Grenzschmuggler: Berliner Kurier im Kalten Krieg

Artikel veröffentlicht am 9. November 2014
Artikel veröffentlicht am 9. November 2014

Wie fühlt es sich an, einer Familie aus dem kommunistischen Regime der DDR geholfen zu haben? Wie war es, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, in der Hoffnung, dass sie danach eine bessere Zukunft erwartet? Cafébabel sprach mit einem ehemaligen westdeutschen Untergrund-Schmuggler, der Menschen über die Grenze half. 

Es sind Geschichten wie aus einem Film: Menschen werden aus einem kommunistischem Land über die Grenze geschmuggelt, das dafür bekannt ist, in die Herzen und Köpfe seiner Bürger nichts als Angst zu pflanzen. Aber die Realität des vierzig Jahre andauernden DDR-Regimes ist alles andere als filmreif. Von 1949 bis 1989 gab es zahlreiche Untergrundorganisationen, die versuchten, das Unmögliche möglich zu machen und den Menschen eine Chance auf Erfolg und Zufriedenheit außerhalb der Kontrolle des diktatorischen Staates zu bieten. 

Kurier im Kalten Krieg

Klaus Hafner* war 41 Jahre alt, als er einen Anruf von seiner Cousine Anna erhielt. Sie war damals Doktorandin in Ostberlin, ihr Vater ein eifriger Kommunist, der eine Position in der DDR-Hierarchie innehatte, die es ihm ermöglichte, entscheidende Hebel in Bewegung zu setzen. Aber diese Hebel tatsächlich in Bewegung zu setzen und anderen zu helfen, die DDR zu verlassen, stand selbst in Bezug auf seine Tochter außer Frage. Abgesehen von der Tatsache, dass er sich selbst einen westdeutschen Pass besorgen konnte, um Reisen in die Schweiz zu unternehmen.

Da Klaus die heikle Situation zwischen Anna und ihrem Vater kannte, buchte er sofort einen Flug nach Westberlin, als Anna ihn anrief, weil sie ihn „unbedingt“ sehen musste. Als Klaus sich mit ihr in seiner Wohnung in Ostberlin traf, gestand sie ihm, dass sie eine Affäre mit ihrem Doktorvater habe und über mehrere Ecken erfahren habe, dass er nach Westberlin geflohen sei. Nun hoffte sie, dass Klaus ihr helfen könne, ihn ausfindig zu machen und herauszufinden, wie er geflohen war. Sie wollte auch nach Westberlin, um endlich wieder mit ihm vereint zu sein.

Die Liebe war natürlich nicht der einzige Grund für Annas Fluchtplan aus Ostdeutschland. Sie fühlte sich durch die ständigen Verdächtigungen ihres Vaters, sie sei nicht wirklich regimetreu, bedrängt und hatte Angst, dass der Vater sie an die Stasi verpfeifen würde. „Als ich zurück nach Westdeutschland kam, begann ich sofort, mich umzuhören“, erzählt Klaus. „Ich wusste, Annas Liebhaber war ein Professor, also schaute ich in den Registern der Universitäten des Landes nach. Schließlich fand ich ihn in Tübingen und rief ihn an.“

Professor Meier wusste sofort, wer ihn da anrief. Denn Anna hatte ihm bereits erzählt, dass sie einen Cousin in Westdeutschland habe. Er lud Klaus nach Tübingen ein. Klaus nahm die Einladung an. So begann seine Karriere als Schmuggler. „Professor Meier stellte für mich einen Kontakt zu einer Organisation her, die Leute von Ost- nach Westdeutschland schmuggelte. Von da an lebte ich ein Doppelleben. Nur meine Eltern wussten Bescheid und sorgten sich beinahe zu Tode um mich. Aber was würdet ihr machen, wenn euch eure Familie um Hilfe bittet?“

Nach einigen Wochen der Vorbereitung wurde er endlich zum Kurier für dringliche Nachrichten. Zuerst musste er sich die Nachrichten merken, da jede Art von Brief oder Dokument auf die Organisation zurückgeführt hätte werden können und ihn so in Schwierigkeiten gebracht hätten.

Code-Wort Italien

Klaus reiste zurück nach Ostberlin und übermittelte seine erste Nachricht. „Ich sagte ihr, dass es Fritz (Professor Meier) gut geht und wo er war und dass wir ihr helfen würden, die Grenze zu überqueren. Zu allererst war sie erleichtert. Aber ich konnte aus ihrem Blick schließen, dass sie auch aufgeregt war. Doch es gab eine Bedingung: Auch ihr Ehemann und ihre Tochter müssten rübergeschmuggelt werden. Davon schien Anna nicht so begeistert. Aber sie verstand es. Sie verstand, dass ihr Ehemann und ihre Tochter in große Schwierigkeiten kommen würden, wenn sie allein zurückblieben. Rückblickend weiß ich nicht, ob ich ihre verantwortungslose Art hätte dulden sollen, aber zu der Zeit hatte ich auch größere Probleme.“

Klaus Hafner übermittelte ihr dann einen Code, den sie per Telefon entschlüsseln musste, um den Treffpunkt zu bestätigen. „Italien“ war zum Beispiel ein Code für „Leipzig“, eine bestimmte Anzahl an Wochen war der Code für den entsprechenden Tag des Monats und ein bestimmter Tag des Monats der für die Uhrzeit. Den konkreten Ort in Leipzig hatte Klaus schon persönlich mitgeteilt. Und Anna sollte unbedingt einen Strauß Rosen dabeihaben, damit die Empfangsperson sie erkennen würde.   

