnd und diskutierend sitzen sie auf den Stufen, essen von ihrem prasad (Opfergaben) und blicken hinaus auf das glitzernde Meer.

„Die Bewohner von Dwarka sind wirklich Idioten! Sie haben den schönsten Strand direkt vor der Nase und gehen doch immer nur an den ghats ins Wasser.“ Anil schüttelt den Kopf. Warum so viele Inder nicht schwimmen können, obwohl sie doch am Meer wohnen, ist ihm ein Rätsel. Steigt man hinter dem Tempel hinab zum kleinen Bootanleger, kann man sich für nur 10 Rupien (ungefähr 11 Cent) durch die Bucht schiffen lassen und schon breitet sich vor einem das elegant geschwungene Band des Stadtstrands aus. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, aber dafür gibt es bergeweise hellrote und violette Muscheln zu entdecken. Die runden weißen heißen „Shivas Augen“, da sie ebenso schön und glänzend wie die Augen des größten aller Götter seien, erklärt Anil. Dann deutet er hinaus aufs Meer, das in der Mittagssonne gleißt und blitzt. Nicht weit entfernt brandet eine Welle an den Strand, ein Schatten huscht unter ihr hindurch und verschwindet im spiegelnden Wasser. Riesenschildkröten! Sollten einige von Anils wilden Geschichten vielleicht doch keine Märchen sein?

Zurück in seinem dhaba rührt Anil in den Currytöpfen und erzählt die nächste Geschichte. Krishna habe sich zwar mit ungezählt vielen gopis (Milchmädchen) vergnügt und auch einmal in einer Massenhochzeit 16.100 Frauen geehelicht, aber seine große Liebe sei die verheiratete Radha gewesen, mit der er neben Shiva und Parvati das berühmteste Liebespaar der indischen Dichtung bildet. Bedenkt man, wie streng die hinduistische Sexualmoral im 21. Jh. ist, können einem die poetischen Liebeslieder über den sinnenfrohen Krishna und die emanzipierte Radha nur anachronistisch vorkommen. Die Süße der Liebe steckt in Gujarat aber nicht nur im Krishna-Kult, sondern auch im Essen: Eins der scharfen sabji, die das traditionelle Gujarati thali ausmachen, ist mit jaggery (Rohrzucker) gesüßt. Die Verbindung von chapatti mit scharfem daal (Linseneintopf), salzigen Erbsen, süßen Kartoffeln und saurem raita (Joghurt) ist ein Paradebeispiel der in der indischen Küche angestrebten harmonischen Kombination verschiedener Geschmacksrichtungen. „Das ist wie in der Liebe“, meint Anil. „Die süßen Momente wechseln sich mit den neutralen, scharfen und sauren ab.“ Auch Krishna und Radha sind nicht nur für ihre Schäferstündchen, sondern auch für handfeste Beziehungskrisen berühmt.

Wie ist es in der Salzwüste? Wer stickt was in Gujarat? Mehr dazu im 2. Teil der Reportage