Griechenlands Fantaros: Widerwillig zum Wehrdienst

Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2016

Für viele junge Griechen ist der obligatorische Militärdienst ein Verlust von Zeit, Energie und Geld. Aber in der Zeit entstehen auch enge freundschaftliche und solidarische Beziehungen. Zwischen Angst und Hoffnung, Impro und Prekariat erzählen Kostas, Spyros und Alexandros* was es bedeutet, heutzutage in Griechenland ein Fantaros zu sein. 

Wer von euch zwei Nationalitäten hat, weiß, wovon ich spreche. Alljährlich fahre ich nach Griechenland, um den Teil meiner Familie zu besuchen, der dort wohnt. Ich fülle auf, was mir von meiner zweiten Nationalität gefehlt hat, spreche die Sprache und kehre dann wieder nach Frankreich zurück - mit Koffern voller Oliven, Feta und Honig. Aber dieses Mal fehlte jemand, als ich das Familienhaus betrat, um meine Großmutter, meine Tante und meine Cousins und Cousinen zu begrüßen. Mein Cousin Nikos, mit dem ich vor 26 Jahren getauft wurde, ist jetzt Fantaros

Das Phänomen der Fantaros

φατναρος - so nennt man auf Griechisch diejenigen, die ihren Zivildienst leisten. In Griechenland ist er für jeden Mann zwischen 19 und 45 Jahren verpflichtend. Ob es den Hellenen nun gefällt oder nicht, der Ursprung des Wortes ist nicht griechisch. φατναρος leitet sich aus dem Italienischen ‘fanteria‚ her und hat seine Wurzeln im Lateinischen ‘infante‚, das im Mittelalter junge  Soldaten oder Infanteristen bezeichnete. Nach dem Aufstand von Goudi griechischer Offiziere 1909 wurde der Militärdienst in der Verfassung verankert - kurz bevor auf dem Balkan der erste Weltkrieg ausbrach. Ein Jahrhundert später, im Jahr 2009, wurde die Dienstdauer für die Bodentruppen von 12 auf 9 Monate verringert, was praktisch alle Militärdienstleistenden betrifft. 

Wie viele leisten jedes Jahr ihren Dienst ab? Sicher einige Millionen jährlich. Im Verteidigungsministerium werden die Zahlen der Militärs und der Militärdienstleistenden vertraulich behandelt. „Die Rekrutierung verläuft in mehreren Phasen: Alle zwei Monate beginnen neue Rekruten ihren Militärdienst. Aufs Jahr verteilt gibt es somit 6 Ausbildungsgänge“, erklärt Kolonel Nikolaos Fanios, Sprecher der Hauptstelle der griechischen Armee. „Im September haben wir die Gruppen mit den meisten Rekruten.“ Wenn die Gruppe im Juni vom Dienst befreit wird, können die Fantaros im Herbst mit ihrer Ausbildung fortfahren und davor noch den Sommer genießen.

September 2016. Das ist genau der Moment, in dem mein Cousin  in die Armee eintrat. Die Haare geschnitten, den Bart abrasiert tauschte er sein ziviles Auftreten gegen das der Fantaros ein und schmückte seine Mütze mit den Farben der griechischen Flagge. Bevor die Rekruten zu Militäreinheiten geschickt werden, die auf ganz Griechenland verteilt sind, bekommen sie eine vierzigtätige Ausbildung in einem der elf Vorbereitungszentren für neue Rekruten im Land, die auch ‘KEN‘ genannt werden. So ist es zumindest theoretisch, denn für Nikos und die anderen Rekruten im Ausbildungszentrum dauerte die Vorbereitung drei Monate - Schuld daran ist die Krise. Am 30. September erhielten alle die Erlaubnis, nach Hause zurückzukehren. Fünfzehn Tage lang hat Nikos frei, bevor er wieder aufbrechen muss - für mich die Gelegenheit, ihn zu sehen. 

Nachdem er drei Tage damit verbracht hat, zu schlafen, ist Nikos wieder ansprechbar. Wir treffen uns mit zwei weiteren Freunden, die er in der Armee getroffen hat: 13 Uhr, auf dem Agia Irini-Platz, einem Hipster-Treffpunkt. Eigentlich sollten es zwei Freunde werden, dann sind da aber zwanzig Kumpel. Und so finde ich mich an einem Tisch inmitten von jungen Männern wieder, die sich darüber freuen, zum ersten Mal wieder in Zivil zu sein. Es wird viel bestellt, der Tisch füllt sich: freddo, Cappuchino, frappé, Milchshakes, griechischer Kaffee und Tabak. „Jetzt trinkst du einen Milchshake?! Das hast du aber nicht in der Armee getrunken, oder?“ Man denkt an die schönen und an die schlechten Momente zurück. Die Inneneinrichtung erinnert an eine Schule und verstärkt den Pauseneindruck. Die Fantaros genießen ihre Freiheit.

