Glyphosat: Monsantos schwarzes Schaf

Artikel veröffentlicht am 29. November 2017
Artikel veröffentlicht am 29. November 2017

Glyphosat, ein barbarischer Name für eines der ausgeklügelsten Produkte Monsantos. Und in Wahrheit? Ein Herbizid, das von unzähligen Studien angeprangert und doch von der EU als harmlos erklärt wird. Im Kampf gegen Pestizid-Lobbyisten, Staaten, Institutionen und NGOs sticht eine Gruppe besonders heraus: Personen in Tierkostümen, die zu allem bereit sind, damit das Produkt endlich verboten wird.

Vor dem Justizgebäude in Brüssel hat sich eine seltsame Schar versammelt: Fische, Quallen, Füchse, Bären, Enten und andere Tiere zelebrieren einen Haka (ritueller Tanz der Māori, Anm. d. Red.). Immer wieder ertönen tierische Schreie. Doch durch den Trubel hindurch schallen auch sehr konkrete Forderungen: „Kartoffeln, nicht Glyphosat“, „Wir haben mehr parat als Glyphosat“, „Solidarität mit den Angeklagten weltweit“, „Nein, Nein, Nein zu Glyphosat ... und zu der beschissenen Welt, die damit einhergeht“. Hinter der Menagerie verbirgt sich eine Aktivistengruppe mit dem Namen l’Ensemble Zoologique de Libération de la Nature (EZLN), (dt. zoologischer Verbund zur Befreiung der Natur). Neun von ihren Mitgliedern werden seit letztem Mai für die Verunstaltung der Gebäude der European Crop Protection Association (ECPA) angeklagt, einer Interessensgruppe, die die Pestizidindustrie in Brüssel zusammenführt. Die Aktivisten besprayten die Glasscheiben mit ihren Parolen und verteilten Erde und Gräser auf den Fußböden der Flure. Anwesend waren in erster Linie die engsten Unterstützer der Unterbefehlshaber Tiger und Vogelkäfig, um ihrer Empörung Luft zu machen.

Auf Seiten des EZLN gibt es viele Unterstützer: Greenpeace, Corporate Europe Observatory, die Liga der Menschenrechte, Oxfam... Insgesamt sind es 50 Organisationen, die den Aufruf zur Unterstützung des EZLN unterzeichnet haben. Sie sind der Ansicht, dass „die von diesem Kollektiv durchgeführten Aktionen ein Thema allgemeinen Interesses sind.“ Diese Woche war ein entscheidender Zeitpunkt für die Europäische Union, die „entscheiden musste, ob sie die Zulassung für Glyphosat, den Hauptbestandteil des Herbizids Roundup, verlängert oder nicht.“

Das umstrittene Glypho

Dass die Aktivistengruppe entschieden hat, das Gebäude der ECPA anzugreifen, ist kein Zufall. Die Lobby vertritt vor allem die Interessen der Firma Monsanto, einem der größten Pestizidproduzenten. Offiziell gibt Monsanto jährlich 400.000 Euro für Lobbyarbeit in Brüssel aus, eine Zahl, die nach Schätzungen der NGO Corporate Europe Observatory weit unter der Realität liegt.

In den 1970er Jahren nahm sich Monsanto der Erfindung eines gewissen Henri Martin an: dem Glyphosat. Damals war die chemische Verbindung ausschließlich als Rohrreiniger im Einsatz. Es ist der neue Verwendungszweck, der schließlich zu ihrem Erfolg führt: die Unkrautvernichtung. Das Produkt ist in der Tat sehr nützlich. Es erlaubt alle schlechten (und guten) Kräuter und Gräser abzutöten, ohne Auswirkungen auf die folgenden Anbauten. Vorausgesetzt, eine Schonfrist von einer Woche wird eingehalten. Die Wirkung des Glyphosats wird umso interessanter, wenn es mit genmanipuliertem Saatgut der selben Marke kombiniert wird, welches gegen das Unkrautmittel resistent ist. Heute werden weltweit mehr als 700.000 Tonnen Glyphosat pro Jahr verkauft. Das Molekül ist kostengünstig und sehr effektiv. Aus diesem Grund verwenden es seit dem Ende des exklusiven Patents für Monsanto zur Jahrtausendwende mittlerweile 90 Unternehmen. Es ist in mehr als 750 Produkten zu finden und damit das am weitesten verbreitete Herbizid der Welt.

Im Jahr 2015 jedoch begann ein Schatten die Erfolgsgeschichte vom „Glypho“ zu verdunkeln: Die internationale Agentur für Krebsforschung der Vereinten Nationen (IARC) mit Sitz in Lyon stuft die chemische Verbindung als „erbgutverändernd und krebserregend für Tiere und wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ein. Forscher stellen eine Verbindung zwischen dem Non-Hodgkin-Lymphom, einem seltenen Blutkrebs, und der Verwendung von Glyphosat her. Die von der IARC verwendete Literatur schließt Studien aus, die von den Firmen selbst durchgeführt wurden.

