Glitzer, Glamour und viel nackte Haut: Welcome to Bollywood! (Teil 2)

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2011
Guys, guys! I need more action!!! Einer der vielen schicken Mumbaites, die das Set bevölkern und der wohl der Regisseur des Films ist, rennt gestikulierend zwischen den Tänzerinnen umher. Die zeigen wie die Statisten nach vier Stunden erste Ermüdungserscheinungen.

Nur der Bodybuilder in der Lederjacke schwingt seine Herzensdame weiterhin unermüdlich vor der Kamera hin und her, obwohl sich die Einstellung seit dem frühen Morgen nicht geändert zu haben scheint und wir mittlerweile bei der gefühlten 136. Klappe sind. Nach mehr als acht Stunden mäßig interessanter Gespräche mit anderen Statisten stochere ich trüben Gedanken nachhängend in meinem mit gefärbtem Wasser gefüllten Glas und versuche, die Plastikolive aufzuspießen. Okay guys, last take! Am Ende der zehn Stunden kommt mir die letzte Klappe wie eine echte Befreiung vor. Noch schnell irgendein Papier unterschreiben, 500 Rupien einstecken und ich bin auf dem Weg zum Bahnhof, wo der Nachtzug nach Delhi auf mich wartet.

Beinahe hätte ich den ganzen Filmtrubel dann auch vergessen, wenn mir nicht bei meinem nächsten Zwischenstopp in Mumbai das glitzernde Filmplakat von Desi Boyz ins Auge gesprungen wäre. Während ich es noch kaum fassen kann, dass ich in einem der Kinoknaller dieses Jahres mitgespielt habe, klärt mich ein indischer Freund auf, dass der große Inder mit der Lederjacke Akshay Kumar ist, der „Tom Cruise Bollywoods“. Fortan begegnen mir alle Inder, denen ich erzähle, dass ich zehn Stunden lang mit Akshay Kumar in einem Raum verbracht habe, mit Ehrfurcht. Dass ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht wusste, wer er überhaupt ist, verschweige ich aber. Denn dass Europäer keine Ahnung von Bollywood haben oder, wenn sie denn doch einmal einen Film gesehen haben, ihn meistens schrecklich fanden, käme den meisten Indern nie in den Sinn.

Zurück in Colaba, dem hippen Zentrum von Mumbai, kaufe ich mir eine Karte für die Nachmittagsvorstellung von Desi Boyz. Da Akshay und Co. nur mittelgute Kritiken erhalten haben, stelle ich mich auf einen dreistündigen Marathon aus endlosen Tanz- und Liebesszenen ohne Inhalt ein, aber ganz so fürchterlich ist der Film dann doch nicht. Nachdem sich die Zuschauer mit zuckersüßem Kuchen eingedeckt haben, tönt die indische Nationalhymne aus den Lautsprechern und alle singen brav mit. Dann geht die Bollywood-Action auch schon los: Die in London lebenden Freunde Jerry und Nick verlieren ihre Jobs und können ihren verwaisten Neffen bzw. ihre kostspielige Verlobte nicht mehr länger unterhalten. Daher heuern sie kurzerhand bei einer Escort-Agentur an und erfreuen fortan junge Damen im Bikini mit ihren erotischen Tanzeinlagen. Das gefällt natürlich weder der Verlobten noch dem Jugendamt und Jerry und Nick verbringen den Rest des Films damit, alles wieder gerade zu biegen. Dass dabei nur Hindi gesprochen wird, macht nichts aus, denn die Mimik der Schauspieler ist ausdrucksstark genug und ich verstehe den Plot auch so.

Während die Bässe des Titelsongs durch das Kino wummern und ich mich frage, wie die indischen Gesellschaft so prüde sein und gleichzeitig aufgeheizte Tanzeinlagen, die selbst westliche R’n’B-Videos in den Schatten stellen, erlauben kann, kreischt das Publikum auf seinen Sitzen. Bollywood ist nach wie vor die Droge Nummer eins in diesem Land und laut einer aktuellen Umfrage von Times India (Dezember 2011) würden 48 % der Männer lieber mit einem Filmsternchen als mit ihrer Frau schlafen. Geplättet von einer Überdosis Glitzer rette ich mich in ein angrenzendes Restaurant und versuche, meine Lebensgeister mit lemon soda wieder zu beleben. Meine Tischnachbarn waren ebenfalls im Kino und stimmen sofort eine Lobeshymne auf Desi Boyz an. Als ich erwähne, dass ich in der Salsa-Bar-Szene mitgespielt habe, brechen sie in Freudenschreie aus: I never met Bollywood star in life! You first one! Lächelnd versuche ich ihnen klar zu machen, dass ich kein Bollywoodsternchen, sondern nur eine Reisende bin, die zufällig zur Statistin geworden ist, doch das scheint für sie dasselbe zu sein. Wer weiß, vielleicht haben die beiden ja auch gar nicht so unrecht? Ein möglicher Karrierepfad wäre Bollywood sicher – sollte alles andere schief gehen.