Grün, grüner, am grünsten: Kann Indien auch öko?

Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2012

Wer dachte, in Indien seien Umweltschutz und Biokost noch Fremdworte, hat sich getäuscht. Auch auf dem Subkontinent der Chemiekeulen und Autoabgase gibt es Initiativen, die für sauberes Grundwasser, grüne Wälder und Biotomaten kämpfen.

Zwar verschließt sich die die Bedeutung von Mülltrennung und Ökostrom vielen Indern noch, aber auch hierzulande ist die grüne Welle ja ein noch relativ junges Phänomen. 

Sikkim – Clean and Green! Wer den kleinen Bergstaat im Nordosten Indiens, eingepfercht zwischen Nepal, Tibet und Bhutan, besucht, auf den warten einige ökologische Überraschungen. Gehen die Straßen der Hauptstadt Gangtok auch in Lärm und Abgasen unter, so ist sich die Regierung des buddhistischen Himalaya-Staates der Problematik doch bewusst. Daher startete sie 2003 eine Ökokampagne, die sich gewaschen hat: Zum Anbau von Reis, Tee, Kardamom und anderen Nahrungsmitteln werden seitdem keine Pestizide und Düngemittel mehr importiert, auf deren Einsatz nach und nach komplett verzichtet werden soll. Für einen Staat, in dem ein Großteil der Bevölkerung von der traditionellen Landwirtschaft lebt, ist das kein kleiner Schritt. Seit 2010 nennt sich das Initiativenpaket Sikkim Organic Mission, dank der ganz Sikkim ab 2015 „bio“ sein werde, so Premierminister Pawan Chamling. 

Die Zertifizierung der Agrarflächen läuft dementsprechend prächtig und wird von einer Schulung der Sikkimesen in Sachen Umweltschutz begleitet. Natürlich findet man, wenn man nahe des Dörfchens Yuksom im Westen von Sikkim durch den Wald wandert, die ein oder andere Plastiktüte. Müll am Wegrand ist mittlerweile aber eine Seltenheit geworden. Von den runden grünen Mülleimern mit der Aufschrift Clean and Green kann man das hingegen nicht behaupten. Touristen, die im Rest von Indien daran verzweifeln, dass es einfach keine Abfalleimer zu geben scheint, können in Sikkim aufatmen. Die Sikkim Organic Mission garantiert dabei nicht nur einen besseren Schutz des Ökosystems im Himalaya und unterstützt umweltverträgliche Anbaumethoden, sondern kurbelt auch den Öko-Tourismus kräftig an: In den letzten Jahren sind mehr ökologisch interessierte Wanderlustige denn je nach Sikkim geströmt, um waldige Berge und eindrucksvolle Gletscher zu erkunden. 

Nicht nur im Norden Indiens, auch im Süden sorgt man sich um Mutter Natur. In den Bergen von Kerala, an der südlichen Westküste Indiens, gründete das Lehrerehepaar Gopalakrishnan und Vijayalekshmi 1982 die Sarang Basic School, an die seit 1983 auch eine Bio-Bauernhof angegliedert ist. Momentan leben und werkeln dort zwei Erwachsene und zwei Kinder, die sich nach biologischen Grundsätzen um die Anlage neuer Kürbis- und Reisfelder kümmern. Gelegentlich besuchen auch die Schüler der mittlerweile umbenannten Sarang Alternative School die Farm, um in Umweltschutz und moderne Bewässerungsmethoden eingewiesen zu werden. Der Rahmen des Projekts ist allerdings ein noch weiterer: Um nichts weniger als den Weltfrieden geht es den Sarangs, die in ihrer Schule und im Sarang Cultural Exchange Centre auch Toleranz und Verständnis fremder Kulturen lehren. Neben biologischem Reisanbau kann man sich hier außerdem in Hindi, Trommeln, vegetarischem Kochen und Kathakali, der traditionellen Tanzform Keralas, üben. 

Die meisten Gurken und Tomaten, die man auf dem indischen Wochenmarkt findet, werden aber weiterhin mit Insektiziden verseucht sein. Wer ein bisschen mehr ausgeben will, kann zumindest bei ayurvedischen Tinkturen und Darjeeling-Tees eine Bio-Variante wählen. Die Firma Organic India wurde in den 1990er von einer kleinen Gruppe Freunde um den spirituellen Lehrer H.W.L. Poonja in Lucknow gegründet. Seither verkaufen sie – zu in Indien zugegebenermaßen hohen Preisen – Tulsi-Tees, Triphala-Tabletten und vieles mehr. Was auf den ersten Blick wie ein Tropfen auf den heißen Stein und nur an die Reichen und Schönen gerichtet zu sein scheint, ist aber weit mehr. Den Köpfen hinter Organic India geht es nicht nur darum, ihren Tee getreu biodynamischer Prinzipien anzubauen, sondern bitterarmen Bauern zu helfen und ganzheitliche Anbaumethoden zu entwickeln. 

Daher engagiert Organic India sich auch in der Ausbildung und Unterstützung der Landbevölkerungen, die zu mehr Umweltschutz und Selbstversorgung hingeführt werden sollen. Das von den Lehren Sri Ramana Maharshis inspirierte Mantra der Bio-Firma klingt dabei so friedliebend und romantisch, wie man es von indischen Umwelt- und Menschenschützern auch gar nicht anders erwarten kann: „Bedingungslose Liebe für alle Wesen und die ganze Schöpfung, höchster Friede, selbstloser Dienst, grenzenloses Mitleiden, ewige Weisheit, sat, chit, ananda, moksha.“ Denn die Achtung vor Mutter Natur ist gleichbedeutend mit der Liebe zu bharat mata, Mutter Indien. Und der sind wir natürlich alle treu ergeben.