Zu diesem Zeitpunkt entdeckt die Öffentlichkeit, die dem Produkt bisher (dank der zahlreichen von Monsanto durchgeführten Werbekampagnen) gleichgültig oder sogar positiv gegenüberstand, dass sie in Kontakt mit einer gefährlichen Substanz stehen könnte. Marie-Monique Robins kürzlich erschienener Dokumentarfilm „Roundup, der Prozess“ (2017) berichtet über die jahrelange ungehemmte Verwendung. Die französische Protagonistin Grataloup und Maria aus Argentinien erzählen, dass ihre Kinder an Atemfehlbildungen leiden, nachdem die Familie mit Roundup gearbeitet oder neben Feldern gelebt hat. Es ist ein deutscher Schweinezüchter, der eine Parallele zwischen diesen Kindern und seinen kleinen Ferkeln zieht, die zu hunderten entstellt geboren wurden, nachdem die Säue mit gentechnisch veränderten Körnern (GVO-Samen) gefüttert wurden, die Glyphosat enthielten. Es gibt Aberhunderte von Geschichten wie diesen.

„Im Rahmen der europäischen Vorschriften sollte ein Molekül, das wahrscheinlich krebserregend ist, nicht erneut zugelassen werden“, erklärt uns Nadine Lauverjat, Mitglied der NGO Génerations Futures (dt. zukünftige Generationen). Gleichwohl ist die IARC, die den karzinogenen Charakter von Glyphosat im Jahr 2015 anerkannt hat, nicht das offizielle Amt der Europäischen Union. Auf diesem Posten finden wir die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit.

Die Berichte der EFSA und der Europäischen Chemikalienagentur ECHA von 2015 kommen jedoch ihrerseits zu dem Schluss, dass Glyphosat nicht krebserregend sei. Ein Rückschlag für die Verbände, welche das regulatorische und unwissenschaftliche Vorgehen anprangern, das zu der Entscheidung führte. Tatsächlich haben sich die Agenturen weitgehend auf die Studien von Monsanto selbst verlassen, ohne die gesamte vorhandene wissenschaftliche Literatur zu analysieren. „Dies wirft die Frage nach der Korrektheit der europäischen Gutachter und ihrer Unabhängigkeit auf“, merkt Nadine Lauverjat an.

Eine Frage, die umso stärker im Jahr 2017 aufkommt, nachdem die „Monsanto Papers“ von der Zeitung Le Monde veröffentlicht wurden. Die Tageszeitung berichtete unter anderem, dass Monsanto durch Ghostwriter Berichte beauftragt habe, welche die eigenen Produkte anpreisen, und sie anschließend gegen großzügige Geldsummen von Wissenschaftlern unterschreiben ließ. Angesichts dieser Enthüllungen glaubt die belgische Aktivistengruppe, dass traditionelle Handlungsweisen nicht mehr ausreichen. Marie Lauverjat gibt zu, dass „die Debatte um Glyphosat in Europa ein selten erreichtes Ausmaß an Gewalt annimmt.“

Wenn sich die Natur ihre Rechte zurückholt

Das anlässlich der Weltklimakonferenz COP21 im Jahr 2015 geschaffene Kollektiv EZLN lässt einen Kampf auf den nächsten folgen. Nach dem transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP 2016, musste der Kampf im Jahr 2017 der des Glyphosats sein: „Wir hatten verstanden, dass die Zulassung vom Glyphosat 2017 erneuert werden sollte und sagten uns, dass es notwendig ist, das in die Medien zu bringen. Dass es notwendig ist, dass wir darüber reden und zeigen, dass es Leute gibt, die nicht einverstanden sind und dass ein konkreter und direkter Widerstand existiert“, erinnert sich Unterbefehlshaber Erpel. Sie kämpfen daher nicht „für, sondern mit der Natur“, fügt der Schwimmvogel hinzu.

Die Truppe ist nach dem Vorbild der mexikanischen Widerstandsgruppe des EZLN organsiert, die sie unterstützen und auf der sie aufbauen. Es sind 200 bis 300 Menschen im Alter von 18 bis 60 Jahren aus allen Schichten, die in Ausnahmefällen bereit sind, sich zu mobilisieren, um die Umwelt zu schützen. Etwa zwanzig von ihnen sind aktiver, aber sie versuchen, keine Hierarchie untereinander entstehen zu lassen. In der Tat sind alle Mitglieder, unabhängig von der Tierrasse, „Unterbefehlshaber“. Ein Hilfsmittel der flachen Hierarchie aus anarchistischer Inspiration. Denn, in erster Linie, noch vor ihrem Dasein als Naturschützer, seien Schmetterlinge und Makaken antikapitalistisch veranlagt. „Glyphosat ist einer der Bestandteile des Kapitalismus, genau genommen ist es ein Symptom. Wir sind in einem Wirtschaftsmodell, das Allem anderen zum Trotz Profit machen will: Ungeachtet der Umwelt, ungeachtet der Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Natur ist eines der Dinge, die vom Kapitalismus zerstört werden. Und deshalb bezeichnen wir uns in unseren Überlegungen zum Naturschutz als antikapitalistisch, mit allem, was dazugehört“, erklärt uns der Enterich.