„Einige Wochen später rief ich Anna an. Zuerst redeten wir über Belanglosigkeiten, um sicherzugehen, dass die Stasi nicht mithörte. Dann sagte ich ihr, dass ich für sechs Wochen nach Italien fahren würde, um dort einen Freund zu besuchen. Und zwar am 14. Juni. In anderen Worten: Sie wusste, dass sie am 6. Juni um 14.00 in Leipzig sein musste.“ Am 6. Juni ging Klaus also zum Haus seiner Schwester, wo seine Cousine anrufen wollte, sobald sie Westberlin erreicht hatte. Der Anruf war kurz, aber sie war außer sich vor Freude. Klaus Schwester nahm den Hörer ab. Als er den strahlenden Gesichtsausdruck seiner Schwester sah, lief ihm ein Schauer den Rücken runter und Tränen schossen ihm in die Augen. Er hatte es geschafft. Er hatte es geschafft, ein Familienmitglied aus den Fängen des kommunistischen Staates zu befreien.

Auf der anderen Seite

Doch die Stimmung blieb nicht so ausgelassen. Nach ein paar Jahren wurde Anna in Westdeutschland sehr erfolgreich. Sie wurde Doktorin, machte Karriere. Sie kaufte sich einen BMW und nahm eine bestimmte Geisteshaltung an, die in erster Linie ihrer Tochter schadete. Diese hätte in diesen wichtigen Jahren ihrer Entwicklung eine Mutter gebraucht, die sich kümmern kann. Einmal ging Klaus mit Claudia [Annas Tochter] spazieren. „Ich fragte sie, wie es ihr ginge, wie es in der Schule lief... ganz normale Fragen, die man so stellt, wenn man sich lange nicht gesehen hat. Sie begann daraufhin zu erzählen, wie schlecht sie mit ihren Eltern zurecht kam, weil ihre Mutter niemals für sie da war und der Vater ein Schlappschwanz sei. Sie sagte, sie wollte zurück nach Ostdeutschland. Als ich sie fragte, was denn so gut am Osten sei, sagte sie nur, dass die Leute dort gemeinschaftlicher leben und sich gegenseitig mehr unterstützen.“

Zwei Wochen später verschwand sie. Klaus erhielt einen Anruf von ihrem Vater, der fragte, ob er wüsste, wo sie wäre. Er erwähnte den Osten nicht, aber er nahm aufgrund der vorangegangenen Unterhaltung an, dass sie dort sein könnte. Einige Tage später wurde Claudia tot in einem Hotelzimmer in Westberlin aufgefunden. Sie hatte noch nie in ihrem Leben Alkohol getrunken, aber zu diesem Anlass hatte sie eine ganze Flasche Wein und eine Packung Pillen in sich hineingekippt, die sie vorher von ihrer Mutter geklaut hatte.

„Ich habe nie rictig verstanden, warum sie das getan hat. Aber ich vermute, dass sie begriffen hatte, dass sie nicht mehr zurück konnte. Sie wusste, wäre sie zurückgegangen, würde sie von der Regierung als Geisel gehalten, um die Eltern zu erpressen, auch nach Ostdeutschland zurückzukehren. Alles in allem gab es viele Doktoren, die in dieser Zeit aus Ostdeutschland geflohen sind. Die DDR-Regierung hätte alles getan, um eine Doktorin wie Anna zurückzuholen. Zurück zu ihren Eltern konnte wiederum Claudia aber auch nicht in diesem Moment. Sie muss sich in einer sehr verzweifelten Lage befunden haben.“ Claudia war erst 20 Jahre alt und würde nie etwas vom Fall der Mauer erfahren.

Euphorie über die Wiedervereinigung

Die Geschichte von Klaus Hafner ist nur eine von vielen. Aber sie steht beispielhaft dafür, dass diktatorische Staaten langwierige Auswirkungen auf die Menschen haben, die ein erfülltes Leben führen wollen. Einige Jahre später konnte auch Anna nicht mehr damit leben, dass sie womöglich für den Tod ihrer Tochter verantwortlich war. Sie erhängte sich. Klaus schweigt zu seinen Gefühlen bezüglich dieser Selbstmorde, aber er spricht davon, wie überglücklich er bei der Wiedervereinigung war: „Ich bin so froh, dass heute niemand mehr in Deutschland solche Qualen erdulden muss.“ 

*Alles Namen wurden zum Schutz der betreffenden Personen abgeändert

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