Gruppenlaufen: Gemeinsam statt einsam schwitzen

Artikel veröffentlicht am 20. August 2015
Artikel veröffentlicht am 20. August 2015

Woran denkt man als erstes, wenn man das Wort ‚Laufen‘ hört? Während das vor zwanzig Jahren vielleicht noch der einsame Jogger am verlassenen Wegesrand war, drängen sich jetzt mehr und mehr, teils sehr unterschiedliche, Gruppen, ins Gedankenbild: Das Laufen als Sport hat sich sozusagen „kollektiviert“. Das Wie und Wieso in Kapitel 2 übers Laufen: Der Jogger in der Gruppe. 

In Teil 1 wurde letzte Woche erläutert, dass es grob gesagt zwei Läufergruppen gibt: die ambitioniertere, eher männlich dominierte Langstreckenläufercommunity und die neuere, sehr viel diversere Gruppe der Freizeitläufer, die generell weniger leistungsorientiert ist.

Dieses Lager ist es auch, das sich grundsätzlich mehr zum „sozialen Laufen“ in der Gruppe hin orientiert wie Jörg Königstorfer vom Lehrstuhl für Sport- und Gesundheitsmanagement an der Technischen Universität München erläutert: „Das Schöne ist, dass man sich unterhalten kann und auch die Möglichkeit hat, soziale Kontakte zu knüpfen. Und gerade einen Termin mit einem Kollegen oder einem Freund zu vereinbaren, hilft einem auch sehr dabei dranzubleiben. Der soziale Report ist eine ganz wichtige Determinante, damit man das auch längerfristig tut. Diese Art Verpflichtung ist auch ein kleiner Trick, sich selbst zum Sport zu motivieren.“

Eine soziale, aber keine Klubaktivität

Der mit 62 % am häufigsten genannte Grund, um Sport zu treiben ist laut einer Eurostat-Statistik von Ende 2013 die Verbesserung der Gesundheit – vor der Verbesserung der Fitness, Entspannung und Spaß. Der „soziale Zweck“ findet sich interessanterweise nicht auf der Liste – man scheint ihn inzwischen als gegeben mitzunehmen.

Auch die Ergebnisse einer Untersuchung, die von den niederländischen Wissenschaftlern Jeroen Scheerder und Koen Breedveld durchgeführt wurde, lassen die Wichtigkeit der Gruppenkomponente zunächst nicht erahnen: Derzeit sind 80% der aktiven Läufer in Europa nicht Mitglieder eines Sportklubs. Laut Aussage der Forscher erfreut sich das Laufen aber immer größerer Beliebtheit durch das große Angebot von Laufveranstaltungen sowie kommerziellen Initiativen, gesteuert von sozialen Medien und der Sportindustrie.

In den Städten schießen, wenn schon keine Klubs, informell gehaltene Laufgruppen aus dem Boden, die teilweise professionell organisiert werden: In Paris gibt es etwa die (natürlich auch auf Facebook integrierten) AdidasBoostCommunities in verschiedenen Stadtvierteln. Oft treten diese in freundschaftlichen Wettkämpfen gegeneinander an und nach dem Lauf trifft man sich auch schon mal auf ein Bier. Während hier die Runde eher offen ist und die Beziehung untereinander als locker gilt, geht es auch anders: Der Franzose Patrick Bernard, erfahrener Marathonläufer und Radrennfahrer, trainiert zwar für Läufe auch alleine, die Integration in seinem Radklub in Torcy ist ihm aber sehr wichtig. Er ist seit 15 Jahren Mitglied und sagt, die Gruppe sei fast wie eine Familie für ihn geworden.

Organisiertes gemeinsames Laufen durch Firmen

Die Distanz besteht bei Firmenläufen oft nur aus ein paar Kilometern, sodass möglichst viele Angestellte teilnehmen können. Bei der J.P. Morgan Chase Corporate Challenge, dem weltweit größten Firmenlauf, nahmen 2014 in Frankfurt über 71 000 Läufer aus 2781 Firmen teil.

