Grüne, transparente Unternehmen?

Artikel veröffentlicht am 11. April 2005
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Artikel veröffentlicht am 11. April 2005

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„Nachhaltige Entwicklung“ lautet das Kommunikationsschlagwort moderner Unternehmen, die sich öffentlich zum Umweltschutz verpflichten. Sie werden allerdings auch mehr und mehr dazu gezwungen.

„Zahlreiche Unternehmen haben bemerkt, dass sie ihr Image gefährden, wenn sie die Auswirkungen ihres Handelns vernachlässigen und aufgrund ihrer von der Öffentlichkeit als unerträglich angesehenen Praxis an den Pranger gestellt werden.“ So Nicole Notat, Vorsitzende von Vigéo, einer unabhängigen, internationalen Agentur zur Bewertung der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen.

Grüne Kommunikation

Seit einigen Jahren ist ein Wettrennen um das Image der „grünen Firma“ zu beobachten. Aus eigener Initiative heraus haben Unternehmen begonnen, Kommunikation hinsichtlich ihrer Aktivitäten und deren Auswirkung auf die Umwelt zu betreiben. Viele französische Unternehmen, allen voran Lafarge oder Renault, sind schon jahrelang der Praxis des Umweltreporting verpflichtet.

Angesichts der Exzesse des „greenwashing“ gewisser Unternehmen, die sich zu den Vorreitern einer nachhaltigen Entwicklung erklärten, sind die Behörden allerdings eingeschritten. Wie schon vor ihm viele europäische Länder (Norwegen, Dänemark, die Niederlande, Schweden, Belgien-Flandern) hat Frankreich beschlossen, sich nicht mehr nur mit freiwillig veröffentlichten Unternehmensinformationen zu begnügen. Heute unterscheidet sich Frankreich durch seine besonders strengen gesetzlichen Auflagen. So gibt es vier verschiedene Umwelt-Informationsverpflichtungen für Unternehmen. Diese Informationen müssen den Aktionären in entsprechenden Betriebsberichten ausgehändigt werden, sind aber auch jedem Bürger auf der Internetseite der Finanzmarkt-Aufsichtsbehörde für börsennotierte Unternehmen zugänglich.

Schon 2001 wurden Aktiengesellschaften dazu verpflichtet, Umweltberichte zu verfassen. Die Liste der zu nennenden Informationen umfasst: Verbrauch an natürlichen Ressourcen, umweltschädigende Emissionen, Lärmbelästigung, Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz, Zertifizierungsprojekte, Maßnahmen zum Arbeitsschutz, Ausbildung und Information des Personals etc.

Dennoch haben sich mehrere Kritiker zu Wort gemeldet. Frédéric Thierberghien, damals Vorsitzender des französischen Observatoriums zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen (Observatoire sur la Responsabilité Sociétale des Entreprises, ORSE), kritisierte metaphorisch: Die Pflicht zur Umweltinformation „passt eher in die Kategorie ‚Einheitsgröße’ als in die Kategorie ‚Maßgeschneidertes’: Allen wird der gleiche Anzug angeboten, ohne dass auf die Besonderheiten einzelner Industriezweige oder unternehmensspezifische Organisationsformen eingegangen wird.“

Vor allem aber die unzureichende Berücksichtigung von Umweltrisiken stand im Kreuzfeuer der Kritik. Die Supermarktkette Carrefour und France Télécom unterliegen denselben Informationspflichten wie die Fluggesellschaft Air France oder der Ölkonzern Total...

Hochbrisante Informationen

Nach der Explosionskatastrophe der Firma AZF in Toulouse, bei der mehr als 30 Menschen starben, hat der französische Gesetzgeber auch das Risiko wahrgenommen, dass in nicht börsennotierten Unternehmen steckt. Als Kriterium wurden „Aktivitäten mit hohem Umweltrisiko“ unausweichlich, und mit ihnen eine neue Informationspflicht. Seitdem müssen nun alle Unternehmen mit hohem industriellem Risiko, sogenannte „Seveso II-Unternehmen“ (benannt nach einem italienischen Ort, in dem sich 1976 ein schwerer Industrieunfall ereignete), Aktionäre und Öffentlichkeit auch über ihre Risikopräventionspolitik informieren. Dazu kommen Informationen zur finanziellen Absicherung des Unternehmens gegen die womöglich schädlichen Folgen seines Handelns.

Sicherlich kann die Vielzahl an zu liefernden Informationen der Lesbarkeit dieser Informationen schaden. Aber die Informationspflicht zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Unternehmen zu einer Strategie der Transparenz zwingt. Und jene Informationen sind umso wichtiger, als sich zur gleichen Zeit auch auf Umweltfragen und gesellschaftliche Verantwortung spezialisierte Anlagefonds und Ratingagenturen entwickeln. 2004 haben sich jedenfalls 75% der Unternehmen des französischen Index CAC 40 darauf eingelassen, dem Thema Umwelt in ihren Jahresberichten ein eigenes Kapitel zu widmen.

Auf europäischer Ebene hat die Kommission eine Empfehlung veröffentlicht, die auf die Berücksichtigung von Umweltaspekten im Rechnungswesen und in den Jahresberichten von Unternehmen eingeht. Auf Initiative der Generaldirektion für Unternehmen bekräftigte im Jahr 2004 das plurilaterale Forum für die verschiedenen Akteure der gesellschaftglichen Unternehmensverantwortung erneut die Bedeutung eines solchen Ansatzes. Nie jedoch haben die europäischen Behörden Schritte unternommen, um den Unternehmen eine zwingende Umweltinformationspflicht aufzuerlegen. Dabei hätte eine solche Pflicht den Vorteil, die Bewertung und den Vergleich der Auswirkungen europäischer Unternehmen auf die Umwelt zu vereinfachen. Man beobachtet in der Tat bei den veröffentlichten Informationen eine große Breite hinsichtlich Menge und Qualität der gelieferten Daten. Insbesondere Kommunikationselemente, die zum Marketing und nicht zur Informationspolitik gehören, schaden der Glaubwürdigkeit derer, die ehrliche Nachhaltigkeitsberichte verfassen.