Griechische Fabel mit explosiver Moral

Artikel veröffentlicht am 21. September 2010
Artikel veröffentlicht am 21. September 2010
Es ist noch gar nicht so lange her, dass Griechenland es ins Zentrum der Erwartungen geschafft hat – der Finanzkrise sei Dank! Irgendwie hat das Land seine Ähnlichkeit mit der Grille aus Aesops Fabel bestätigt. Das faule Stück singt während des ganzen Sommers und macht sich über die Ameise lustig, die ihrerseits fleißig arbeitet.
Als der Winter kommt, hat die Grille das Nachsehen und muss, halb verhungert, jene Ameise um Hilfe bitten, deren Arbeitseifer sie lächerlich fand. Und das Ende der Geschichte lautet …?

Ironischerweise bietet die Fabel zwei mögliche Enden. Das eine ist glücklich und sieht vor, dass die Ameise und die Grille in trauter Zweisamkeit den Winter verbringen. In der anderen - sehr viel dramatischeren - Version lässt die Ameise die Grille kaltblütig sterben.

Aesop ist der Urheber der Erzählung, der Franzose de la Fontaine machte sie berühmt

Stellt euch nun vor, die Ameise symbolisiere Europa. Und am Anfang des Winters klopft die Grille, größtenteils repräsentiert durch Griechenland, an die europäische Tür und braucht Hilfe. Nach einer kollektiven Beratung im „Ameisenhaufen“ beschließt Europa letztendlich, die Grille aufzunehmen. Darauf ein Sekt! Aber was, wenn die Grille dafür verpflichtet würde, der Ameise im Sommer Trauben zu zahlen, als Dank für ihre Gastfreundschaft? Das würde alles ändern, oder?

Um es kurz zu machen: Diese kleine Fabel beschreibt wunderbar die Beziehung, die Griechenland aktuell mit den einflussreichsten Mitgliedstaaten der EU unterhält, besonders Frankreich und Deutschland. Die harmlosen Trauben symbolisieren nicht weniger als richtige Waffen.

"Eine Schweinerei", findet Daniel Cohn-Bendit

Am 4. Mai behaupteteDaniel Cohn-Bendit, Co-Präsident der Fraktion der Grünen/ALE im Europäischen Parlament:„Eines der größten Probleme Griechenlands betrifft seine Haushaltsausgaben, die für die Verteidigung draufgehen. Fast 4,3% des griechischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist für diesen Sektor vorgesehen.“ Und erklärte: „Warum zwingt man die Griechen, weiterhin Waffen zu kaufen? Weil, wenn sie davon weniger kaufen würden, die Franzosen und Deutschen Angst hätten, dass die Türken ebenfalls weniger kaufen. Das ist scheinheilig, man könnte sogar von einer Schweinerei sprechen.“

Zumal die Zahlen dies tatsächlich bestätigen. Die Militärausgaben Griechenlands (6 Milliarden Euro), auf das BIP bezogen, wären die höchsten der Europäischen Union (EU) im Jahr 2010. Das sagt der Jahresbericht des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (SIPRI). Aktuell werden 2,4% des BIP in den Verteidigungssektor investiert - der Durchschnitt anderer europäischer NATO-Länder liegt bei 1,7%. Was die Truppenstärke betrifft, befinden sich 100.000 Frauen und Männer im Dienst der Bodentruppe, 18.800 in der Marine und 26.800 in der Luftwaffe. Macht 2,9 Prozent der aktiven griechischen Bevölkerung, während es in den anderen NATO-Staaten (nur) 1,7% sind.

Wieviel Euro für's Militär?

Weiter heißt es in dem Dokument des SIPRI, die griechische Regierung kaufe den Großteil ihrer Rüstung über die Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland. Und es scheint, als hätte sich Griechenland wieder mehr auf den „Alten Kontinent“ zurückgezogen. In der Tat gingen 2003 ganze 67% des Budgets für die Armeekräfte in Richtung der Amerikaner und nur 11% an das deutsch-französische Paar. Diese Situation hat sich geändert, seit Griechenland der Euro-Zone beigetreten ist: Deutschland ist nun Empfänger von 31% der Militärausgaben, Frankreich kriegt 24 Prozent ab. Wie soll man diese Zahlen vor dem Hintergrund der astronomisch hohen griechischen Staatsschulden interpretieren? Dem Medientenor des Landes zufolge ist das Militär-Budget unantastbar - unter dem Vorwand, das hellenische Volk müsse mit der ständigen Bedrohung durch die Türkei leben. Aber es ist interessant, die Scheinheiligkeit zu berücksichtigen, von der Cohn-Bendit spricht.

Denn, trotz der großen Darlehen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der EU, von denen Griechenland profitiert, ist es legitim sich zu fragen: Soll die „bewaffnete“ Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten tatsächlich das Fundament einer friedlichen Gemeinschaft sein? Vielleicht sind wir alle ja nur Protagonisten einer Fabel, wo die Moral zwischen Raketen und Gewehren sehr viel weniger spielerisch ist als die von Aesop.

Fotos: Artikellogo (cc) Dramatic/flickr; Die Grille und die Ameise (cc) EmilyValenza/flickr; Video ©FilmTrailersChannel/YouTube