Gott ist ein Gangster

Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2005
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Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2005

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Mit Lars von Trier hat Dänemark einen Filmemacher, der Obsessionen und Passionen faszinierend erzählen kann.

In Europa (1991) fährt ein kafkaesker Zug durch nächtliche Schwarzweißlandschaften. Doch das Europa Lars von Triers ist in Wirklichkeit nicht Europa, es ist vielmehr Deutschland im Jahre 1945, das aber auch nicht Deutschland ist - sondern jener düstere Zug. Der Zug symbolisiert vieles – von den Transporten in die Konzentrationslager, über die Banalität des Bösen, bis hin zur generellen Ziellosigkeit und Vergeblichkeit verantwortlichen, menschlichen Handelns. Von Trier bedient sich aus Elementen des deutschen Stummfilms der 20er Jahre sowie des film noir und reichert sie an mit subtilen Farbeinsprengseln und verblüffender, vielschichtiger Bildkomposition. Von Trier beweist in Europa, dass er alle Register der Filmgestaltung virtuos beherrscht und sein Abschied von solch technischer Schönheit und Perfektion ein kalkulierter und bewusster war. Später wird man dem Dänen Amerikafeindlichkeit vorwerfen, doch von ungebrochener Liebe zu Europa spricht dieser Film wahrlich nicht…

Leidensgeschichten aus Leidenschaft

In Europa tritt von Trier selbst in einer kurzen Szene als ein Jude auf, der in einem bizarren Ritual einen Deutschen entnazifiziert. Die Wahl der Rolle ist kein Zufall: Aufgewachsen in dem Glauben, Sohn eines Juden zu sein, erfährt von Trier nach dessen Tod, dass er gar nicht sein Vater war. Die verwickelten Umstände seiner Jugend lassen ihn aus einem reichen Arsenal von Phobien und Obsessionen schöpfen - unter anderem plagt ihn extreme Flugangst.

Ebenfalls aus Motiven seiner Kindheit entspringt das Thema seiner Golden heart-Trilogie: Weibliches Märtyrertum, variiert in drei höchst unterschiedlichen Filmen. Zunächst Breaking the waves (1997), sein erster großer internationaler Erfolg. Die grandiose Emily Watson führt uns das Martyrium bis in letzte Konsequenz vor – zu viel für manchen Zuschauer, der zudem am Ende wie vor den Kopf geschlagen ist: Die Glocken läuten im Himmel – meint der Katholik von Trier das wirklich ernst? Oder treibt er womöglich nur ein kalkuliertes Spiel, inszeniert Versuchsanordnungen, die den Zuschauer mit eingeschließen?

Danach gelang mit Idioten (1998), basierend auf einem Dekalog archaischer Filmprinzipien, die von Trier mit vier Regie-Kollegen zusammen ausheckte, ein höchst unterhaltsam irritierendes Filmexperiment. Das dänische Dogma regte eine junge Generation von Filmemachern zu einem neuen Denken an. Lars von Trier führte bei Idioten selbst die Handkamera und etabliert eine Methode nicht gekannter Intimität mit den Schauspielern. Das Ergebnis ist erstaunlich, grenzüberschreitend und natürlich auch etwas wirr.

Auch bei Dancer in the dark, dem mit der goldenen Palme preisgekrönten Anti-Musical, verfolgt Lars von Trier die Märtyrerin Björk mit dem Kameraauge. Die bedeutendsten Momente des Films sind die Musicaleinlagen: Aus Geräuschen entsteht Musik im Kopf der aus der Realität flüchtenden Selma/Björk, ihre Umwelt wird zu noch nie gesehenen Tanz- und Musiksettings. In diesen Szenen gewinnt der Film eine einzigartige Ausdruckskraft.

Von Europa nach Amerika

Mit Dogville (2003) erreicht von Triers Filmschaffen seinen vorläufigen, virtuosen Höhepunkt. Nicole Kidman wird auf die Menschheit, repräsentiert durch die Einwohner des amerikanischen Kaffs Dogville, losgelassen, um sie zu prüfen, was aber weder die Dorfbewohner noch der Zuschauer anfangs ahnen. Es ist ein Wunder, wie es Lars von Trier schafft, über drei Stunden zu fesseln, mit einer bühnenartigen, kargen Ausstattung und etlichen Hollywood-Stars, die niemals wie solche aussehen. Und diesmal wird der Zuschauer am Ende nicht vor den Kopf gestoßen – oder hatte jemand etwas anderes erwartet, als dass Gott ein Gangster ist…?

Dieses Meisterwerk ist nur der Auftakt einer Amerika-Trilogie, die mit Manderlay dieses Jahr ihre Fortsetzung findet. Amerika wird nicht als konkretes Land reflektiert, sondern vielmehr als eine global gewordene Idee, an der sich alle Welt orientieren muss – sei es durch Aneignung oder Ablehnung. „Ich habe in meinem Leben mehr über Amerika gehört als über Dänemark“, sagt von Trier, der nie in den USA war. „Ich bin Teil des amerikanischen Lebens.“

Er möge das europäische Kino nicht mehr, behauptet Lars von Trier, die Filme seien ihm zu amerikanisch. Hollywood ist längst ein globales Prinzip geworden und Lars von Trier setzt sich damit auseinander – indem er es konterkariert und gleichzeitig seine Mechanismen integriert. Seine Stars sind eine internatonale Mischung, seine Themen universell und zeitlos, seine filmischen Mittel aber individuell mit europäischen Wurzeln. Sein Verzicht auf eindeutige Wahrheiten ist Ausdruck der Zeit – und etwas, das man gerne in Kauf nimmt, so lange seine Irritationen so kunstvoll sind, wie nur er sie schafft.