Grüezi Türken: Politikum Fußball?

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2008
Wenn die Fußball-Europameisterschaften am 4. Juni beginnen, stehen die Mannschaften auf dem Rasen stellvertretend für ihre Nation.

Die Unvorhersehbarkeit ist eines der wichtigsten Merkmale dieser mitreißenden Sportart - Fußball. Die Begeisterung für eine Mannschaft hängt nie allein mit ihrem Erfolg zusammen. Viel wichtiger sind beim Aufeinandertreffen zweier Teams jene historischen, kulturellen und sozialen Rivalitäten, die über das Sportliche hinausgehen. 

Die Hand Gottes gegen die Eiserne Lady

1986 war ein großes Fußballjahr: England gegen Argentinien und Maradona - die Hand Gottes - schreiben Sportgeschichte. Der argentinische Sieg, den Diego Armando alias Maradona überirdischen Kräften zuschrieb und die Engländer einem Foul, erhielt eine zusätzliche Bedeutung. 1982 hatte die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Argentinien und dem Vereinigten Königreich um die Falklandinseln begonnen. 

Maradona erklärte das Spiel in groben Zügen folgendermaßen: vom Mittelfeld aus dribbelte er den Ball an sechs Gegnern vorbei - darunter am Torhüter - und traf zum zweiten Mal ins Netz. Das schönste Tor in der Geschichte des Fußballs. Bei den Weltmeisterschaften in Frankreich standen sich beide Mannschaften erneut gegenüber. Die Südamerikaner gewannen wieder, aber weniger glanzvoll: diesmal nach einem Elfmeter. 

Ösis auf Siegeszug

Auch die Europameisterschaft 2008 hält einige bemerkenswerte Spiele bereit. Beispielsweise trifft das Gastgeberland Österreich in der Gruppe B auf Deutschland, den großen Bruder, in dessen Schatten sich die Österreicher oft glauben. Ein Sieg gegen die deutsche Nationalelf könnte eine Genugtuung für das Nachbarland sein.

©PeeperJohn/flickr

In der gleichen Gruppe spielt Österreich auch gegen Kroatien: Die slawische Mannschaft setzt alles auf Sieg, stellvertretend für die vielen im Burgenland lebenden Kroaten, die seit dem fünfzehnten Jahrhundert eine feste Gemeinschaft in Österreich bilden.

Podolski und Klose gegen Polen 

Eine heiße Partie wird auch Deutschland gegen Polen in Erwiderung des WM-Spiels 2006 in Dortmund sein. «Jeszcze Polska» (Für immer Polen) lauten die ersten Worte der Nationahymne, mit der die Polen ihre Landsmänner gegen Ballack und Co. anfeuern.Vor zwei Jahren hatten polnische Zeitungen in Bezug auf ein Fußballspiel gegen Deutschland zudem Anspielungen auf die Schlacht bei Tannenberg von 1410 (Sieg des polnisch-litauischen Heeres gegen die Preußen, A. d.R.) gemacht, um ihre Mannschaft anzufeuern. Bemerkenswerterweise sind zwei prominente Stürmer der deutschen Mannschaft, Miroslav Klose und Lukas Podolski, polnischer Herkunft.

Grüzi Türken

©Mike from Zurich/flickr Die Schweiz und die Türkei sind zwei weitere Fußballnationen, die sich warm anziehen sollten. 2005 wurden die Schweizer Fußballer am Flughafen von Istanbul in unwürdiger Weise empfangen und nach dem Match von türkischen Spielern verprügelt. Lokale Ordnungskräfte hielten sich bei der Schlichtung eher im Hintergrund. Unter anderem ein Fußballspieler und ein Assistent des nationalen Roten Kreuzes hatten den Streit angezettelt. 

In Basel gibt es 12.000 türkische Einwanderer, die sich in den achtziger Jahren im Rheintal angesiedelt haben. In einer Erklärung meinte der Basler Regierungspräsident, Guy Morin: «In den neunzig Minuten des Spiels treffen wir auf dem Feld als Gegner aufeinander. Aber die Zeit vor und nach dem Match sollten wir dazu nutzen, einander besser kennenzulernen, einander wirklich zu begegnen ».

Italia - Romania

Diesem „sportlichen“ Integrationsbeispiel könnte auch Italien folgen: Im Stiefel leben circa 500.000 Rumänen. Seit 2002 ist die Anzahl der Immigranten nach der Aufhebung der Visumpflicht weiter angestiegen. Die neue Regierung will nach dem Bossi-Fini-Gesetz und aufgrund der zunehmenden Sicherheitsprobleme die Schließung von Wohnwagensiedlungen sowie die Zwangsabschiebung von Kriminellen und Grenzblockaden verordnen. Gegenseitige Begegnung wäre eventuell auch eine Option gewesen - zumindest auf dem Spielfeld wird diese nun in die Tat umgesetzt.