Glitzer, Glamour und viel nackte Haut: Welcome to Bollywood! (Teil 1)

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2011
Hier ein Scheinwerfer, dort ein grauer Plastikstuhl und über allem dröhnt die Klimaanlage: Der Hinterhofschuppen, in dem ich mich nach einer langen Busfahrt durch die endlosen Slums von Mumbai wiederfinde, sieht nicht im Entferntesten so aus, wie man sich ein professionelles Filmset vorstellen könnte.

Es stehen zwar viele Kameras herum, die man mit einem ungeschickten Tritt in den Kabelsalat schnell zu Fall bringen könnte, aber von Schauspielern fehlt jede Spur und auch die Kulisse, die wohl eine Bar darstellen soll, erinnert eher an einen Stripclub. Dazu passend stehen überall rundliche Tänzerinnen in knappen, knallbunten Kleidchen herum und warten auf den Anpfiff. Wenn da nicht der kleine indische Junge wäre, der sie unermüdlich mit Wasserflaschen versorgt, könnte man fast vergessen, dass dies ein indisches Filmset ist, denn alle Tänzerinnen sind Europäerinnen. Das ist auch der Grund, warum ich mich an einem unerträglich heißen Tag im Mai am Set des Bollywoodfilms Desi Boyz wiederfinde. Ich bin weiß – und das will das indische Kinopublikum sehen.

Während ich noch an dem blauen Strass-Top und der violetten Hose, die der Kostümbildner für mich aus einem meterhohen Klamottenberg gefischt hat, herum zupfe und mich wie die Auferstehung aller Modesünden der 80er Jahre fühle, blitzen mehrere Scheinwerfer auf und eine Gruppe junger, hip gekleideter Inder rennt in den Raum. Die meisten machen sich sofort an den Kameras zu schaffen, während die Maskenbildnerin einen nicht nur für indische Verhältnisse sehr großen und gut aussehenden Mann in Jeans und Lederjacke herum kommandiert. Come on, guys! Get ready! Und dann schreit auch schon jemand: Camera, action! Während der Mann mit der Lederjacke im hinteren Teil der Kulisse eine Schönheit aus 1001 Nacht in einem goldenen Minikleid herumwirbelt und die Tänzerinnen ihre Hüften schwingen, sitze ich an der Bar und versuche angestrengt Konversation mit den anderen Statisten zu machen. Stop and go again!

Die meisten haben sich wie ich rein zufällig am Bollywood-Set wieder gefunden, da sie sich wegen astronomischer Hotelpreise in Mumbai nur die Absteige der Heilsarmee leisten konnten, die gleichzeitig als Vermittlungsbörse von Statisten an Bollywood-Agenten fungiert. Und warum auch Nein sagen, wenn der ganze Tag samt kostenlosem Essen in einem klimatisierten Raum mit 500 Rupien (ungefähr 7 Euro) entlohnt wird? Was in Europa ein Hungerlohn wäre, ist in Indien ein mehr als guter Tageserwerb, vor allem wenn man dafür nur herumstehen muss. Regieanweisungen gibt es nur eine: Wir sollen uns wie die Besucher einer underground Salsa-Bar in London verhalten. That should come naturally to you guys, right? grinst unser Aufpasser. Dass ein entsprechender Ort in London sicherlich anders aussähe, wenn es ihn denn überhaupt gäbe, spielt dabei keine Rolle.

Denn in einem Bollywood-Film geht es nicht um die Realität, sondern um das auf Hochglanz polierte Leben der Reichen und Schönen. Und weil auch in Indien der Westen das Maß aller Dinge ist, spicken Regisseure ihre Filme mit weißen Statisten, die den indozentrischen Geschichten ein internationales Flair verleihen sollen. In einem Land, in dem die Dunkelheit der Haut automatisch die soziale Stellung anzeigt und der Handel mit gesichtsaufhellenden Cremes floriert, ist die Rolle des weißen Statisten daher eine feste Institution. Schaut man sich einen Bollywood-Film an, könnte man meinen, ganz Indien sei ein porentief reines Zauberreich, durch das hellhäutige Schönheiten in paillettenbestickten Saris tänzeln und in dem das einzige Problem in der Entscheidung besteht, wohin die Hochzeitsreise gehen soll. Aber noch nicht einmal Mumbai, die Hauptstadt des indischen Jetsets, entspricht diesem Idealbild, denn neben dem berühmten Taj Hotel, der Lieblingsabsteige vieler Bollywoodstars, beherbergt die Metropole auch Dharavi, den größten Slum Asiens.

Durchschnittsinder kommen dabei in Bollywoodfilmen so gut wie nie vor, ganz zu schweigen von Bettlern oder Obdachlosen. Schließlich wollen die Kinobesucher nicht an ihr Leben außerhalb des Plüschsessels erinnert werden, sondern ziehen es vor, vom großen Geld und der romantischen Liebe zu träumen. Diesem Wunsch entspricht die hindisprachige Filmindustrie in Mumbai vollauf, wie sich ja auch ihr Rivale Hollywood vor allem darum bemüht, Träume aufzukochen. Die Mehrzahl der von Bollywood produzierten Filme sind daher Schmonzetten und Actionstreifen. Doch selbst wenn Bollywood mittlerweile mehr Filme pro Jahr als Hollywood produziert, macht die amerikanische Filmindustrie immer noch einen bei Weitem größeren Umsatz. Wie sich der Kampf der zwei Kino-Giganten in den nächsten Jahren entwickeln wird, bleibt abzuwarten, aber angesichts der ständig wachsenden Bevölkerungszahl in Indien ist eine Stagnation der extravagantesten Filmindustrie der Welt wohl nicht zu erwarten.

Ob ich in Bollywood berühmt geworden bin, lest ihr im zweiten Teil der Reportage