Griechische Jugend lässt sich nicht unterkriegen

Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2012
Par Maryse Williquet Übersetzt von Maike Wohlfarth Alles begann am 6. Dezember 2008, als Alexis im Viertel Exarchia mitten in Athen von der Polizei getötet wurde. Dies war in gewisser Hinsicht der Auslöser für eine wahre soziale Mobilisierung der jungen Griechen.
Neben diesem tragischen Ereignis waren es vor allem die Abwertung ihrer Diplome, und der Rückgang der Kaufkraft, die die „700-Euro-Generation“ auf die Straße trieben, um zu protestieren. Nun, drei Jahre später zeigt Europa auf Griechenland, das für die verheerende Krise, von der es gebeutelt ist, verantwortlich gemacht wird. Doch was ist aus den jungen Protestlern geworden und wie hat sich ihre derzeitige Situation angesichts der Krise und harten Antworten aus Brüssel verändert?

Die Sparmaßnahmen, die in den letzten Monaten beschlossen wurden, haben die Lebensbedingungen der Griechen in kaum vorstellbarer Art und Weise verschlechtert. Der Mindestlohn für junge Griechen liegt nun bei 595 Euro, anstatt bei 700. „Die Arbeitslosenquote erreicht 16 Prozent, was einen Anstieg um 50 Prozent im Vergleich zu 2010 bedeutet. Und bei den Jugendlichen ist sie doppelt so hoch (ca. 30%)“ Die Überqualifizierung der Jugendlichen bleibt eines der Hauptprobleme. Die meisten Studenten verbringen lange Zeit im Ausland, machen einen Master in Frankreich oder England und promovieren in den USA. Sie sprechen alle zwischen zwei und fünf Sprachen und sind schlussendlich überqualifiziert für die Posten, die ihnen der Markt bieten kann – wodurch sie gezwungen sind schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs anzunehmen.

19 Stunden am Tag arbeiten

Julia Manuel, 22 Jahre, Griechin, studiert derzeit in Brüssel.Wie viele junge Griechen will sie erst einmal in Belgien bleiben um für die EU zu arbeiten. „Ich habe Freunde, die in einer Bar in Athen kellnern.Sie sind um die Dreißig sind, arbeiten dort von 18 Uhr bis 4 Uhr morgens und stehen danach von 8 Uhr bis 17 Uhr als Verkäufer im Laden. Sie arbeiten also 19 Stunden am Tag und können trotzdem ihre Miete nicht bezahlen. Die Situation ist wirklich katastrophal“, erklärt Eine mögliche Lösung für frisch diplomierte Griechen ist es, in ein anderes Land zu emigrieren, das weniger von der Krise betroffen und in der Lage ist, und ein ihrem Fähigkeiten entsprechendes Gehalt zu bezahlen.

Aber es gehen nicht alle ins Ausland auf der Suche nach neuen Horizonten. Einige entscheiden sich auch dafür zu bleiben und mit innovativen Ideen einen Ausweg zu suchen. Vereinigungen junger Griechen etablieren neue Möglichkeiten zu arbeiten und zusammenzuleben. „Einige beschließen nach dem Studium nach Griechenland zurückzukehren, um Lavendel anzubauen und daraus Öl herzustellen. Andere wollen für die reichen Facetten ihres Landes werben um europäische Touristen anzuziehen …“, nennt Julia Manuel als Beispiele. Das soziale und/ oder landwirtschaftliche Unternehmertum erzielt ebenfalls einen beträchtlichen Erfolg.

Junge Griechen lassen sich nicht unterkriegen

Natürlich leiden die Griechen im Alltag an der Krise, aber sie geben sich nicht als tatenlose Opfer geschlagen. „Viele Studenten verlängern ihr Studium, weil sie auf die Straße gehen um für andere Dinge zu kämpfen als nur für die Ausbildung. Sie haben Forderungen und sie verhalten sich nicht passiv nach dem Motto: ,Alles ist schlecht und man kann nichts daran ändern“, erklärt Julia.

Mobilisierung in Griechenland, eine Frage der Geschichte

Griechenland hat nicht dieselbe Streikkultur wie der Norden Europas. Muss man daran erinnern, dass die Griechen vor nicht einmal dreißig Jahren noch unter einer Militärdiktatur litten? Nach dem Staatsstreich 1967 versuchte die Junta mit allen Mitteln jegliche Form von Widerspruch zu unterdrücken, aber die Zensur hinderte die Griechen nicht daran zahlreiche Demonstrationen gegen das Regime zu organisieren. Die Eltern vieler Jugendlicher wurden während der Diktatur gefoltert. Diese Erfahrungen verstärkten natürlich die Politisierung der griechischen Bevölkerung und machten die Mobilisierung und politische Forderungen zu einem Teil der nationalen Kultur.

Doch auch wenn die jungen Griechen nicht zögern auf die Straße zu gehen, bleibt die eigentliche Frage, ob sie wirklich etwas ändern können. Einige meinen, es handle sich eher um eine europäische, ja sogar um eine weltweite Krise, als nur um eine griechische. Und die Griechen wollen vor allem nicht auf diese Art und Weise vom Rest Europas im Stich gelassen oder ,schlimmer noch, gedemütigt werden. Denn viele Griechen empfinden vor allem eins: Schande. Erniedrigt von ihrer korrupten politischen Klasse, die eindeutig Klientelpolitik betreibt und die anscheinend nicht versteht, dass die Geduld ihres Volkes am Ende ist. Erniedrigt auch, von der Verhaltensweise Europas, das nicht aufhört, die Griechen zu beschuldigen ohne die gemeinsame Verantwortung anzuerkennen.

Die Lösung liegt in der neuen Generation

Währenddessen scheint Europa an einem Wendepunkt seiner Entwicklung angekommen zu sein, an dem sich Mut und politische Alternativen als notwendig erweisen. Und es scheint auch, dass die Jugendlichen hierbei eine gewisse Rolle zu spielen haben. Dies bestätigt auch Julia Manuel: „Die Antwort liegt in unserer Generation. Es gibt viele griechische Studenten, die sich dessen bewusst sind, dass man eine Alternative zum derzeitigen kapitalistischen System finden muss, dass man bei Null anfangen und etwas Neues, etwas Vernünftiges und Gerechtes schaffen muss.“