Das Leben im KEN

Den Militärdienst machen sie widerwillig. In dem Ausbildungszentrum, in dem sie sich getroffen haben, haben sich Spyros und Alexandros ein Stockbett geteilt: „Die großen unten, die kleinen und leichten oben!“, scherzte Spyros, der mit seinen 1 Meter 80 natürlich unten schlief. Kostas, 27, war im gleichen Zentrum, schlief aber in einem anderen Bett – und ist der älteste der drei Freunde: „Vor dem Eintritt in die Armee hatte ich Angst, dass diejenigen, die mir Befehle geben würden, viel jünger sein würden als ich“, erklärt er mir. Auch Alexandros hatte Vorbehalte, aber aus einem anderen Grund: „Ich habe viele Geschichten gehört. Man hat mir davon erzählt, dass es dort viele Drogen gibt, viele unangenehme Typen, abgelaufenes Essen… Letztendlich war es aber wie auf einem großen Ferienlager.“ Mit einem kleinen Unterschied. 

Im Trainingszentrum beginnen die Tage sehr früh. „Gegen fünf Uhr morgens musste man aufwachen, um sich anzuziehen und einsatzbereit zu sein“, erinnert sich Spyros. Jeden Tag hat jeder Militär eine oder mehrere Aufgaben zu erfüllen. Alexandros war für die Organisation verantwortlich: „Ich stand in Kontakt mit zehn Truppenführern. Ich musste ihnen kommunizieren, wann es Essen geben würde, wann dieses oder jenes Training abzuhalten wäre.“ Zu seiner großen Erleichterung entging Kostas den jungen Befehlshabern und verbrachte die meiste Zeit mit Spyros in einem Büro: „Wir haben in alphabetischer Reihenfolge Aufgaben auf die anderen Rekruten verteilt, haben Ausweise mit Erkennungsmarken hergestellt, Etiketten aufgeschnitten.“ Jeder musste mit anpacken.

Der Militärdienst ist für das Leben eines jungen Griechen wie ein eingeschobener Nebensatz. Für Alexandros, der gearbeitet hat, seit er 18 Jahre alt war, ist der Aufenthalt im Zentrum eine Möglichkeit, sich auszuruhen: „Ich habe die Freizeit am Nachmittag genossen, um nichts zu tun“, erinnert er sich. Aber auch das Nichtstun hat seinen Preis. Ab 20 haben die meisten der Fantaros einen Job oder eine andere bezahlte Beschäftigung, die nur schwer oder gar nicht mit dem Dienst vereinbar ist. „Während dieser ersten Wochen habe ich nicht arbeiten können“, bedauert Alexandros, ein Fußballtrainer der Akademie Olympiakos. „Für mich war der Militärdienst eine Unterbrechung.“

Mit seinem festem Vertrag bei einer international anerkannten Sportmarke, konnte sich Spyros glücklich schätzen: „Sobald ich meinen Militärdienst beendet hatte, konnte ich meinen Arbeitsplatz im Laden, in dem ich als Verkäufer gearbeitet hatte, wieder aufnehmen. Hätte ich keinen festen Vertrag gehabt, hätte ich den Arbeitsplatz sicher verloren.“ Bei Kostas sieht es anders aus: „Sobald ich wusste, wann ich in die Armee eintreten müsste und wann ich die Bewilligung auf einen Heimaturlaub hätte, habe ich mich organisiert und die Publikationen meiner Kunden für den kommenden Monat festgelegt.“ Kostas arbeitet freiberuflich als Social Media Marketer. Und er hat wirklich keine andere Wahl: Er riskiert viel, wenn er nicht im Voraus plant. 

Die Tricks und der Visma

Man weiß sich zu helfen, jeder auf seine eigene Art und Weise. Kostas mobilisiert seine Facebook-Community um ein Visma zu finden: „Ein Visma ist eine politische oder militärische Persönlichkeit, die dir hilft, die Dinge zu vereinfachen“, erklärt er. „Wenn du einen Visma hast, verläuft dein Militärdienst besser. Normalerweise schickt man dich nach deinem ersten Monat in der Armee an Orte weit weg von der Hauptstadt. Ich hätte beispielsweise in Zentren auf Evros, Chios oder Kos in der Nähe der türkischen Grenze gehen müssen.“ Mithilfe des Vismas wird Kostas den Beginn und das Ende seines Militärdienstes unweit von Athen ableisten. Das macht es einfacher, nebenher zu arbeiten.

