Grönland: das Fenster Europas zur Arktis schließt sich

Artikel veröffentlicht am 24. März 2009
Artikel veröffentlicht am 24. März 2009
Am 21. Juni 2009 wird Grönland noch etwas unabhängiger von Dänemark: Mittels Referendum wird den Einwohnern Grönlands ein neuer Selbstverwaltungsstatus zugestanden, durch den sie, neben ungefähr dreißig weiteren Kompetenzen, das Recht an ihren eigenen Energiequellen erhalten.

Welches Bild haben die Europäer von Grönland? Das einer Eiswüste. Und das ist nicht nur ein Klischee, denn es herrscht polare Kälte in diesem Gebiet mit der lächerlich geringen Bevölkerungsdichte (durchschnittlich 0,03 Einwohner pro km²), das geographisch zu Nordamerika gehört, politisch jedoch zu Europa. Am 25. November 2008 haben 75 Prozent der Grönländer in einem Referendum für eine stärkere Autonomie gestimmt, die am 21. Juni 2009, dem Nationalfeiertag, offiziell bestätigt wird. Tatsächlich handelt es sich hierbei um eine versteckte Unabhängigkeit: Die Rolle Dänemarks schwindet langsam zugunsten einer vollständig lokalen Verwaltung. Stellt sich die Frage nach der Zukunft der größten Insel der Welt, die sechsmal so groß ist wie Deutschland.

Ein strategisches Territorium, viermal so groß wie Frankreich, mit ungefähr 57.000 Einwohnern, mitten in der Arktis, kann ja nur Begehrlichkeiten wecken.

„Ein strategisches Territorium, viermal so groß wie Frankreich, mit ungefähr 57.000 Einwohnern, mitten in der Arktis, kann ja nur Begehrlichkeiten wecken“, so der Grönland-Spezialist Damien Degeorges. Angesichts des deutlichen Interesses von Forschern und internationalen Firmen - die meisten davon nordamerikanisch - am fabelhaften Energiepotenzial der Region, zweifelt niemand daran, dass sich Grönland auf die eine oder andere Art und Weise von der historischen Nähe des alten europäischen Kontinents befreien wird.

©Rita Willaert/flickr

Überseegrafschaft

Die Wikinger sind die ersten Europäer, die hier im Mittelalter landen und sich nach und nach das Land der Eingeborenen, der so genannten Inuit, aneignen. Im 16. Jahrhundert sollen sich die Portugiesen an der Ostküste der Insel eingerichtet haben. Während man Norwegen das Recht verweigert, die östliche Partie des Inlandseises in Besitz zu nehmen, hält Dänemark dagegen seine Kolonie isoliert und schützt sie somit bis 1940. Durch den Zweiten Weltkrieg aber wendet sich das Blatt: Die Grönländer nähern sich ihrem amerikanischen Nachbarn an. Nachdem sie eine Militärbasis in Thule (an der Westküste) eingerichtet haben, versuchen die Amerikaner mit Ende des Krieges, „Green land“ zum Spottpreis von 100 Millionen Dollar zu kaufen. Was abgelehnt wurde.

1953 erhält Grönland den Status „Überseegrafschaft“, und emanzipiert sich 1979 noch etwas mehr hin zum „autonomen Territorium“. 1982 allerdings dann das Wichtigste: Über ein Referendum entscheiden sich die Grönländer dafür, aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) auszutreten, um die Kontrolle über ihre immens großen Fischereizonen zu behalten. Und obwohl Dänemark in Europa verbleibt, tritt die grönländische Entscheidung 1985 in Kraft. Man könnte also an ein Abdriften Grönlands vom kontinentalen Vormund glauben. Aber nein!

Die Insel, die ihre eigene Rechtsprechung und ihre eigenen Behörden besitzt, behält den dänischen König als Staatschef. Darüberhinaus bleibt auch die Verwaltung der Diplomatie weiterhin in dänischen Händen (über Botschaften und Konsuln), auch wenn sich die Insulaner in einigen Gremien, wie dem Arktischen Rat, unabhängig präsentieren. Außerdem haben zwei grönländische Abgeordnete einen Sitz im Parlament von Kopenhagen. Vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen sind noch sehr eng zwischen den ehemaligen Kolonien und dem Mutterland (zwei Drittel des Handels), und die nationale Währung ist immer noch die dänische Krone. Im Übrigen ist die finanzielle Unterstützung durch den Mutterkonzern lebenswichtig für den Fortbestand des Landes. Sie beläuft sich auf mehr als 500 Millionen Dollar pro Jahr.

Der Vertrag von Greenland

©Martha de Jong Lantink/flickrIhre Lebenslinien laufen auseinander, dennoch haben Grönland und die Europäische Gemeinschaft seit 1985 Wert darauf gelegt, ihre Beziehungen durch den „Greenland treaty“ zu stärken. Dieses Paradoxon nimmt 2006 mit der Unterzeichnung einer Partnerschaft, die vor allem auf die „historischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen“ beider Parteien verweist, konkretere Formen an. Der Inhalt dieser Vereinbarung sieht eine fortlaufende finanzielle Hilfe seitens der Europäischen Union (38 Millionen Euro im Jahr 2008) zur Entwicklung verschiedener Bereiche in Grönland vor: wissenschaftliche Forschung, Bildung, Industrie, Fischerei. Im Gegenzug erhält die EU eine Ausweitung ihrer Fischereirechte auf die territorialen Gewässer der Insel.

Nach Jahrhunderten des Austauschs zwischen Europa und Grönland, wurde die von 50.000 Eskimos (85 % der Gesamtbevölkerung) hochgehaltene ererbte Tradition, das Eisfischen, die Robbenjagd, die Schlittenrennen oder die Musik, stark von westlichen Gewohnheiten geprägt. Das betrifft die Musik (Pop, Rock, Hiphop), den Sport, wobei hier Fußball und Handball am beliebtesten sind, sowie die Religion (der Lutheranismus hat sich durch Missionare seit 1721 durchgesetzt). Es gibt aber auch die Kehrseite der Medaille im sozialen Bereich: Alkoholismus, eheliche Gewalt, Vergewaltigung, Selbstmord sind hier ganz deutlich zu nennen. Nicht zuletzt ist die Sprache das beste Beispiel für das Vermischen der Kulturen. Nachdem Dänisch lange Zeit vorherrschte, hat sich inuit (kalaallisut) als einzige Sprache durchgesetzt. Das neue Regime, das im kommenden Juni Form annehmen wird, sieht übrigens vor, Grönländisch, eine Inuit-Sprache, zur offiziellen Sprache zu machen.