Grüße an die Füße aus Sardinien

Artikel veröffentlicht am 24. März 2010
Artikel veröffentlicht am 24. März 2010
Unverzichtbar und doch sprachlich misshandelt: Quer durch Europa eint dieses Schicksal die Füße, ja sogar die Fußpfleger des alten Kontinents, die daraus nicht schlau werden und jeden Tag „mit dem falschen Fuß“ aufstehen.

Als kleines Kind begleitete ich meine Mutter auf Sardinien zur Fußpflegerin, einer ernst dreinblickenden, resignierten Frau. Jahre später verstand ich den Grund: die Füße. Als letzter Vorposten des Körpers werden die Füße in Italien stets schlecht gemacht. Jeder Ausdruck, der das Wort Füße enthält, verströmt einen schlechten Geruch, fast jeder. Auch die Fußpflegerin litt darunter.

Der erste Verdacht kam mir bei dem schnöden Kommentar der Lehrerin zu meinen Hausaufgaben: Il tuo tema è fatto con i piedi! ("Dein Aufsatz wurde mit den Füßen geschrieben!"), was in etwa so viel hieß wie "Du hast Blödsinn geschrieben".

Für den hoffnungsvollen Schriftsteller in mir war dies mindestens traumatisch. Noch klarer wurde mir alles, als mein betrunkener Fußballtrainer nach einer verpatzten Torchance von der Bank grölte: "Du hast zwei linke Füße!" (Hai due piedi sinistri!), was sich eigentlich auf das Tanzen bezieht. Ich stand im Abseits und meine Fußballträume starben zur selben Stunde.

Also schüttelte ich den Staub von den Füßen und machte mich am folgenden Tag vom Acker (levai dai piedi)! Mein Vater wollte das nicht hinnehmen. Niemand sollte mich derart missachten und mir den "Fuß in den Nacken setzen" (i piedi in testa).

Doch zurück zu den Fußpflegern, die auch im restlichen Europa leiden. In England und Frankreich kann es gar politisch werden: "Mit den Füßen abstimmen"(voter avec les pieds oder vote with your feet) bedeutet "gehen" oder sogar "das Land verlassen", weil Unterdrückung herrscht.

Wer in Spanien als gigante con los pies de barro ("Riese mit tönernen Füßen") bezeichnet wird, sollte nicht geschmeichelt sein: Hier wird einem trotz raschem Wachstum mangelnde Stabilität attestiert. Wer in England in meinen Bereich eindringt, is getting under my feet ("gerät mir unter die Füße") riskiert, unter die Räder zu kommen.

In Deutschland lassen sich die wackeligen Pläne eines Anderen als ohne Hand und Fuß niedermachen. Respektvollen Abstand halten Polen, Briten und Deutsche mit der Wendung: Moja stopa tam nie postanie (I wouldn’t set foot in there): da würde ich keinen Fuß hineinsetzen!

Ich aber stamme schließlich aus Sardinien, das die alten Griechen seiner Form wegen Sandalyon ("Fußabdruck") nannten - und ich liebe Füße! Vielleicht füßele ich deshalb so gerne und möchte damit weitermachen, bis ich mit einem Fuß im Grabe stehe oder sogar darinnen liege, wie es im englischen Sprachraum heißt: six feet under.