Königstorfer erklärt die Anreize für Firmen, Laufgruppen für ihre Mitarbeiter zu organisieren und sie – einzeln oder in Gruppen – auch für Firmenläufe anzumelden: „Der Grund der Firmen dies zu tun ist zum Einen, sich um die Gesundheit der Mitarbeiter zu kümmern. Ein Laufevent ist etwas, um sich als um die Gesundheitsbedürfnisse der Mitarbeiter kümmerndes Unternehmen zu präsentieren. Das Zweite ist sicher, dass über das Betriebsklima die Mitarbeiterzufriedenheit gesteigert werden kann und es ist eben wichtig, dass diese hoch ist, weil unzufriedene Mitarbeiter das Unternehmen nach außen nicht gut darstellen und die Werte des Unternehmens nicht leben wollen.“ Nebenbei gäbe es für die Angestellten den positiven Nebeneffekt eines Gemeinschaftsgefühls - zusammenetwas erreicht zu haben.

Der 25-Jährige Niederländer Peter beschreibt Firmenläufe als „soziales Happening”. Für ihn zählen dabeidas persönliche Erfolgserlebnis sowie die Wettkampfkomponente und, dass man seine Ergebnisse mit denen von anderen vergleichen kann. Bei manchen Wettkämpfen zwischen Konzernen werde zum Beispiel die Durchschnittszeit aller Läufer einer Firma ausgerechnet und dann mit der von Läufern einer anderen Firma verglichen.

Soziale Netzwerke als Träger für die Gruppenerfahrung?

Für den laufbegeisterten Slowaken Tomas haben Facebookgruppen eine tragende Bedeutung für das soziale Element beim Sport: „Man kann dort zum Beispiel fragen, ob jemand Lust hat, am nächsten Wochenende gemeinsam an einem Laufevent teilzunehmen. Und es spart ja auch Geld: Man kann zum Beispiel zusammen ein Auto mieten, um an einen Wettkampfort zu fahren.“ Manchmal poste er seine Resultate auch auf Facebook - „aber nur wenn sie gut genug sind“, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen, „oder wenn der Lauf an einem besonderen Ort stattfindet, zum Beispiel in den Bergen“. Sein Trainingstagebuch mache er aber nicht öffentlich.

Peter aus den Niederlanden hält es ähnlich: „Manchmal poste ich meine Laufzeiten von Wettkämpfen, aber ich erzähle meinem sozialen Umfeld nicht systematisch von meinen läuferischen Fortschritten.“ Die 30-Jährige Marie aus Schweden gibt lachend zu, dass sie manchmal Fotos von sich auf Wettkämpfen postet, weil sie die Aufmerksamkeit genießt. Oft sei sie dann aber mit Freunden zu sehen und Resultate poste sie im Allgemeinen gar nicht.

Gruppenaktivität zur Motivation

Ob man lieber alleine oder in der Gruppe läuft, bleibt wohl letztendlich eine Sache der Persönlichkeit – nicht selten werden auch beide Arten gemischt:Für Christian, der in München Joggingtouren für Touristen anbietet, bietet das Laufen eine Möglichkeit, sowohl alleine als auchmit anderen unterwegs zu sein. Sein Leben sei sehr von sozialer Interaktion geprägt,  deshalb nutze er häufig die Chance zum alleine Laufen, „um meine Ruhe zu haben und vielleicht unterwegs ein Hörbuch zu hören. Das ist für mich eine Art aktive Regeneration.“ Manchmal verabrede er sich zum Joggen aber auch mit Freunden, „um mich zu unterhalten und mich up-to-date zu bringen“.

Neben der Persönlichkeit bestimmen auch Selbstdisziplin, Beanspruchung durch die Arbeit und Alter, in welcher Form man sich zum Training organisiert oder ob man es ganz einfach anderen überlässt. Soziale Netzwerke scheinen die Organisation zu vereinfachen, ersetzen aber nicht Motivatoren, die nötig dafür sind, langfristig am „läuferischen Ball“ zu bleiben. Wenn dies eine Herausforderung ist, scheint altbewährte Unterstützung am besten zu wirken: Mann, Frau, Freund, Freundin, Kollege, Kollegin, Hund.