Die Gruppe führt gewaltfreie, aber ausreichend fotogene Aktionen durch, um damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Eine Methode, die Nadine Lauverjat kommentiert: „Wir dürfen nicht auf alle rechtlichen Mittel verzichten, die uns zur Verfügung stehen: mediale, visuelle Mittel, durch die wir mit Publikum in Berührung kommen, das wir zum Beispiel mit unseren wissenschaftlichen Studien nicht erreichen würden. Die Organisationen beweisen einen großen Einfallsreichtum und das ist nützlich, um die Diskussion anzuregen. Als nächstes ist es wichtig, im Gesetzesrahmen zu bleiben. Ziviler Ungehorsam ergibt Sinn, muss aber sehr präzise ausgeführt werden.“

Bewaffnet mit Töpfen und Wasserfarbe, Schneebällen, Erde und Laub, zieht die fröhliche Truppe in Brüssel am 10. Mai 2017 auf Kommandomission in Richtung ECPA-Hauptsitz. Die Aktion ist ein Erfolg, findet aber ein böses Ende. Die Polizei ist hinter ihnen her, sie verhaftet neun Personen. Vom belgischen Staat verfolgt, riskieren sie eine Gefängnisstrafe auf Bewährung, ein hartes Strafmaß.

Dann, am 9. November, dem Tag, an dem die Mitgliedstaaten ebenfalls über die Erneuerung der Glyphosat-Zulassung entscheiden sollten, mobilisiert sich „die Natur“, solidarisch. Auch ein Kartoffelverkäufer unterstützt die Aktion immer wieder. Seit den Anfängen der Mobilisierung hat er mehr als 1.000 Säcke Kartoffeln verkauft, das macht 3 Tonnen. Für jeden verkauften Sack gibt er 3 Euro an den Verein. Das sei ein Weg sie zu unterstützen, sagt er, für jene, die keine Zeit hätten, oft „in die Stadt“ zu gehen, wo die Aktionen durchgeführt werden sollen. Auf der Tribüne folgt ein Unterbefehlshaber auf den nächsten. Unterbefehlshaber Bär präsentiert das EZLN als „Zusammentreffen von Tieren und Gemüse“, das sich die Einführung eines internationalen Strafgerichtshofs gegen Verbrechen an der Umwelt wünscht. Unterbefehlshaber Fuchs beklagt ein „Klima der Repression“ und zählt alle laufenden Prozesse auf, in die Aktivisten verwickelt sind. Nina, Mitglied des Corporate Europe Observatory, erklärt, was an diesem Morgen in der geschlossenen Sitzung der Institutionen geschah. Die Mitgliedstaaten konnten sich noch immer nicht einigen, die Entscheidung wurde verschoben. Als sich Frankreich, Belgien und Italien gegen die Erneuerung der Glyphosat-Lizenz für 5 Jahre aussprachen, stimmten Spanien, Dänemark und Großbritannien dafür.

Am Tag des Prozesses trafen sie die Abgeordnete Christine Revault D'allons Bonnefoy (S&D). Sie gehört zu denjenigen im Europäischen Parlament, die für das Verbot von Glyphosat stimmten und bedauert: „Wenn wir all diese Informationen haben, ist es unmöglich, die Augen davor zu verschließen. Wir müssen diesen Skandal beenden.“ Für die Abgeordnete werden die Mitgliedstaaten zu Komplizen von Monsanto, wenn sie die Erneuerung der Glyphosat-Zulassung akzeptieren. Sie hebt außerdem die wichtige Arbeit der Whistleblower hervor, zu denen auch immer wieder der EZLN gehört. „Es betrifft das Leben von Männern und Frauen, aber wir sollten ja Politik für und nicht gegen sie machen“, fügt sie hinzu.

Am 27. November hat die Europäische Kommission angekündigt, Glyphosat für 5 weitere Jahre zu verlängern. Der EZLN beabsichtigt, nicht klein beizugeben: „Die Verhandlung ist ein Weg, uns zum Schweigen zu bringen. Wir sind hier, um das Gemeinwohl zu erhalten, also werden wir nicht den Mund halten, niemals“, schnaubt Unterbefehlshaber Enterich.

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