Alexandros hat sich für eine andere Strategie entschieden: „Ich hatte einen schwachen Visma, jemanden, der mich nicht sehr lange kannte. Um nicht nach Evos gehen zu müssen, habe ich gebeten, nach Zypern geschickt zu werden, wo ich monatlich 270 € verdient habe, anstatt 8€ irgendwas zu bekommen [in Griechenland erhalten die Rekruten monatlich symbolisch 8,80€ um gewisse Ausgaben zu decken, Anm. d. Red.]. So kann ich von dem Geld leben.“

Was werde ich denn lernen? Staub wischen?

Aber sogar für diejenigen, die nicht bis nach Zypern gehen, hat der Wehrdienst seinen Preis. So wie in der Schule, wird auch hier eine Liste mit benötigter Ausstattung an die neuen Rekruten vor ihrem Eintritt ins Zentrum ausgehändigt: „Ein Schlafsack, Medikamente … - alles Dinge, die von der Armee nicht übernommen werden. Man gibt dir nur die Kleidung und die Stiefel“, betont Spyros verärgert. Zu den anfänglichen Ausgaben kommen immer wieder Ausgaben für Essen und Reisen hinzu. In 17 Tagen hat Spyros weitere 150€ ausgegeben: „Das ist viel“, gibt er zu. „Aber wenn du die Möglichkeit hast, das Zentrum immer wieder zu verlassen und etwas anderes zu essen, als das, was sie dir beim Militär geben, oder einfach nur in der Pause mit anderen Fantaros einen Kaffee zu trinken, dann gibst du einfach Geld aus.“ In Zeiten der Krise bedeuten diese Ausgaben viel für die jungen Griechen: „Selbst wenn es mir peinlich ist, ich bin finanziell von meinen Eltern abhängig. Mit der Armee verlierst du viel Geld, und das, wo du bereits viel verloren hast“, bereut Spyros.   

Abgesehen von den finanziellen Kosten, ist es die Nutzlosigkeit des Dienstes, die die Rekruten ärgert: „Was werde ich lernen? Staub wischen? Das habe ich daheim auch getan. Kochen? Das kann ich schon“, sagt Spyros. Obwohl er im Grunde der Meinung seines Freundes zustimmt, glaubt Kostas, dass die Aufgaben für manche hilfreich sein können: „Ich habe gesehen, dass manche Rekruten in der Armee gelernt haben, ihre Schuhe zu putzen oder ihr Bett zu machen“, sagt er mir. Wenn der Militärdienst einen Sinn macht, dann weil er verschiedene Menschen aufeinander treffen lässt: „Du triffst die verschiedensten Menschen“gibt Kostas zu. „In unserer kleinen Gruppe sind wir hauptsächlich aus Athen, aber es gibt euch Menschen aus Kreta, oder Stelios, aus Thessaloniki.“ Diese Treffen kompensieren das Gefühl der Nutzlosigkeit. 

„Den Dienst beenden, so schnell wir möglich“

Die drei Freunde denken jetzt schon an das Ende des Militärdienstes. Alexandros bleibt optimistisch: „Nach diesen acht Monaten kommt der Sommer. Ein perfekter Moment, um Personal Trainings zu erhalten.“ Auf lange Sicht will ich nach Großbritannien oder Spanien, in Länder, wo die Arbeit besser honoriert wird. Dort ist auch der Militärdienst nicht verpflichtend, wie in der Mehrzahl der europäischen Länder [er ist noch in sieben europäischen Ländern verpflichtend, Anm. d. Red.]. Ähnlich geht es Spyros : „Ich will einfach den Dienst beenden und meine Arbeit wieder aufnehmen, um wieder unabhängig zu sein.“ Kostas plant seine Ferien: „Ich habe den Dienst im September begonnen, um im Sommer ausspannen zu können. Im Juni bin ich für einige Zeit am Ägäischen Meer!“

Kann das griechische Beispiel als Warnung oder Vorbild verstanden werden, zu einer Zeit, da der verpflichtende Militärdienst angesichts einer wachsenden Zahl bewaffneter Konflikte wieder zeitgemäß erscheint? Für Politiker, die von einer Rückkehr der Wehrpflicht sprechen, könnte es sinnvoll sein, gen Osten zu schauen. Kostas, Nikos und Alexandros sprechen sich dagegen aus: Die Militäruniform bietet keinerlei Bestätigung und führt stattdessen die Sinnlosigkeit, mit der die europäische Jugend momentan konfrontiert wird, noch weiter vor Augen. Der Militärdienst bietet nur die Möglichkeit, andere zu treffen, denen es genauso geht, mit denen sie ihre Zweifel und Ängste teilen können.

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* Die Namen der Personen wurden geändert.