Gott existiert. Und er ist Argentinier

Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2004
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Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2004

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Nietzsche irrte - dies lehrt die argentinische Theologie. Im Gegensatz zu allen anderen Religionen, in denen das Abstrakte im Mittelpunkt steht, gibt es im südlichsten Land der Erde einen Glaubenskult, der allein auf konkreten Tatsachen beruht.

Diese Tatsachen nennt man Dribbeln, Kopfball und unmögliche Tore. Der Jongleur, der sie zustande bringt, ist ein Gott. Und sein Name lautet: Diego Armando Maradona. Daher handelt es sich beim Fußball aus der argentinischen Pampa nicht um Sport, pures Vergnügen oder um Zeitvertreib. Denn mit der Religion spielt man nicht. Und wie in jeder Religion hat auch die des Fußballs ihre Heiligen und Jünger. Batistuta, Saviola, Caniggia und viele andere widmeten sich ihrer Verbreitung in der ganzen Welt und haben ihre Altare in den entlegensten und nördlichsten Regionen der Erde aufgebaut.

Es wurden unzählige Essays und Arbeiten geschrieben, um die Gründe für diesen Kult begreifbar zu machen. Abseits des Millionengeschäfts, das bei jedem getroffenen Tor seine Finger im Spiel hat, und das in dieser Geschichte die Personifikation des Bösen ist, gibt es einen viel bedeutsameren Grund, der mit der Eigentümlichkeit jenes Volkes tief verwurzelt ist. Fußball schafft Identität, und argentinische Gretchenfrage lautet: Für welchen Verein bist du? Hier ist nicht die Rede von Fußballfans, nein. Jede Weltmeisterschaft bringt buchstäblich ein Land zum Stillstand, und ob man vom Verein Boca oder River ist, ist eine durchweg ideologische Entscheidung. Genauso wie die Einordnung in politisch links oder rechts. Zumindest in Argentinien hält man es so damit.

Der große Unterschied zur Art und Weise, in der man sich dagegen in Europa dem Ballsport widmet, verlockt zu einer Vielzahl verschiedener Erklärungen. Denn hinzu kommt, dass Europa sehr groß ist, und man ja in Italien den Fußball wieder anders erlebt als zum Beispiel in Frankreich. Die Institution Fußball ist auf beiden Seiten des Ozeans die gleiche, aber die Leidenschaft für ihn ist unterschiedlich. Hier auf dem alten Kontinent führt ein verlorenes Spiel selten zu Stürmen der Entrüstung. Und der Grund? Es kommt nicht gerade häufig vor, dass hier die Kinder mit dem Ball unterm Arm aus dem Haus kommen und zum nächsten leeren Grundstück an der Straßenecke gehen, um dort Fußball zu spielen. Es ist auch in den meisten Fällen keine ideologische Entscheidung, dem einen oder anderen Verein anzuhängen. Ein weiterer großer Unterschied könnte auch in der Tatsache liegen, dass der Fußball in Europa mit den zahlreichen „Popstars“ und „Star Search“-Sendungen in der Unterhaltungsbranche fast auf derselben Stufe steht.

Träume werden wahr

In Lateinamerika und ganz besonders in Argentinien, Kolumbien oder Brasilien ist die emotionale Beteiligung am Fußball enorm hoch; sie löst einerseits überschwängliche Feiern nach einem gewonnenen Spiel und andererseits Frust und Depressionen nach einer Niederlage aus. Sie führt aber bedauerlicherweise auch zu gewalttätigen Fanatismen. Wie aber kann man nicht Anhänger einer Religion sein, die es als einzige in der Welt geschafft hat, Träume wahr werden zu lassen?

Es hat Früchte getragen, dass Maradona und viele andere Spieler das Unmögliche wahr machten und aus dem Nichts aufstiegen. Dass Maradona auf dem Höhepunkt seiner Karriere unglaubliche Spielleistungen vollführte und fast alleine Weltmeisterschaften gewann, löste beim gesamten Land das Gefühl aus, tief in der Schuld dieses kleingewachsenen und mittlerweile etwas übergewichtigen Jungen zu stehen, dem der Ball an die Füße genäht worden zu sein schien.

Ganz Argentinien platzte vor Freude, als es 1986 die Weltmeisterschaft gewann. Das Tor aus der Hand Gottes gegen die Engländer ist dem gesamten Land tief im Gedächtnis verankert. Ebenso tief wie jenes Bild des Gottes, als er 1994 euphorisch in die Kameras schrie, kurz bevor entdeckt wurde, dass er sich dopte, und er für immer vom Rasen und von den Weltmeisterschaften disqualifiziert wurde.

An diesem Tag trug Argentinien Trauer, klammerte sich aber an die Hoffnung der biblischen Auferstehung.

Denn Maradona trägt das schwere Los eines Messias. Inmitten eines der Skandale um seine Drogensucht, sagte er fast schon flehend: „Ich brauche es, gebraucht zu werden“. Die Argentinier haben ihn gebraucht und brauchen ihn auch weiterhin. Obwohl diese Extrembeziehung Diego fast zugrunde gerichtet hat, und ihn in einen rauschartigen und abhängig machenden Strudel trieb, viel schlimmer noch in seiner Wirkung als die Drogen.

Denn Gott ist unfehlbar. Und Gott kann nicht sterben. Daher verkörpert Maradona auch den menschlichen Widerspruch. Und es werden weiterhin jedes Mal, wenn er in ein Krankenhaus eingeliefert wird, provisorische Altare aufgebaut werden, und seine tausenden Anhänger werden weiterhin zu Gott beten, damit ‚Gott’ durchhält. Und obwohl Maradona nun nicht mehr als Gott in den Stadien auftritt, hat er doch seine Aufgabe erfüllt: Die Erschaffung eines ewigen Traumes.